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MissBehandlungen

Über sexuelle Gewalt in Einrichtungen der Behindertenhilfe und in (Sozial-)Psychiatrien.

15.10.18 > Körper

Von Nala David

Institutionen der Behindertenhilfe, Wohnheime und Psychiatrien sind Machtinstitutionen. Sie haben emotional, physisch und in vielen Fällen auch juristisch eine enorme Macht über behinderte und kranke Menschen. Wenn diejenigen, die ihnen eigentlich helfen sollten, das bestehende Abhängigkeitsverhältnis ausnutzen, sind Betroffene dem meist schutzlos ausgeliefert. Selbst wenn Betroffene den Missbrauch durch Menschen, denen sie vertrauten, als solchen erkennen, müssen sie darauf hoffen, dass die Institution dementsprechend reagiert – was in der Realität unwahrscheinlich ist. Es gibt keine flächendeckenden Strukturen und Kontrollinstanzen, die behinderte und kranke Menschen schützen. „Einfach weggehen“ können und/oder dürfen sie meist auch nicht.

© Christopher Martyn

Feminist*innen weisen beim Thema sexualisierte Gewalt oft darauf hin, dass diese nicht nur ein individuelles Problem einzelner Personen ist, sondern durch herrschende gesellschaftliche Machtstrukturen begünstigt wird. Eine dieser Machtstrukturen ist Sexismus. Sobald Medien im Rahmen sogenannter Sexismusdebatten über weitere ungleiche Machtverhältnisse berichten, bedienen sie sich meist dem Beispiel des kapitalistischen Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Arbeitnehmer*innen und Arbeitgeber*innen.

Der Arbeitsplatz ist allerdings nicht der einzige Ort, an dem Menschen in unterschiedlichen Machtpositionen aufeinandertreffen. Ein Thema, das selten bis nie öffentlich besprochen wird, ist Machtmissbrauch in Strukturen der Behindertenhilfe und/oder in der Psychiatrie, in dessen Kontext mindestens Ableismus (Behindertenfeindlichkeit) und Sexismus ineinandergreifen – bei mehrfachdiskriminierten behinderten Menschen auch mehr, wie Rassismus, Antisemitismus, Klassismus, Cis- und Heterosexismus.

In Einrichtungen der Behindertenhilfe, Wohnheimen für kranke_behinderte Menschen, psychotherapeutischen oder psychiatrischen Einrichtungen gibt es immer ein Machtgefälle zwischen Klient*innen und Mitarbeiter*innen. Ein Aspekt ist emotionale Abhängigkeit in therapeutischen und/oder sozialpädagogischen Arbeitsbeziehungen: Klient*innen öffnen sich und machen sich emotional verwundbar, ohne dabei persönliches Wissen über das Gegenüber zu haben. Da Therapeut*innen in der Lage wären, mit ihrem Wissen über Patient*innen diese zu manipulieren, sind grundsätzlich keine sexuellen oder romantischen Beziehungen zwischen Patient*innen und Therapeut*innen erlaubt. Sexuelle Annäherungen vonseiten eines*einer Therapeut*in werden immer als sexuelle Gewalt gewertet, auch dann, wenn es mit Zustimmung der Patient*innen passiert. Diese Regelung für Psychotherapeut*innen gilt auch für Mitarbeitende in Psychiatrien, Beratungsstellen, Wohnheimen und anderen Einrichtungen der Behindertenhilfe.

­­Viele behinderte, kranke und neuroatypische Menschen sind zudem durch die Einschränkungen durch ihre Erkrankung und/oder durch richterliche Bestimmung an Institutionen gebunden. Durch die Angewiesenheit auf Hilfe, lange Wartezeiten anderer Wohnheime oder die fehlende Erlaubnis, das Wohnheim oder die Psychiatrie zu verlassen, ist es Patient*innen teilweise unmöglich, Grenzüberschreitungen zu entkommen.

Nicht selten kommt es vor, dass behinderten, kranken und neuroatypischen Menschen nicht geglaubt wird, wenn sie (sexualisierte) Gewalt erleben. Sie werden gesellschaftlich als unsexuelle Objekte dargestellt, die Selbstbestimmung über den eigenen Körper wird komplett abgesprochen. Wieso sollte „unzurechnungsfähigen“ Menschen auch geglaubt werden? Diese Denkmuster sind gefährlich und werden durch Machtstrukturen wie Ableismus und Sexismus wirkungsvoll. Das folgende Erlebnis ist ein Beispiel dafür – leider kein fiktives, sondern eines, das ich erlebt habe.

Ich bin psychisch krank. Aufgrund meiner Erkrankung benötige ich sowohl Unterstützung bei alltäglichen Erledigungen als auch in psychischen Krisen. Während meines Erlebten wohnte ich in einem Wohnheim für psychisch kranke Erwachsene, wo uns tagsüber Sozialarbeiter*innen beistanden und nachts Student*innen aushalfen.

Herr Meier* ist Nachtdienst in dem Wohnheim. Am Anfang meiner Zeit im Wohnheim empfand ich Herrn Meier als sehr nett und unterstützend. Er saß manchmal stundenlang bei mir, wenn es mir schlecht ging, und machte immer wieder kleine Ausnahmen der Hausregeln für mich. Nach einer Weile bemerkte ich, dass unsere gesamte Arbeitsbeziehung eine reinste „Ausnahme“ war. Er behandelte mich nie wie die anderen Bewohner*innen, vor allem nicht, wenn wir alleine waren. Es waren kleine Gesten wie das Zuzwinkern und zweideutiges Angrinsen jedes Mal, wenn er in den Dienst kam und mich irgendwo alleine sah. Es waren die vielen sehr persönlichen Komplimente. Es war das durchgängige mich immer nur Duzen – außer wenn andere dabei waren, denn die Hausregel ist, dass sich Mitarbeitende und Bewohner*innen siezen.

Es waren die Momente, in denen er mich länger anschaute, als es angenehm war, um mir dann zu sagen, dass er mich mag oder dass ich ein ganz besonderer Mensch sei. Wenn wir alleine waren, kam er immer wieder sehr nah auf mich zu. Wenn wir alleine waren, behandelte er mich nie wie eine zu betreuende Person, sondern immer wie ein Date. Seine verbalen Anmachen und Flirtversuche gingen über Monate. Während einer seiner Nachtdienste wurde aus den verbalen Grenzüberschreitungen fast eine körperliche. Ich sagte ihm zwar, dass ich diese Nähe nicht wollte, doch die Grenzüberschreitungen waren geschehen und immer, wenn er Dienst hatte, fühlte ich mich unwohl. Ich versuchte, meine Ängste ihn betreffend zu verdrängen, doch irgendwann war es für mich nicht mehr möglich, so zu tun, als wäre nichts gewesen.

Ich erzählte einem der Sozialarbeiter, was passiert war. Zunächst konnte keine*r der Mitarbeitenden des Wohnheims sagen, was nun geschehen würde. Mein Fall wurde in einer Konferenz vor allen Sozialarbeiter*innen und der Leitung des Wohnheims besprochen. Ich wurde unter Druck gesetzt, den Namen des Nachtdiensts zu nennen, den ich zunächst aus Angst, die Situation für mich damit noch zu verschlimmern, geheim gehalten hatte. Ich sollte in einem Gespräch mit der Wohnheimleitung noch mal erzählen, was vorgefallen war. Danach führte sie ein Gespräch mit Herrn Meier. Ich fragte wochenlang immer und immer wieder, ob ich Herrn Meier noch mal begegnen muss, ob er weiterhin in meinem Wohnheim arbeiten würde, wie das weitere Vorgehen sein wird, nur um immer wieder zu hören, dass man mir dazu noch nichts sagen könne. Nach etwa zwei Monaten erfuhr ich, dass Herr Meier alles abgestritten hatte, dass seine Kolleg*innen und Chefs ihm und nicht mir glaubten, und dass er weiterhin im Wohnheim arbeiten werde. Die Frage, wie ich vor weiteren Grenzüberschreitungen in meinem eigenen Zuhause geschützt werden könnte, hat mir niemand beantwortet. Ich lebte also weiterhin in einem Zimmer, zu dem alle Mitarbeitenden Schlüssel hatten – ohne die Möglichkeit, „einfach ausziehen“ zu können.

Ich frage mich oft, warum die Sozialarbeiter*innen – die Menschen, denen ich sehr viel von mir anvertraut habe – mir nicht glauben. Es ist vermutlich eine Mischung aus zum einen generellen sexistischen Strukturen in unserer Gesellschaft. Menschen, die von erlebten sexualisierten Grenzüberschreitungen berichten, wird oft unterstellt, nicht zwischen „harmlosen Komplimenten und Belästigung“ unterscheiden zu können. Hierbei spielen oft sowohl jahrhundertealte sexistische Stereotypen über die „hysterische, überempfindliche Frau“ als auch ein genereller Unwille, Betroffenen von sexualisierten Grenzüberschreitungen zu glauben hinein. Verstärkt wird diese Feindseligkeit gegenüber Betroffenen noch, wenn Menschen den Täter kennen – getreu dem Motto „in unserer Familie/Kirche/Firma passiert so was nicht“ bzw. „DER würde so was NIEMALS machen!!!“.
Zudem bin ich nicht nur eine Frau in einer sexistischen Gesellschaft, sondern auch psychisch krank in einer ableistischen Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der eine psychiatrische Diagnose für viele gleichbedeutend ist mit Unzurechnungsfähigkeit. Es ist einfach, sich einzureden, dass ich als Psycho™ eine gestörte Wahrnehmung haben muss, während der nette Kollege im sozialen Beruf die Wahrheit sagen muss.

Laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) sind behinderte Frauen und Mädchen zwei- bis dreimal häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen als nicht behinderte Frauen und Mädchen. Fast jede zweite behinderte Frau hat sexualisierte Gewalt erlebt. Statistiken zu männlichen und nicht binär geschlechtlichen Betroffenen sind schwer zu finden, aber auch in diesen Fällen ist davon auszugehen, dass behinderte nicht weibliche Menschen ebenso deutlich häufiger sexualisierte Gewalt erleben als nicht behinderte Menschen ihres Geschlechts. Über sexualisierte Gewalt in Psychotherapien schreibt der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe, dass 10 Prozent aller Therapeut*innen mindestens einmal sexuellen Kontakt zu Klient*innen hatten – die Dunkelziffer geht von 20 bis 30 Prozent aus.

Betroffene finden Unterstützung bei den Frauennotrufen vom bff, bei lokalen Notrufen sowie dem kostenlosen Hilfetelefon unter 0800/116016.

Ärzt*innen, Psycholog*innen, Betreuer*innen, Sozialarbeiter*innen und anderen „Helferberufen“ wird in dieser Gesellschaft oft eine große Autorität eingeräumt. Sie gelten als die, „die schon wissen, was sie tun“, während kranke und behinderte Menschen oft als diejenigen gesehen werden, „die nicht wissen, was sie tun“.

Während es als Betroffene*r von sexualisierten Grenzüberschreitungen immer schwer ist, Menschen zu finden, die einer*m glauben und einen unterstützen (auch dann, wenn sie den Täter kennen), ist es als kranke und_oder behinderte Betroffene doppelt so schwer. Zu „Wer soll mir schon glauben?“ kommt „Wer glaubt schon einem Psycho™?“.

 

 

* Sämtliche Namen wurden von der Redaktion geändert.

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