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„Wenn wir uns nicht verbünden, gehen wir alle gemeinsam unter“

Sechs Aktivist*innen über gelebte Solidarität.

04.12.18 > Inland

Von Katharina Alexander

Amina Yousaf – Studentin und Aktivistin mit Fokus auf intersektionalen Feminismus, Antirassismus und Hate Speech

Ich verstehe unter Solidarität, dass wir Menschen, die verschiedene Erfahrungen gemacht haben, nicht dafür verurteilen, wie diese Erfahrungen auf sie gewirkt haben und immer noch wirken. Und sie stattdessen in ihren Äußerungen und dem, was sie erlebt haben, ernst nehmen. Solidarität muss auch da stattfinden, wo man andere Lebenserfahrungen hat als andere Menschen, denn nur dann können wir voneinander lernen und in einer Welt leben, in der sich alle wohlfühlen.

Solidarität fängt im Kleinen an ©Vonecia Carswell

Solidarisches Verhalten kann sich in ganz vielen Facetten äußern. Es fängt an damit, anderen zuzuhören und ihnen den Raum zu geben, sich zu äußern oder auszuleben, so wie sie es möchten. Es kann aber auch die praktische Solidarität sein, indem man dazwischengeht, wenn jemand angegriffen wird – sei es verbal oder körperlich. Es gibt ganz viele Ebenen, die dabei wichtig sind. Das fängt im Kleinen an mit Raum geben und schaffen und geht so weit, die Menschen aktiv dabei zu unterstützen, dass sie diesen Raum auch sicher nutzen können. Das Internet ist eine Ebene, wo viel häufiger Gewalt und Hass ausgeübt werden und wo noch viel weniger darüber nachgedacht wird, was Worte  mit Menschen anrichten. Es ist nicht nur die Aufgabe derjenigen Person, die angegriffen wird, sich dazu zu äußern, zu wehren und zu positionieren, sondern es ist Aufgabe aller Personen, sich zu solidarisieren und Stellung zu beziehen, um die Person zu unterstützen. Zu kommentieren, zu melden, die Person zu bestärken, indem man ihr sagt: „Ich finde das gut, was du machst.“ Solidarität ist für mich nicht nur der Schutz anderer vor Gewalt, sondern auch im positiven Sinne zu äußern, wenn man die Arbeit einer Person total gut und wichtig findet. Wertschätzung entgegenzubringen ist auch eine Form von Solidarität.

Ich schreibe relativ viel im Internet, bin sehr aktiv auf Twitter und ich habe dort schon mehrfach Morddrohungen bekommen oder wurde aufgefordert, mich umzubringen. Wenn ich diesen Hass, diesen Teil meiner Realität dann online geteilt und sichtbar gemacht habe, tut es total gut, wenn Menschen darunter kommentieren und sagen, dass sie meine Arbeit als wichtig empfinden. Das gibt mir die Kraft zu sagen, ich mache weiter und höre nicht auf. Und das ist etwas, wo wir Aktivist*innen, die krass mit Hass konfrontiert werden, unterstützen und ihnen Kraft geben können. Mir hat es geholfen zu wissen, dass es Menschen gibt, die meine Arbeit und mich wertschätzen. Selbst wenn man das eigentlich weiß, ist es ganz wichtig, in dieser schieren Masse von Hass, solchen Zuspruch einfach noch mal deutlich zu hören. Zu hören, dass man wertvoll ist, dass das, was man sagt, Relevanz hat und einem geglaubt wird.

Wir erleben gerade einen Wandel der Gesellschaft. Wir haben eine zunehmende Individualisierung, wir können viel mehr ausleben, wer wir sind, wie wir leben wollen, welche Ideen von einem gemeinsamen Leben wir haben. Das führt auch dazu, dass es radikale Kräfte gibt, die das schlecht finden. Darum ist es notwendig, dass wir mit den Menschen, die wir schützen wollen, solidarisch sind. Solidarität muss praktisch werden. Es reicht nicht, nur am Rand zu stehen und zuzusehen. Es muss praktisch werden und die Dinge, die wir schon erreicht haben, müssen aktuell verteidigt werden. Wir sehen im Moment ganz stark, wie erkämpfte Rechte infrage gestellt werden. Wie Freiheiten infrage gestellt werden. Und darum ist Solidarität heute wichtiger, als sie zu meiner Lebzeit jemals war.

Maura Magni – Studentin, Aktivistin und Pressesprecherin der Seebrücke

Das Wichtigste an Solidarität ist für mich der handelnde Impuls. Solidarität, das ist aufstehen, sprechen, sich organisieren, dagegenhalten. Solidarität bedeutet, ins politische Handeln zu kommen. Für mich bedeutet Solidarität, seine Privilegien und seine Macht aktiv einzusetzen, um das Ungleichgewicht in unserer Gesellschaft umzuverteilen. Dabei kann es unter Umständen auch darum gehen, von seiner Position zu abstrahieren und über den eigenen Tellerrand hinwegzuschauen. Dadurch kann man mit anderen Gruppen, mit denen man sich politisch identifiziert, aber nicht unbedingt die gleichen Erfahrungen teilt, zusammenschließen, um Politik zu machen.

Es muss sich ändern, dass nicht alle Menschen in diesem Land die gleichen Rechte haben, dass noch nicht mal alle Menschen hier wählen, arbeiten oder einfach in Sicherheit leben können. Es gibt einfach so unglaublich viele entrechtete Menschen – vor allem in migrantischen Zusammenhängen. Dadurch spielt Solidarität gerade in antirassistischen Kämpfen eine ganz besondere Rolle. Viele Migrant*innen erheben zwar ihre Stimme (wie z. B. bei der We’ll Come United Parade Ende September in Hamburg), werden aber nicht gehört. Gerade von der politischen Ebene. Und das liegt auch daran, dass große Teile von ihnen in Deutschland nicht wählen dürfen oder ihre Existenz sogar illegalisiert wird. Dadurch werden sie innerhalb der Grenzen des Systems zu einer relativ schwachen Kraft. Damit sich das ändert, muss man versuchen, durch solidarisches Verhalten die Privilegien und die Macht der Gesellschaft umzuverteilen. Letztendlich müssen sich dafür die politischen Bedingungen verändern. Darum bedeutet Solidarität und antirassistischer Aktivismus für mich sehr oft, zivilgesellschaftliche Bündnisse und soziale Bewegungen zu gründen. Manchmal kann es aber auch schon wichtig sein, einfach an einem bestimmten Tag massenweise Menschen auf die Straße zu bringen, um ein klares Zeichen zu setzen, wie z. B. bei #Unteilbar. Letztendlich brauchen wir sehr vehementen, radikalen Protest auf der Straße.

Solidarität habe ich vor allem in meinen politischen Gruppen und sozialen Bewegungen, in denen ich aktiv war, erfahren. Die empowernde Stärke liegt letztendlich im Kollektiv. Darum habe ich Solidarität immer gespürt, wenn wir gemeinsam auf der Straße standen, insbesondere in Gefahrensituationen, wie z. B. bei Nazi-Blockaden. Was ich in linken Gruppen und auch im antirassistischen Engagement aber immer wieder beobachte, sind Lagerkämpfe zwischen verschiedenen Spektren und Ansätzen. Mitunter kommt es da zu richtigen Zerwürfnissen innerhalb der Szene, was ich total schade finde. Darum bedeutet Solidarität für mich auch, dass sich all diese unterschiedlichen Ansätze – Netzaktivismus, Demos organisieren, Deutschkurse geben – wohlwollend, offen und unterstützend miteinander zeigen. Das bedeutet nicht, dass man sich untereinander nicht kritisieren oder in konstruktiven Streit gehen kann, sondern dass man sich nicht in den Rücken fällt. Wir kämpfen schließlich gemeinsam auf der gleichen Seite. Und darin liegt unsere Kraft!

Ich glaube also, dass für wirkliche gesellschaftliche Transformation auf sehr unterschiedlichen Ebenen gekämpft werden muss und dass all diese Ebenen wichtig sind. Eine davon ist beispielsweise Social Media oder Journalismus, wo man sehr stark den öffentlichen Diskurs beeinflussen und Aufmerksamkeit generieren kann. Ein anderer großer Bereich ist die humanitäre, soziale Arbeit, wie z. B. Seenotrettung. Solange Menschen im Mittelmeer ertrinken, muss man dort rausfahren und Leute aus dem Wasser holen. Wenn man aber versuchen möchte, nicht nur über den öffentlichen Diskurs eine Stimmung zu verändern oder sehr direkt und zeitlich konkret zu helfen, sondern grundsätzlich die Bedingungen dafür ändern möchte, dass diese ganze Scheißsituationen überhaupt zustande kommen, dann muss man auf die politische Ebene gehen. Wir brauchen ein anderes Ausländerrecht, eine andere Migrationspolitik in der EU, andere Asylverfahren. Auch ganz grundsätzliche Fragen über eine Welt von Nationalstaten sollte man sich stellen. Ich glaube, dass die politische Ebene die relevanteste der drei ist, denn wenn sich dort nichts ändert, sind wir unser Leben lang damit beschäftigt, Essen und Decken auszuteilen oder im Mittelmeer Menschen zu retten. Es ist unfassbar, dass diese Arbeit überhaupt notwendig ist!

Es muss sich ändern, dass Europa eine Abschottungspolitik fährt und seine Grenzen schließt. Es muss sich ändern, dass Seenotrettung verboten ist und es keine Europäische Seenotrettungsmission gibt. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Europäischen Migrationspolitik, sichere Fluchtwege nach Europa und sichere Häfen und Städte zum Ankommen und Bleiben. Dafür setzt sich aktuell z. B. die Seebrücke-Bewegung ein, für die seit Juni schon über 150.000 Menschen in Deutschland auf die Straße gegangen sind. Das ist für mich konkret gelebte Solidarität. Und es ist ganz einfach, dabei mitzumachen! Die Seebrücke ist eine Bewegung für alle, die sich mit unseren Forderungen nach einer anderen Migrationspolitik und unserem antirassistischen Grundkonsens identifizieren. Bei uns gibt es verschiedene Arten, wie man sich engagieren kann. Ein ganz allgemeiner Grundpfeiler, um sich als Privatperson mit der Seebrücke solidarisch zu zeigen, wäre z. B. einfach Farbe zu bekennen. Ein Ziel der Bewegung besteht darin, Deutschland (in Anlehnung an die Rettungswesten) orange zu färben – das ist wirklich die einfachste Weise, wie man uns unterstützen kann. Tragt Orange, hängt orangene Fahnen aus dem Fenster! Außerdem gibt es inzwischen in über 140 Städten Seebrücke-Gruppen. Viele davon treffen sich regelmäßig und veranstalten Aktionen. Auf unserer Homepage findet man Informationen dazu, wie man sich dort einsetzen kann. Oder aber man unterstützt die Seebrücke einfach dadurch, die Bewegung in der Öffentlichkeit bekannter zu machen. Sozusagen wie gerade in diesem Gespräch. Solidarität lebt also sogar in diesem Augenblick!

Laura Gehlhaar – Sozialpädagogin, Autorin und Aktivistin mit Schwerpunkt Inklusion

Ich beschäftige mich jeden Tag mit aktivistischen Inhalten. Das ist daraus geboren, dass ich einer marginalisierten Gruppe angehöre. Ich handele dadurch auch in meinem eigenen Interesse und bin dazu ein Mensch, der sehr laut, kämpferisch und auch mal penetrant sein kann, wenn es um das Durchsetzen bestimmter Ziele geht. Ich habe eine Meinung und ein Ziel und tue diese als Person auch gerne kund. Das sind zwei Sachen, die zum Aktivismus wunderbar dazupassen und auch motivieren. Wenn man aktivistisch tätig und selbst betroffen von Diskriminierung ist, dann ist Engagement oft sehr kräftezehrend. Teilweise ist es sehr resignierend und man wird müde. Sich davon abzugrenzen funktioniert in meinem Fall nicht richtig, weil ich das Merkmal, das mich zu dieser Minderheit dazugehören lässt, jeden Tag mit mir herumtrage und es mich verschiedene Formen struktureller Diskriminierung täglich erfahren lässt.

Viele Leute tun sich schwer, wenn sie aufgefordert werden, mehr Solidarität zu zeigen. Dann heißt es erst mal: „Ja, mach ich – aber wie eigentlich?! Wenn man ein Merkmal hat, aufgrund dessen man in unserer Gesellschaft oft ausgeschlossen wird, wenn man eine Behinderung hat, ein Hijab trägt, wenn man eine Person of Color ist, dann fällt es leichter, dich mit dieser Gruppe solidarisch zu verhalten. Ich kenne die Ziele und Denkweisen meiner Szene und kann mich damit voll identifizieren. Ich zeige mich dieser Gruppe solidarisch und kann auch klar benennen, warum ich so denke und handle. Aber es ist wichtig, über den eigenen Horizont hinaus zu schauen und auch zu erkennen, dass andere marginalisierte Gruppen ihre eigenen, spezifischen Probleme haben.

Es fällt leichter, sich solidarisch mit einer anderen Gruppe zu verhalten, wenn man verstanden hat, was diese Gruppe für Ziele und Denkweisen hat und für welche Meinungen sie eintritt. Ein guter erster Schritt ist es, die Strukturen und Denkweisen dieser Gruppe erst mal zu verstehen und sich dafür – wenn das gefragt ist – im Alltag einzusetzen. Man muss verstehen, warum es verschiedene aktivistische Gruppen gibt, seine eigenen Privilegien reflektieren und erkennen: Weil ich privilegiert bin, geht es anderen nicht gut. Vor dem solidarischen Handeln steht sozusagen, sich solidarisch zu informieren und sich bewusst zu machen, mit welchen Problemen andere konfrontiert sind, die man selber gar nicht hat. „Warum sind eigentlich gerade die Behinderten so laut und gehen auf die Straße? Was machen die da?“

Es ist eigentlich so einfach, mehr Verständnis zu zeigen, wenn man sich mal in eine Personengruppe hineinversetzt und ihnen zuhört. Dadurch realisiert man manchmal Probleme, bei denen einem auffällt: „Krass, da hab ich noch nie drüber nachgedacht!“ Und sich dann dafür einzusetzen, dass diese Probleme verschwinden. Jedes Jahr findet in Berlin die Pride Parade statt. Das ist eine von Behinderten organisierte Demo in Berlin. Da laufe ich seit einigen Jahren mit und im letzten Jahr sind mir dort zum ersten Mal viele Nicht-Behinderte aufgefallen. Das fand ich so gut, weil ich gespürt habe, dass wir in dem Moment nicht nur in unserer eigenen Blase waren. Plötzlich waren da Menschen, die dieses Merkmal nicht in sichtbarer Form haben und sich solidarisch mit uns zeigen und uns unterstützen. Natürlich ist es leichter, etwas zu liken oder zu retweeten, als sich eine Jacke überzuziehen, um dann mit der S-Bahn zu einer Demo zu fahren. Dadurch wird es auf der einen Seite einfacher, sich solidarisch zu zeigen. Auf der anderen Seite darf Solidarität eben nicht nur in einem digitalen Raum stattfinden. Ich finde das Internet ist als Medium einfach unglaublich stark, darum möchte ich dort geäußerte Solidarität auf keinen Fall schlechtreden. Aber ich würde mir wünschen, dass sich mehr Menschen in der Öffentlichkeit zu marginalisierten Gruppen bekennen – auch ohne ihr Handy. Denn alleine hinter dem Wort Solidarität steckt eine unheimliche Power. In dem Sinne, dass wenn ich mich solidarisch verhalte, ich eine Kraft aussetze, die zur Stärkung einer ganzen Gruppe beiträgt. Genau das ist es, was wir ganz dringend brauchen. Wir sehen schließlich, wie stark die rechte Seite gerade wird – auch wie stark in ihrer Gemeinschaft. Genauso stark sollten wir uns auch zeigen und Solidarität ganz groß schreiben, wenn wir weiterhin gut und in Frieden leben wollen.

Eva @lilithwrusch – Fotografin und Netzaktivistin mit den Themenschwerpunkten Politik, Antirassismus und Mental Health

Es gibt eine Verpflichtung zur Solidarität von Menschen, die von der Diskriminierung von Gruppen profitieren. Ich habe bestimmte Privilegien, z. B. aufgrund meiner Hautfarbe, die dadurch entstehen, dass Menschen ohne dieses Merkmal von der Gesellschaft abgewertet werden. Meine Privilegien und die Diskriminierung anderer hängen zusammen. Wir alle stecken in diesem System drin und haben die Verantwortung, aktiv Gegenwehr gegen unterdrückende Strukturen zu leisten. Solidarität heißt, das anzuerkennen und jemanden nicht alleine zu lassen. Das bedeutet z. B., dass man sich im öffentlichen Raum nicht abwendet, wenn man Übergriffe oder diskriminierendes Verhalten mitbekommt, sondern sich einmischt, indem man der betroffenen Person den Rücken stärkt. Man muss natürlich auch immer auf sich selbst aufpassen, aber meistens ist es relativ einfach möglich, zu der betroffenen Person hinzugehen und mit ihr zu sprechen, anstatt mit dem*der Angreifenden. Das wirkt meistens deeskalativer, weil man die Agressionen des*der angreifenden Person nicht befeuert. Bei mir passiert dieses Einmischen viel im digitalen Raum, z. B. auf Instagram oder Facebook. Da bleibt aber immer die Frage, inwieweit man dadurch nur irgendwelche Trolle füttert.

Das macht manchmal müde und man bemerkt, dass Aktivismus auch Grenzen hat. Ich habe Depressionen und ich kenne viele Menschen, die Probleme mit mentaler Gesundheit haben. Man muss auf sich aufpassen. Wenn man gerade einen Tag hat, an dem man nicht kämpfen kann, auch nicht für andere, dann sollte man das akzeptieren. Damit man nicht irgendwann ausbrennt und komplett aufhören muss. Man muss lernen, in seinen eigenen Grenzen zu handeln. Für Menschen mit einer Panikstörung oder einer Sozialphobie kann Zivilcourage im echten Leben sehr schwer sein. Aber jede*r kann sich im Rahmen der eigenen Stärken gegen Diskriminierung einsetzen.

Solidarität sollte bedeuten, sich an die Seite von Menschen zu stellen, ohne sich vor die Person zu stellen und für sie zu sprechen, wenn sie nicht explizit darum gebeten hat. Das kann man z. B. leisten, indem man marginalisierten Gruppen zuhört und ihre Positionen, ihre Erfahrungen weitergibt. Oder indem ich mich einmische, wenn ich sehe, dass unter einem Post rassistische Kommentare gepostet werden. Natürlich ist es schwer, mit Menschen zu diskutieren, mit denen man noch nicht einmal eine Diskussionsgrundlage hat, aber ich glaube, es ist wichtig, dem etwas entgegenzusetzen. Damit die diskriminierte Gruppe sich nicht allein fühlt und auch nicht das Gefühl hat, sie müsse die ganze Arbeit leisten. Ich als Frau erfahre Sexismus. Aus diesen Erlebnissen weiß ich, welche Reaktionen von anderen einer*m in solchen Momenten helfen, und kann daraus ableiten, wie man selbst reagieren kann, wenn jemand anders von Diskriminierung betroffen ist.

Das eine ist die Solidarität im Moment des Übergriffs. Das andere ist Solidarität in diesem großen Kampf gegen Rassismus, Sexismus, Homofeindlichkeit, indem man in seinem Umfeld aufklärt und sich einmischt, wenn Menschen diskriminierende Sprache benutzen. Ich glaube, man muss aktuell besonders viel Solidarität zeigen, damit gewisse Gruppen nicht das Gefühl haben, sie stünden angesichts der aktuellen politischen Situation alleine da. Aber auch, um der Politik zu signalisieren, dass die AfD und ihre Wähler*innen nicht die Mehrheit sind. Das Problem sind nicht nur die Anhänger*innen dieser Partei, sondern eben auch die schweigende Mitte der Gesellschaft.

Maja Bogojević – Studentin und Aktivistin mit Fokus auf Antirassismus und intersektionalen Feminismus

Solidarität ist für mich etwas, worauf ich mich verlassen können muss. Solidarität ist lebensnotwendig, denn ohne Solidarität müssten wir den feministischen und antirassistischen Kampf alleine führen. Und dafür sind die Gegner*innen einfach zu stark. Wenn wir uns nicht verbünden und miteinander solidarisch verhalten, dann gehen wir alle gemeinsam unter.

Ich engagiere mich bereits seit sieben Jahren aktivistisch und bin in verschiedenen Bündnissen und Kollektiven unterwegs. Inzwischen mache ich auch viel online, auf Instagram, obwohl ich Netzaktivismus lange verschrien habe. Mittlerweile sehe ich aber, dass digitaler Aktivismus auch wichtig ist, um die Zugänglichkeit für alle zu schaffen – vor allem für diejenigen, die sich nicht in dieser Aktivismusbubble bewegen. Ich glaube, dass über Social Media Diskurse angestoßen werden können, die wir uns im richtigen Leben gar nicht zu führen trauen.

Am stärksten erlebe ich Solidarität unter Freund*innen. Wenn Menschen, die diskriminiert werden, miteinander befreundet sind, sieht man noch deutlicher, welche Probleme strukturell sind. Man hat vielleicht unterschiedliche Struggles, aber man wird zum Opfer der gleichen Strukturen. Aktivistische Freundschaft ist für mich darum mit Abstand die stärkste Form von Solidarität. Sich verbunden fühlen mit Leuten, die für dieselben Themen sensibilisiert sind. Solidarität ist, aufeinander zählen zu können, wenn es um Crowdfunding-Kampagnen geht, um Demobesuche oder darum, online auf Veranstaltungen hinzuweisen. Ich würde mich auch mit meinen Freund*innen solidarisch zeigen, selbst wenn es um ein Thema geht, das mich persönlich weniger betrifft. Und genauso kann ich auch auf die Unterstützung meiner Freund*innen zählen, auch wenn sie von diesen Thematiken nicht betroffen sind. Sie sehen trotzdem die Notwendigkeit, sich dafür einzusetzen. Das ermöglicht es, sich auch mal einen Tag eine Auszeit zu nehmen und nicht ins Activist-Burn-out zu rutschen, weil man weiß, dass das Solidaritätsnetzwerk stark genug ist. Da ist diese Gewissheit: Wenn man eine Pause braucht, gehen trotzdem noch Menschen zu den Demos und Veranstaltungen. Ganz wichtig ist auch der Austausch über Erfahrungen. Dass man sich gemeinsam Safer Spaces erschafft, um in diesen über Erfahrungen zu sprechen und sich gegenseitig Methoden zu zeigen, wie man mit bestimmten Situationen umgehen kann.

Aber Solidarität kann natürlich auch online stattfinden. Als letzten Monat in Österreich eine Gruppe von Schwarzen Männern Opfer von Polizeigewalt und Racial Profiling wurde (u.a. der Rapper T-Ser, Anm. d. Red.), haben die betroffenen Personen innerhalb kurzer Zeit unglaublich viel Zuspruch auf Social Media bekommen, sodass schließlich auch die Medien darauf aufmerksam geworden sind und nun hoffentlich politisch Druck aufgebaut werden kann. Eine weitere Form von Solidarität wäre Vermittlung. Auch wenn man einander nur über Instagram kennt, kann man Personen für Projekte oder Interviews empfehlen. Auf Instagram empfinde ich dieses Netzwerk als sehr empowernd. Man repostet Beiträge voneinander und macht so auf Probleme aufmerksam, die eine*n vielleicht gar nicht betreffen, ohne sich anzumaßen, in der Stimme der Gruppe zu sprechen.

Durch Hashtags wie #MeToo oder #MeTwo entsteht gerade ganz viel Raum für Menschen, um ihre Erfahrungen zu teilen. Dadurch wird marginalisierten Gruppen Gehör verschafft, was lange nicht der Fall war. Besonders wenn es um sexualisierte Gewalt geht, wird immer noch viel Tone Policing und Victim Blaming betrieben. Aber durch die Solidarität und die Masse an Menschen, die darüber sprechen, werden Erfahrungen nicht mehr als Einzelfall abgetan, sondern als strukturelles Problem angesehen. Genauso bei #MeTwo. Dadurch, dass viele Menschen von Rassismuserfahrungen erzählen, bemerkt man, dass Erfahrungen, die man selbst auch gemacht hat, nicht nur ein kleiner Ausrutscher des Gegenübers waren. Vielleicht hatte man selbst in diesen Situationen sogar das Gefühl, man sei schuld gewesen. Solche Machtverhältnisse machen Hashtags sichtbar. Das baut auch Druck auf die Politik auf. Bei #MeTwo habe ich sehr viel Solidarität gespürt. Der wichtige nächste Schritt ist jetzt, dass Menschen Strategien übermittelt werden, wie sie gegen strukturelle Gewalt ankämpfen können. Personen, die nicht betroffen sind, müssen merken, wann ihre Äußerungen verletzen.

Linus Giese – Buchhändler und Trans*Aktivist

Solidarität bedeutet für mich Unterstützung und dass einem geglaubt wird. Seitdem ich im Internet über mein Leben spreche, erlebe ich Anfeindungen. Jedes Mal, wenn ich diese Anfeindungen öffentlich mache, bekomme ich viel Zuspruch und Unterstützung. Für mich bedeutet Solidarität, gerade wenn man sich viel im Internet bewegt, auf diese Anfeindungen aufmerksam zu machen, Hasskommentare zu melden und Menschen beizustehen, die bedroht werden.

Bei mir gibt es eine große Diskrepanz zwischen dem, was mir im echten Leben passiert, und den Reaktionen, die ich online bekomme. Ich erlebe an meinem Arbeitsplatz und in meinem Umfeld sehr viel Solidarität. Es war z. B. für meinen Arbeitgeber gar kein Problem, dass ich mich unter meinem alten Namen beworben hatte, aber als Linus anfing, dort zu arbeiten. Da gab es keine komischen Fragen, sondern ich wurde in dem unterstützt, was ich gemacht habe. Das ist für mich der Inbegriff von gelebter Solidarität. Mir passiert es häufig, dass jemand über meinen alten Namen sprechen möchte oder mich mit Fragen löchert. Aber Solidarität sollte heißen, dass ich so akzeptiert werde, wie ich bin, und meine Identität nicht immer wieder hinterfragt wird. Einmal wurden die Trolle auf Twitter so stark und aggressiv, dass dieser Hass auch in mein reales Leben übergeschwappt ist. Manche haben an meinen Arbeitgeber geschrieben, manche sind bei uns im Buchladen aufgetaucht. In diesen Momenten habe ich von meinen Kolleg*innen nur Unterstützung erfahren. Niemand hat mich gefragt, warum ich so viel über mich im Internet teile, sondern allen war klar, dass ich in diesem Moment das Opfer war und mir durch diese Bedrohungen etwas passiert ist, was nicht passieren dürfte.

Echte Solidarität muss immer über die eigene Gruppe hinausgehen. Ich möchte mich auch solidarisch mit Menschen mit Behinderungen verhalten oder mit POCs. Ich glaube, viele Menschen wollen solidarisch sein, aber haben nicht die richtigen Begriffe drauf oder machen auch mal einen Fehler. Aber im Grunde ihres Herzens sind sie auf der richtigen Seite. Ich suche gerade noch nach dem richtigen Umgang mit solchen Menschen. Weil ich weiß, dass mir auch Fehler passieren. Besonders auf Twitter wird man dafür manchmal sehr hart verurteilt. Darum versuche ich gerade, mehr nach den Intentionen der Menschen zu schauen. Wenn sich jemand bemüht, darf er*sie dann keine Fehler machen? Ich glaube, dass Solidarität manchmal den größeren Kontext sehen muss. Leider glaube ich, dass das Internet zumindest im Moment der völlig falsche Ort ist, um solidarische Räume zu erschaffen. Online kanalisiert sich der Hass so oft und richtet sich auf Einzelpersonen. Offline erlebe ich dagegen wirklich viel Solidarität. Neulich war ich auf einer Podiumsdiskussion zu Hass im Internet mit Kübra Gümüşay. Dort konnte man den ganzen Abend über mit dem Publikum auf Augenhöhe sprechen und es war für beide Seiten ein toller und respektvoller Austausch. Meiner Erfahrung nach funktioniert so was im Internet leider nicht. Ich glaube Diskussionsveranstaltungen, Lesungen, Bündnisse, das können solidarische Orte sein, an denen man wirklich miteinander ins Gespräch kommt. Aber was diesen Austausch im Internet, insbesondere auf Twitter, angeht, bin ich derzeit etwas desillusioniert.

Was Medien angeht, fällt mir gerade im Bezug auf Trans*Menschen immer wieder auf, wie unsensibel und zum Teil schlecht informiert die Berichterstattung und die Sprache sind. Da würde ich mir wünschen, dass man die Betroffenen selbst mehr zu Wort kommen lässt. Warum kann nicht eine Trans*Person eine Filmkritik zu dem Kinofilm „Girl“ schreiben, statt dass Menschen das machen, die keine Ahnung haben? Das Gleiche gilt natürlich auch für andere marginalisierte Gruppen. Solidarität bedeutet auch, dass die Menschen anfangen, darüber nachzudenken, wann wer wie über ein Thema spricht und wie man Ungerechtigkeiten in diesem Bereich ausgleichen kann. Denn Solidarität kann nur entstehen, wenn es ein Wissen um die Lebensrealitäten von z. B. Trans*Menschen gibt. Gleichzeitig müssen manche Leute endlich einsehen, dass es nicht meine Aufgabe ist, sie zu Themen aufzuklären, deren Antworten man ganz leicht googlen kann. Ich erlebe es auf Twitter immer wieder, dass Menschen mir spiegeln, dass sie ein Interesse daran haben, mehr über mein Leben als Trans*Mann zu erfahren. Aber nur wenn ich mir die Zeit nehme, ihnen alle ihre Fragen zu beantworten. Ich bin zwar Aktivist, aber das ist nicht mein Job. Ich werde nicht dafür bezahlt. Es ist unglaublich schwer, Menschen zu vermitteln, dass ich nicht die Kraft habe, jede ihrer Fragen zu beantworten, vor allem da es Bücher, Filme und Artikel gibt, in denen sie sich informieren können.

Mir macht die politische Entwicklung aktuell große Angst. Wenn ich die Wähler*innenzahlen der AfD sehe, habe ich unglaubliche Angst davor, wie sich die Regierung in den nächsten Jahren verändern könnte und was das für Trans*Menschen und POCs bedeuten würde. Gerade darum finde ich es so unglaublich wichtig, dass die Teile der Zivilgesellschaft, die nicht so stark bedroht werden durch politische Veränderungen, aufstehen und diese Veränderung nicht hinnehmen. Sie müssen sich solidarisch mit Minderheiten zeigen und ein Gegengewicht zu diesem Hass bilden.

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