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Tanz die Zukunft

Nada Al Aswad ist mit ihrem Sohn alleine aus Syrien geflüchtet. In Berlin ist sie zum Tanz gekommen – und geblieben.

15.03.19 >

Interview: Christine Matschke

Nada, du bist 2015 mit deinem damals zweieinhalb Jahre alten Sohn aus Syrien geflüchtet. Dein Mann hatte das Land wegen des Kriegs bereits vor euch verlassen. Seit drei Jahren lebst du mit deinem Sohn in Deutschland, anfangs wart ihr in einer Unterkunft für geflüchtete Menschen in Berlin-Wedding. Wie war es dort für dich als Alleinerziehende?
In Syrien hatten wir eine sehr große Wohnung. Ich hatte eine feste Stelle als Chemielaborantin, mein Mann arbeitete als Ingenieur. In der Unterkunft hatte ich nur ein kleines Zimmer. Die Gemeinschaftsduschen haben sich zwanzig Familien geteilt, was im Vergleich zu anderen Unterkünften noch immer wenig war. Obwohl ich gut Englisch spreche, war ich in der neuen Situation erst mal froh, dass ich Nachbarn hatte, mit denen ich mich auf Arabisch unterhalten konnte. Für meinen Sohn war es zu Beginn sehr schwer. Er wollte nicht hierbleiben, sein Vater hat ihm gefehlt. Außer mir gab es keine anderen alleinerziehenden Mütter in der Unterkunft. Aber wir haben schnell Anschluss gefunden.

Wie bist du auf das Tanzprojekt „Junction“ aufmerksam geworden?
Das kam ganz spontan. Jo Parkes, eine der Initiator*innen, hat mich in der Unterkunft angesprochen und erzählt, dass sie Teilnehmer*innen sucht. Ich habe gesagt: „Ja, klar, warum nicht!“ Dann habe ich drei Monate lang Tanzworkshops bei ihr besucht. Ich bin sehr stolz auf das, was ich dort gelernt habe. Es hat mir sehr viel Kraft gegeben, dass Jo so positiv war und ich mich hier so normal fühlen konnte.

Screenshot aus dem Film „Stronger“

Hattest du bereits Erfahrungen im Tanz?
Nein, nur ein bisschen Folkloretanz in der Schule. Durch das Projekt habe ich einen anderen Zugang zum Tanz bekommen. Ich habe besser verstanden, was es bedeutet, eine Choreografie zu entwickeln, wie viel Arbeit dahintersteckt. Und mir hat gefallen, dass es dabei eine Idee und ein Ziel gab.

Was habt ihr im Tanzworkshop gemacht?
Wir haben viel improvisiert. Uns haben Fragen begleitet wie: Wann entscheide ich mich, mich zu bewegen? Wann bewegt mich jemand anderes? Wie finde ich Ruhe in einer wirbelnden Masse? Mich auf mich selbst konzentrieren zu können, hat mir bewusst gemacht, wie viel in mir steckt. Als Jo mich für ihren Dokumentarkurzfilm „Stronger“ danach fragte, was mich stark gemacht hat, habe ich meine Geschichte erzählt und sie mit Armbewegungen begleitet. Jo hat sie mir gespiegelt. Im wechselseitigen Austausch ist daraus eine kleine Choreografie entstanden.

Mittlerweile hast du eine eigene Wohnung. Du leitest und moderierst außer- dem im Rahmen des Projekts die „Tanzparty“, ein vierteljähr- lich stattfindendes Großevent, bei dem geflüchtete Kinder und Jugendliche Choreografien aufführen. Was gefällt dir an dieser Arbeit? Ich konnte in diese Rolle langsam hineinwachsen. Zuerst hat Jo Parkes moderiert und ich habe ins Arabische übersetzt. Dann habe ich selbst angefangen zu moderieren. Mittlerweile mache ich die Co- Moderationen auf Deutsch. Für drei „Tanzpartys“ habe ich auch die Projektleitung übernommen und an der Planung mitgewirkt. Außerdem habe ich dort Menschen verschiedener Kulturen kennengelernt. Über den Tanz konnten wir uns auch ohne Worte verständigen. Das hat mir gefallen.

Wie kann ich mir die „Tanzparty“ vorstellen?
Neben den Aufführungen der geflüchteten Kinder und Jugendlichen stehen auch professionelle Tanzkünstler*innen und Musiker*innen auf der Bühne. Hunderte von Berliner*innen kommen, um gemeinsam die kulturelle Vielfalt der Stadt zu feiern. Nach den Performances können alle Besucher*innen selber tanzen. Das Format „Danceoke“, bei dem mitgebrachte Tanzvideos aus aller Welt laufen, lädt dazu ein. Gleichzeitig ist die „Tanzparty“ natürlich eine Austauschplattform für geflüchtete und nicht geflüchtete Menschen sowie für Künstler*innen, die hier Kontakt zur Berliner Tanzszene aufnehmen und ihr persönliches Netzwerk aufbauen wollen.

Eine stereotype Frage an geflüchtete Frauen ist die nach ihren Rollenvorstellungen. Was hältst du davon?
Das ist schwierig zu beantworten und sicher sehr unterschiedlich. Ich arbeite für mich und meine Familie. Mich beschäftigt eher, wie geflüchtete Menschen sich verhalten. Viele sind sehr zurückhaltend, weil sie sich erst mal fremd fühlen. Das ist eine verständliche, aber wenig konstruktive Haltung. Sie sind sich ihrer Möglichkeiten nicht bewusst.

Was wünschst du dir für deine Zukunft?
Ich will nicht nur eine Nummer sein.

Nada Al Aswad leitet und moderiert an den Berliner Uferstudios die „Tanz- party“. Die „Tanzparty“ entstand im Rahmen des Projekts „Junction“ des Vereins Mobile Dance, das seit 2014 Tanzworkshops in Berliner Unterkünften für Geflüchtete anbietet. Die nächste Aufführung findet am 18.03. statt. mobile-dance.com

Dieser Text erschien zuerst in Missy 01/19.


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