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Niedlich? Hässlich!

Das scheußliche Gesicht des Nationalismus offenbart sich in Großbritannien nicht erst seit dem Brexit.

18.03.19 > Kommentare

Von Jacinta Nandi
Illustration: Josephin Ritschel

Nach dem Brexit-Referendum waren in Großbritannien alle schockiert über die Welle rechter Hassverbrechen, die scheinbar dadurch ausgelöst wurde. Aber die Wahrheit ist: Großbritannien im Allgemeinen und England im Besonderen hatten schon immer ein Problem mit Nationalismus – und mit Nazis. In den 1980er- und 1990er-Jahren etwa haben wir Brit*innen unsere Nazis nicht Nazis genannt, sondern Fußball-Hooligans. Damals war es total normal, dass Bus- oder Taxifahrer*innen ihre Kund*innen nonchalant warnten, dass „Minderheiten“ das Stadtzentrum meiden sollten, wenn ein Fußballspiel stattfindet. Dieser Nationalismus war hässlich. Er galt auch als hässlich. In meiner Schule in Ostlondon wurde man ab 16 Jahren von der Pflicht, eine Schuluniform zu tragen, befreit. Hakenkreuze und die britische Flagge, der „Union Jack“, waren an meiner Schule verboten. Denn sie waren nationalistische Symbole. Heute dominieren in England nicht die blau-weiß-roten Fahnen, sondern kleine, süße Sankt-Georgs-Kreuze, die Flagge von England. Früher war sie kaum zu sehen. Der Nationalismus ist süßlich geworden. Man merkt nicht mehr, wie hässlich er ist.

©Josephin Ritschel

Heutzutage reden die Engländer*innen viel darüber, dass die Großstädte so schmutzig sind, vor allem in London. ,,Ich hasse London!“, sagen sie. Und: ,,So eine Kackstadt!“ Was sie beanstanden? Die Stadt sei dreckig und zugemüllt. Und überfüllt – zu viele Autos, zu viel Lärm und vor allem zu viele Menschen, die nicht weiß sind. Die Engländer*innen sprechen gerne drüber, dass Teile Ostlondons eine Art No-go-Area für weiße Menschen geworden seien. In den Ferien reisen sie bevorzugterweise in kleine, pittoreske Ortschaften – langweilige englische Kuhdörfer mit Dom oder Schloss oder am besten mit beidem. Der Nationalismus ist niedlich geworden, die Engländer*innen nostalgisch. Die Großstadt eine Bedrohung.

Ich sehe eine ähnliche Entwicklung hier in Deutschland. Ja, unsere Groß- städte haben Graffiti an den Hauswänden, und, ja, manchmal liegen Joghurtbecher oder sogar benutzte Tampons auf dem Boden. Aber die Großstadt ist keine No-go-Area für Weiße, sondern vielmehr ein Zufluchtsort insbesondere für queere und trans Menschen und natürlich für Personen of Color. Die Großstadt ist ein Ort, wo sich Menschen, die anders sind, manchmal zu Hause fühlen können. Sie ist fast so etwas wie eine Heimat. Denn für viele wird der Nationalismus niemals gemütlich werden.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 01/19.

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