Von der Zombieapokalypse zur Geburtsutopie

Der „Wenn-cis-Männer-gebären-könnten“-Trend hält sich hartnäckig und trifft nicht den Punkt, sagt unser Autor.

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Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Seine Novelle „Fleisch mit weißer Soße" erschien 2017 bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @fleischmws.

Von Christian Schmacht

Seit es der Feminismus nicht mehr nötig hat, immer und überall zu beweisen, dass er auch voll lustig ist und wirklich nicht spaßbefreit, ist er viel witziger geworden. Ich könnte tagelang Memes und Tweets angucken, die die ungerechten Verhältnisse aufs Korn nehmen. Manche Witze sterben zu Unrecht früh, andere verschwinden, weil sie über ihr Ziel hinausgeschossen sind und zwar eine Ungerechtigkeit kritisiert, doch zugleich andere Ungerechtigkeiten fortgeführt haben. Dazu gehört die Nummer mit „Wenn Männer das und das könnten“. Wenn Männer menstruieren könnten, dann gäbe es in jeder S-Bahn einen kostenlosen Tamponspender. Wenn Männer schwanger werden könnten, dann wäre es eine Straftat, ungefragt ihre Bäuche zu betatschen. Wenn Männer sich schminken würden, dann wäre Schminken ein Nationalsport und sie würden von Bier und Automarken gesponsert. Einfach nur witzig.

©Tine Fetz

Seitdem die Tatsache, dass es trans und queere Männer gibt, ein wenig Verbreitung gefunden hat, bemühen sich Leute mit der Ergänzung „cis“ oder gern auch die ganze Rutsche „weiß hetero dya cis“, ihren Weisheiten über die Hätte-hätte-Fahrradkette-Welt intersektionale Tiefe zu verleihen. Wenn-hetero-cis-Männer-gebären-könnten ist ein Trend, der tot war, doch wieder zum Leben erwacht ist und uns als Zombie heimsucht. Hatte ich doch das Ableben des Trends zuletzt ungefähr im Jahre 2013 beobachtet, ist er hier und heute wieder modern und taumelt durch meine Feeds.
Die heutige Sprache täuscht Genderideologie (Genderismus? Genderwahn?) vor, doch die Besessenheit von der Geschlechterdifferenz bleibt bestehen. Ich sage es laut und proud: Es sind nicht die Geschlechter, die die Differenz, also die Unterschiedlichkeit, zwischen uns bestimmen, es sind die Machtverhältnisse. To be fair, es bilden zwei der bekanntesten Geschlechter, nämlich cis Mann und cis Frau, den Fels, auf den die Machtverhältnisse ihre Kirche gebaut haben! Doch bringt es nichts, aus einer Situation, in der Frauen jetzt, heute und historisch sind, einfach Männer zu machen. Das ist plump und stellt Männer Frauen (und cis Männer Frauen-Sternchen-und-Nichtbinäre) wie Pole gegenüber. Die einen sind vom Mars und können furchtbar schlecht gebären, die anderen von der Venus und können extrem gut gebären. Die Zweigeschlechtlichkeit wird verschärft.
Das Gedankenspiel, wenn cis Männer plötzlich Fähigkeiten hätten, die viele Frauen haben, und der Schluss, dass diese Fähigkeiten dann wertgeschätzt und verehrt würden, verkennt sowohl die lange und ätzende Geschichte der Misogynie als auch die Realität unseres Systems. Denn so unterirdisch die medizinische Versorgung für cis Frauen, noch mieser für trans Personen und viele nicht binäre Leute ist, so ist sie doch auch für cis Männer schlecht. Das Gesundheitssystem der zwei Klassen z. B. gilt auch für cis Männer. Vielleicht weniger diskriminierend, geil. Aber nicht geil genug. Ich will nicht die gleiche miese Behandlung (im unterfinanzierten Krankenhaus von gestresstem Pflegepersonal, samt Shaming vom Jobcenter, das die chronische Krankheit anzweifelt), die ein cis Mann kriegt. Ich will mehr. 

Wer mit dem Was-wäre-wenn-Spiel argumentiert, hat das eigene Argument nicht verstanden. Wenn ich formuliere: Wenn die Körper der cis Männer das und das könnten. Dann meine ich in Wirklichkeit: Wenn jene, die gebären, die Macht hätten. Wenn wir die Macht hätten. Ich weiß an dieser Stelle gar nicht, wie viel Macht wir brauchen, außer jene über uns selbst. Wenn also unsere Bedürfnisse im Mittelpunkt stünden. Wenn die Welt nach unseren Bedürfnissen funktionieren würde. Das ist die Utopie, die sich hinter dem Zombiewitz verbirgt. Die Utopie verschlingt der Witz, so wie ein Zombie das Gehirn seiner Opfer, durch seine transfeindlichen Vorzeichen.


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