Ein binäres System ohne Zweigeschlechtlichkeit

Die sechs Geschlechter im Judentum.

14.05.19 > Debora Antmann
Profilfoto Debora Antmann

Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

Von Debora Antmann

Ich habe den letzten Satz beendet, als mir auffiel: „Dies ist kein Kolumnentext!“ Vielmehr ist es ein Sachtext, eine Übersicht über einen der oft vergessenen Schätze des Judentums. Denn was viele Menschen nicht wissen – übrigens auch viele Jüd*innen nicht: Das Judentum kennt sechs Geschlechter. Die Idee von Zweigeschlechtlichkeit, die heute global als Norm gesetzt gilt, ist Folge von Kolonialismus und hat alle alternativen Ideen und Wirklichkeiten von Geschlecht verdrängt oder vernichtet. So auch die jüdische Theorie von Geschlecht, die mit der Realität von Genderdiversität anders umgegangen ist als die christliche Logik, die heute dominant das Verständnis von Geschlechtlichkeit prägt. Während das Christentum jegliche Existenz jenseits von männlich und weiblich einfach ignoriert, hat das Judentum einen anderen Umgang gewählt, der zwar ebenso binär ist, aber nicht auf Zweigeschlechtlichkeit beruht. Aber fangen wir vorne an:

Sechs Geschlechter sind fester Bestandteil der jüdischen Tradition.
Die beiden, die am wenigsten überraschen sind Zachar/זָכָר – männlich und Nekeivah/נְקֵבָה – weiblich. Darüber hinaus kennt das Judentum noch Androgynos/אַנְדְּרוֹגִינוֹס, Tumtum/ טֻומְטוּם, Ay’lonit/איילונית und Saris/סריס.

©Tine Fetz

Androgynos würden wir aus feministischer Perspektive heute mit Inter* übersetzten. Die Definitionen von Androgynos unterscheiden sich je nach Text etwas und viele, vielleicht die meisten davon sind hochproblematisch. Zusammenfassend kann man sagen, unter Androgynos wird eine Person verstanden, die sowohl „männliche“ als auch „weibliche“ Geschlechtsmerkmale aufweist.

Tumtum beschreibt ebenso eine Inter*-Person. Auch hier sind die Erklärungen und Maßstäbe was Tumtum-Sein bedeutet nicht unproblematisch. Im Grunde wird eine Person beschrieben, die keinerlei „Eindeutigkeiten“ aufweist.

Ay’lonit wird als Person beschrieben, die bei der Geburt das Geschlecht „weiblich“ zugewiesen bekommen hat, sich aber als Mann oder männlich identifiziert, als Mann oder männlich lebt oder ein Mann oder männlich ist. Beschrieben wird eine Trans*-Person (ftm). Allerdings unterscheiden sich auch hier die Erklärungen von ganz passabel und durchaus anschlussfähig für einige Trans*-Personen bis absolut kackscheißig und hochgradig biologistisch.

Saris beschreibt ebenso eine Trans*-Realität (mtf) und bezeichnet Menschen, die bei der Geburt „männlich“ eingeordnet wurden, sich aber als Frau oder weiblich identifizieren, als Frau oder weiblich leben, eine Frau oder weiblich sind. Ebenso wie bei Ay’lonit gibt es eine Bandbreite von Beschreibungen, die von ganz passabel bis hochproblematisch reicht.

Bereits jetzt fällt auf, dass auch das Judentum leider nicht Queertopia ist. Jegliche Beschreibungen orientieren sich an „männlich“ und „weiblich“ oder Phallus und kein Phallus. Der Umgang mit Geschlecht entspricht bei Weitem keinem (queer-)feministischen Ideal. Dennoch: Die Anerkennung von Geschlechtern jenseits von männlich und weiblich bedeutet für viele Menschen, dass sie existieren und vorgesehen sind. Dass ihr Dasein keine Abweichung, sondern berechtigt, legitim und (göttlich) vorgesehen ist. Für viele Menschen bedeutet das, das sie in den Gemeinden (weiterhin) ihren Platz haben und anerkannt werden. Sie können existieren, weil es sie gibt und weil es sie geben darf. Im Gegensatz zur christlich propagierten Zweigeschlechtlichkeit wird ihre Existenz nicht negiert.

Und Androgynos, Tumtum, Ay’lonit und Saris tauchen dabei nicht nur als Randnotiz auf, sondern wiederholt in den wichtigen Texten, in den heiligen Schriften –ausgestattet mit Rechten und Pflichten. Androgynos findet 49-mal Erwähnung in Mischna and Talmud und 350-mal in der klassischen Midrasch und den jüdischen Gesetzen. Tumtum 181-mal in Mischna and Talmud und 335-mal in der klassischen Midrasch und den und den jüdischen Gesetzen. Ay’lonit jeweils 80- und 40-mal und Saris 156- und 379-mal. Bei den Zahlen handelt es sich um die EXPLIZITEN Nennungen. Implizit tauchen beispielsweise Androgynos und Ay’lonit noch häufiger auf. Mit Blick auf die Rechte und Pflichten verschieben sich auch die gesellschaftlichen Stellungen im Vergleich zur christlich geprägten Gegenwart. Androgynos und Ay’loni haben die gleichen Rechte und Pflichten wie cis Männer, während Tumtum und Saris rechtlich cis Frauen gleichgestellt werden. Dadurch verschieben sich die hegemonialen Hierarchien und Machtverhältnisse.

Zumindest in der Theorie, denn Zachar und Nekeivah bleiben die am häufigsten und selbstverständlichsten genannten Geschlechter, auch im Judentum, womit deutlich wird, auch hier bleiben männlich und weiblich die Norm. Dennoch, mit Blick auf den Pflichte-und-Rechte-Kanon im Judentum verschieben sich die aktuellen realen Machtverhältnisse, die da lauten

1. (cis) Männer (existent)

(Große Lücke)

2. (cis) Frauen (existent)

(Auch große Lücke)

3. Trans*- und Inter*Personen (nicht existent)

Zu einer Gesellschaft, in der (wie gesagt rein theoretisch) der Bruch der Zweigeschlechtlichkeit nicht automatisch dazu führt, deprivilegiert zu sein:

1. Zachar, Androgynos, Ay’loni

(Große Lücke)

2. Nekeivah, Tumtum, Saris

Ich möchte nicht behaupten, dass das besser ist, aber es zeigt, das selbst ein binäres Geschlechtersystem nicht zwingend zweigeschlechtlich sein muss. Durch die Einteilung in „Rechte und Pflichten wie Männer“ und „Rechte und Pflichten wie Frauen“ bleibt auch das Judentum in einem binären System in der Zuweisung von gesellschaftlichen Rollen der unterschiedlichen Geschlechter, dennoch erkennt es die Existenz von mehr als zwei Geschlechtern an und stattet die Hälfte damit sogar mit den Rechten der privilegierten cis Männer aus.

Und obwohl Nekeivah und Zachar die Norm bleiben, spielt gerade Androgynos mit Genesis 1:26-27 – eine der beiden Schöpfungsgeschichten – eine besonders tragende Rolle in der jüdischen Tradition. 
Genesis 1:26-27 ist die Geschichte von „Adam und Eva“. Die meisten von uns haben irgendwann gelernt, dass laut der Bibel der erste Mensch auf der Welt ein Mann namens Adam war. Was nix anderes als eine nachträgliche Verdrehung ist. Denn Adam ist einfach nur das hebräische Wort für Mensch. Schauen wir statt in die glatt gebügelte Übersetzungen und Übertragungen der Bibel in den hebräischen „Orginaltext“, sehen wir, dass adam – Mensch nie als zachar – männlich beschrieben wird, sondern dass durch das Wechseln der Pronomen und das wiederholte Sprechen von adam – Mensch in der Mehrzahl, die Annahme nahe liegt, dass der erste Mensch Androgynos war.

Und das ist keine oder nicht nur die Interpretation moderner Feminist*innen, sondern eine Auslegung, die von Beginn an – vor allem bevor der Kolonialismus die Zweigeschlechtlichkeit zur globalen Norm gemacht hat – sehr geläufig war. Der erste Mensch war Androgynos und kein Mann. Dadurch wird es besonders ironisch/perfide, wenn Fundis versuchen, mit Adam und Eva zu argumentieren, um Zweigeschlechtlichkeit zu belegen, ist diese Schöpfungsgeschichte doch ein (theologischer) Nachweis für das Gegenteil. Diese auffallende und wichtige Uneindeutigkeit in der Beschreibung des (biblischen) ersten Menschen der Welt und die im Nachtrag durch die Christen geschehene Ausradierung im Sinne der Zweigeschlechtlichkeit ist nur eines von vielen Beispielen, die zeigen, dass das sogenannte Alte Testament eben nicht gleichzusetzen ist mit dem jüdischen Tanach. Aber ich schweife ab.

Ich verspreche für das nächste Mal wieder einen klassischen Kolumnentext – schnippisch, leicht verdaulich und mit Glitzerstreuseln oben drauf.


Beitragsnavigation