Macht im Stringtanga

Werden Sexarbeiter*innen durch angestrebte Verbote überhaupt geschützt? Und wer setzt diese eigentlich wie um?

Profilfoto Christian Schmacht

Christian Schmacht
Christian Schmacht, geboren 1989, ist queerer Autor und Sexarbeiter. Im Herbst 2017 erscheint seine erste Novelle „Fleisch mit weißer Soße" bei der Edition Assemblage. Er mag Geld und Sex, aber am liebsten beides zusammen. Er mag es außerdem sehr, das hart verdiente Geld für Luxusartikel auszugeben. Auf Twitter schreibt er unter @fleischmws.

Von Christian Schmacht

#SEXARBEIT ist weder SEX noch ARBEIT, #SEXARBEIT ist Menschenrechtsverletzung.“ Diese widersprüchliche Aussage twitterte die SPD-Politikerin Maria Noichl pünktlich zum Hurentag letzten Monat. Trotz der lächerlich wirkenden Großbuchstabenschreibung sollte mensch den Tweet nicht unterschätzen, dahinter könnte eine ernste Bewegung liegen, die Sexarbeiter*innen-Selbstorganisationen seit Einführung des ProstSchG voraussagen: Das Gesetz stellt einen ersten Schritt zum Schwedischen Modell dar. So kündigten einige SPD-Frauen an, für die Kriminalisierung der Sexarbeit kämpfen zu wollen. Ich habe bekanntlich viele Fragen zum Thema Nordisches Modell. Eine davon: Wer soll sich des angestrebten Verbots annehmen, rein praktisch? Wer wird ermitteln, vernehmen und gegebenenfalls verhaften? Deutsche Polizist*innen? Sie haben schon jetzt zuviel Zugriff auf Sexarbeiter*innen, der sich mit einem Komplettverbot der Prostitution vergrößern würde.

©Tine Fetz

Die Polizei hat sich inzwischen selbst so in Verruf gebracht, dass das Unbehagen ihr gegenüber selbst im autoritätstreuen deutschen Mainstream angekommen ist. Enthüllungen über einen rechtsradikalen Konsens unter den Beamt*innen häufen sich sowie Berichte über das Ausnutzen ihrer Befugnisse: Allein, was im Monat Juni bekannt wurde, ist fast zuviel, um es aufzulisten: Aktive und ehemalige Polizist*innen sind beispielsweise in der rechtsradikalen Prepper-Gruppe „Nordkreuz“ organisiert. Einige haben schon Leichensäcke und Ätzkalk eingekauft, um die Menschen, die sie ermorden wollen, auch direkt entsorgen zu können. Ebenfalls waren es Polizist*innen, die Daten der NSU-Opfer-Anwältin Seda Başay-Yıldız an Nazis weitergaben bzw. sind sie eventuell selbst jene Nazis, die sie und ihre Familie bedrohen.

Auch was sexualisierte Gewalt angeht, wendet mensch sich nur ungern an die Polizei. Beispiele aus den letzten Wochen: eine 15-Jährige, die zur Anzeige bringen wollte, dass sexuelle Fotos von ihr veröffentlicht worden waren, wurde von einem Beamten erst mal zum privaten Fotoshooting eingeladen. Eine 13-Jährige, die als Zeugin in einem Fall von sexualisierter Gewalt an einem Kind aussagte, wurde von dem Beamten, der sie vernommen hatte, per WhatsApp sexuell bedrängt, Zeitungen nannten es „sexuelle Avancen“. Ein wieder anderer Polizist fand anhand des Nummernschilds einer Frau, die er auf der Straße gesehen hatte, ihre Adresse und Telefonnummer aus der Polizeidatenbank heraus. Er rief sie an und fragte, ob sie sich nicht mit ihm verabreden wolle. Solche Leute sollen dann uns Sexarbeiter*innen vor den Freiern schützen? Lol. Selbst ein wohlhabender, einflussreicher Freier verfügt nicht über die Ressourcen, über die ein Bulle verfügt (es sei denn, er ist Bulle). Hurenstigma und die Lust von Polizist*innen an sexistischer, rassistischer, transfeindlicher, sexualisierter Gewalt und Erniedrigung geben ihnen genug Motivation, diese Ressourcen auch zu nutzen. 

In England nahm eine Gruppe von Sexarbeitsgegner*innen die Ermittlungen gleich selbst in die Hand. Die BBC berichtete, dass Aktivist*innen von Not buying it heimlich in einem Stripclub in Manchester gefilmt und das Videomaterial an den Stadtrat von Manchester gesendet haben. Sie behaupten, sie hätten die Arbeiter*innen bei sexuellen Handlungen gefilmt, die zu verkaufen verboten ist. Die Gewerkschaft United Voices of the World, in der sich Sexarbeiter*innen organisieren, nannte dieses Vorgehen Revenge Porn. Revenge Porn ist pornografisches oder erotisches Material, das gegen der Willen einer darin abgebildeten Person ins Internet gestellt wird, um ihr ein Gefühl von Beschämung, Erniedrigung und Machtlosigkeit zu geben und um durch das Hurenstigma zukünftige Beziehungen der Person negativ zu beeinflussen. Das ist eine Form von sexualisierter Gewalt.

Die Tänzer*innen des Stripclubs organisieren sich jetzt gegen den Übergriff. Sexualisierte Gewalt – ob von Cops vergewaltigt bzw. zu Sex genötigt oder von Abolitionist*innen bei sexuellen Handlungen beobachtet und gefilmt . Im Kampf gegen Sexarbeiter*innen ist sexualisierte Gewalt ein gern genutztes Mittel. Denn sexualisierte Gewalt dient nicht primär der Lust der Täter*innen, sie dient der Erniedrigung, Disziplinierung und Bestrafung. Eben noch selbst als Täterin aufgetreten, schämt sich die Aktivistin von Not buying it noch lange nicht, Stripper*innen die Schuld an der Vergewaltigungskultur zu geben, in der beispielsweise Harvey Weinstein jahrzehntelang Übergriffe verüben konnte. Die Täter-Opfer-Umkehr ist komplett: Eben noch wurden Tänzer*innen unwissentlich und damit gegen ihren Willen gefilmt und mit dem Veröffentlichen des Films beschämt. Schon sind die Opfer dieses Übergriffs diejenigen, die eine globale Vergewaltigungskultur zu verantworten haben. So viel Macht, global noch dazu, nur weil mensch im Stringtanga sein*ihr täglich Brot verdient.

Das sind die Fantasien, denen sich die SWERFs hingeben und die sie hin und wieder ausleben. Es geht nicht um Schutz, es geht um Kontrolle. Und die Kontrolle soll durch Gewalt und Erniedrigung erreicht werden.


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