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„Konsensualer Pogo ist total wichtig“

Die feministische Punkband Deutsche Laichen im Gespräch.

05.08.19 > Musik

Von Ulla Heinrich

„Punk ist tot, wenn er ein beschissener Männerverein ist“ stand in meinem Lieblings-AZ an der Wand geschrieben. Das klingt heute wie die Prophezeiung für die Göttinger Punkband Deutsche Laichen und ihr gleichnamiges Debütalbum – ein sich materialisierender feuchter Traum aller „Emanzenlesbenschlampen“, die die Band in einem der Songs besingt. Elf Songs, vollgepackt mit feministischen Slogans, die dem sexistischen Normalzustand in alternativen Musikszenen und der Gesellschaft den Kampf ansagen.  Bei Deutsche Laichen stimmt einfach alles: Texte, Sound und Attitüde. Ihre Shows reißen auch Menschen mit, die mit Punk sonst wenig anfangen können.

Dieses Album hätte ich als junges Punkgirl gebraucht, um mich in der männerdominierten Subkultur, deren Teil ich war, mit meinen Anliegen weniger isoliert zu fühlen. Jetzt stelle ich mir queere Teenpunks auf sächsischen Dörfern vor, die endlich ihren Soundtrack bekommen haben. Zeit wird es! Deutschpunk ist in den letzten Jahren nicht wirklich durch Innovation aufgefallen. Im Interview mit Missy sprechen Sängerin Asche und Gitarristin Bi über Wut, Feminismus und darüber, warum Pogo Verhandlungssache ist.

© Sophia Rossberg

Aktuell erhaltet ihr viel Aufmerksamkeit für euer Debütalbum. Wie geht’s euch damit? War das der Plan, als ihr 2015 die Band gegründet habt?
Asche: Der Plan war es, berühmt zu werden, sonst hätten wir die Band nicht gegründet. Im Ernst, wir haben natürlich nicht damit gerechnet, so viel Aufmerksamkeit zu erhalten, und sind überrascht davon, dass das mit unserer Art von Musik funktioniert.

Bi: Die ersten Tage nach dem Release waren krass. Auf dem Handy blinkte eine Nachricht nach der nächsten auf. Deshalb bin ich persönlich froh darüber, dass mein Handy ins Klo gefallen ist, kaputt war und ich davon nicht mehr so viel mitbekommen habe.

Asche: Ich würde sagen, wir sind manchmal überfordert, aber im Großen und Ganzen gespannt auf alles, was noch kommt.

Ihr habt euch einige Jahre erst mal durch die AZs der Nation gespielt, bevor ihr eine Platte aufgenommen habt. Wie kam es zur Entscheidung?
Asche: Eine Platte zu machen war kein Ziel der Band, eher ein Traum. Ich zumindest habe mich nicht getraut zu denken, dass dieser jemals verwirklicht werden könnte. Als wir die Band gegründet und gesehen haben, dass den Menschen gefällt, was wir machen, war es schon toll, ein Demotape zu machen.

Bi: Mit jeder Show, die wir gespielt haben, und jedem weiteren Jahr Erfahrung hat sich unser Sound weiter etabliert. Irgendwann wusste jede Person, wie sie klingen will, wo es quietschen muss und wo nicht. Das war der richtige Moment, um eine Platte zu machen.

Klare Kante, kraftvolle Botschaften und wütender Punk-Sound: Auf eurer Platte bekommen linke Macker, Sexisten, Bullen und Deutschland ordentlich auf den Deckel. Würdet ihr konfrontativen Feminismus als eure politische Strategie bezeichnen? Asche: Zu konfrontieren heißt für mich zu intervenieren, einen Stopp reinzubringen oder eine Zäsur in eine Dynamik, die nicht gut ist. Die Konfrontation ist für mich eine Strategie, die sich bewährt hat. In unseren Texten geht es um Sexismus und andere Arten von Repressionen, denen man ausgesetzt ist, wenn man eine FLINT-Person ist. Die Songs wirken so konfrontativ, weil in diesen viele Emotionen stecken und Geschehnisse beschrieben werden, die uns widerfahren sind.

Bi: Auf der Bühne ist es manchmal einfacher, Dinge klar zu benennen. Ich erlebe oft Situationen, in denen ich mich unwohl fühle und wo ich es in dem exakten Moment nicht schaffe, so zu reagieren, wie ich es wollte. Auf der Bühne ist es unsere Rolle, eine Attitüde, ein Raum, den wir uns selbst schaffen, um den ganzen Mist klar zu auszusprechen.

Alternative Musikszenen haben oft das Selbstverständnis, progressiver und radikaler als die Mehrheitsgesellschaft zu sein. Jedoch gibt es seit Anbeginn des Punks auch Bewegungen wie Homopunk oder Riot Grrrls, die Sexismus und Homophobie innerhalb der Szene massiv anprangerten. Was hat sich seit Riot Grrrl verändert?
Asche: Einerseits hat sich einiges verändert, andererseits haben wir immer noch die gleichen Probleme. Die politischen Forderungen von Homopunk und Riot Grrrl sind verbreitet, aber noch lange nicht zum Konsens in alternativen Musikszenen geworden. Momentan beobachte ich eher die Schieflage, dass es viel Aufmerksamkeit für Bands mit FLINT-Personen gibt, deshalb aber nicht mehr Bands mit FLINT-Personen auf Bühnen repräsentiert sind. Es sprechen sich die meisten dafür aus, aber in der Praxis funktioniert es nicht.

Bi: Auch Riot Grrrl war nicht uneingeschränkt willkommen im Punk. Es hat Gegenwind gegeben und der muss erst mal gewonnen haben, sonst würden wir hier nicht sitzen und immer noch über die gleichen Sachen sprechen. Es passiert eigentlich gerade wieder: Wir haben einerseits starke feministische Stimmen und gleichzeitig eine erstarkende konservative, rechte, misogyne und antifeministische Bewegung, die absurde und menschenverachtende Parolen wieder sagbar gemacht hat.

Die Line-ups der meisten Festivals lassen an Diversität massiv zu wünschen übrig. Was muss sich strukturell ändern, damit wir mehr Positionen von Frauen, Queers, Punx mit Behinderung, trans Menschen und People of Color im Punk erleben können?
Asche:
Es funktioniert nicht nur in die Richtung, dass marginalisierte Gruppen sich den Platz erkämpfen müssen, die cis Boys in der Szene müssen auch einfach Platz machen. An die cis Boy-Bands und Booker und Menschen, die Veranstaltungen machen: Seid solidarisch, tretet zurück, gebt ein Stück vom Kuchen ab.

Bi: Feminismus als soziale Bewegung ist mittlerweile im Mainstream angekommen. Wir müssen dabei bleiben, Feminismus außerhalb von Vermarktungsstrategien und kapitalistischer Verwertung zu denken. Weiterhin bleiben Rolemodels und Repräsentationen eine wichtige Strategie. Ich selbst gehe auf Punkshows, seitdem ich 13 Jahre alt bin. Es waren Typen auf der Bühne, Typen in der Orga, ich war immer die einzige FLINT-Person und es ist mir nicht aufgefallen. Wenn dann mal eine Band mit einer FLINT-Person angekommen ist und ich diese spielen gesehen habe, war ich geflashed, fast geschockt. Erst durch die Repräsentation von mehr und mehr Frauen ist in mir überhaupt die Option entstanden, selbst in einer Band zu spielen.

Asche: An Vorbildern hat es wirklich gemangelt. Das einzige Vorbild, das ich hatte und auf das ich mich immer noch beziehe, ist Brody Dalle von The Distillers.

Bi: Ich erinnere mich noch an ein Konzert, kurz bevor wir uns gegründet haben. Finisterre haben in einem kleinen WG-Keller in Göttingen gespielt. Ich glaube, ich habe vor Freude geheult, weil ich so hingerissen davon gewesen bin, wie Manuela die komplette Bühne abgerissen hat. Ich war so glücklich. Kein cis Typ auf der Bühne hätte für mich diesen Moment herstellen können.

Ihr habt mit einigen gediegeneren Herren-Combos wie Captain Planet oder Turbostaat Konzerte gespielt. Wie reagiert ein nicht per se feministisches Publikum auf euch?
Asche:
Natürlich ganz unterschiedlich. Es reicht von Verblüffung bis hin dazu, mit verschränkten Armen dazustehen und mit jeder Pore auszudrücken: Wann geht endlich das Turbostaat-Konzert los? Ich bin dem nicht so abgeneigt, mit größeren Bands oder Boy-Bands eine Bühne zu teilen, denn ich habe nicht nur einmal erlebt, dass FLINT-Personen in deren Publikum total überrascht von uns sind und sich mit unseren Inhalten sofort identifizieren können und gleich den Refrain mitsingen können …

Bi: … das ist auch nicht schwer, wir sind ja eine Mitmachband.

In letzter Zeit sind mir in der Diskussion um ausgeglichene Line-ups vermehrt Argumente begegnet wie, dass es einfach keine Bands mit Frauen gibt oder – und das finde ich fast schon dadaistisch – es sexistisch sei, Bands zu booken, nur weil an diesen Frauen partizipieren. Wie spiegelt sich der sexistische Normalzustand in eurem Bühnenalltag wider?
Asche:
Das fängt schon beim Booking an. Wir bekommen Anfragen, in denen steht, dass Leute ein All-Male-Line-up gebucht haben und ob wir nicht auch Lust hätten, zu spielen. Muschi-Quotenanfragen, die wir prinzipiell absagen.

Bi: Als wir als Band angefangen haben, kam immer irgendwer beim Aufbau auf die Bühne und hat meinen Verstärker angemacht, dran rumgedreht und mich gefragt, ob ich es lauter oder leiser haben wollte – als könnte ich das nicht selbst. Es gibt viel Sexismus von außen, aber es gibt auch das, was wir internalisiert haben. Ich habe mich am Anfang auf der Bühne immer total schlecht gefühlt, wenn wir mit anderen Bands gespielt haben, weil ich dachte, die anderen Gitarristen sind definitiv besser als ich. Das hat mich extrem verunsichert. Mittlerweile ist mir das egal … und ich bin auch besser geworden. Das Selbstbewusstsein habe ich mir auf der Bühne erarbeitet.

Asche: Nach dem Auftritt geht es direkt weiter mit Kommentaren, die sich aber nicht auf deine Musik beziehen. Die Tätigkeit, die ich auf der Bühne ausübe, wird auf mein zugeschriebenes Geschlecht bezogen und darauf basiert dann eine Bewertung, die persönlich ist und sich nicht auf die Musik von Deutsche Laichen bezieht oder auf meinen Gesang.

Ein Vergleich mit einer der ersten deutschen Frauenpunk-Bands, Östro430 aus Düsseldorf, liegt bei euch nahe. Wenn auch nur peripher musikalisch, so ist es die Direktheit, das Ungestüme und eine wohltuende Obszönität, in der ihr euch sehr ähnlich seid – und natürlich die Lizenz zum Pöbeln. Gibt es andere Bands, auf die ihr euch direkt oder indirekt bezieht?
Asche:
Wir hören alle ganz verschiedene Musik: Punk, Metal, klassische Musik. Genregrenzen interessieren uns nicht. Die Message steht im Vordergrund.

Bi: Ganz ehrlich, ich habe am Anfang einfach zu schlecht Gitarre gespielt, um mich auf irgendjemanden zu beziehen. Das hätte ich nicht umsetzen können. Ich war froh, dass mir die Gitarre nicht aus der Hand gefallen ist.

Es ist erfrischend, wie ihr aus MIAs Songzeile „Du bist so schön, wenn du lachst“ ein „Du bist so schön, wenn du hasst“ macht. Welche Erwartungen gibt es an Frauen in der Musik und was ist eure Antwort darauf?
Asche
: Es passiert recht häufig, dass Männer nach Konzerten auf uns zukommen und eigentlich ausdrücken möchten, dass es ihnen gefallen hat, aber total darauf hängen bleiben, dass wir so wütend sind, und uns fragen, warum wir so aggressiv sind.

Bi: Ich finde es erstaunlich, wie überrascht Menschen von Wut sind. Natürlich sind wir wütend auf der Bühne, aber eigentlich haben wir den Spaß unseres Lebens.

Asche: Du hast einen sehr beschränkten Rahmen, in dem du dich bewegen darfst. Du darfst schon wütend auf der Bühne sein und wie die Boys schreien, aber du musst dabei fuckable und attraktiv bleiben. Wenn du diese Grenzen auch noch übersteigst, wird dir Verwirrung bis Abwertung begegnen.

Das Cover eures Debütalbum weist mit der fruchtig-feuchten Apfelsinen-Vulva den Weg: Welche Rolle spielen Körperpolitiken und sexpositiver Feminismus für euch?
Asche:
Wir haben den Song „My cunt my business“. Hier ist es uns wichtig, dass die Formulierung Cunt sich nicht auf ein bestimmtes Genital bezieht. Hier geht es darum, sich das Schimpfwort zurückzuerobern, ebenso wie in „Emanzenlesbenschlampe“. Wir sagen außerdem immer, dass wir zwei Songs haben, in denen es ums Ficken geht, „Warm Bodies“ ist einer davon. In dem Song geht es darum, dass jede Person ihre Beziehungen so gestalten sollte, wie es zu ihr*ihm passt, außerhalb sexistischer Zuschreibungen und außerhalb von romantischen Zweierbeziehungen. Sex haben können wir auch ohne magische Liebeserklärung. In beiden Songs wehren wir uns dagegen, in Schubladen gesteckt zu werden und Körpernormen entsprechen zu müssen.

Eine wichtige feministische Forderung in der Punkszene ist es, Konzerte zugänglicher und barrierearmer zu machen. Barrieren können beispielsweise Räume ohne Zugang für Menschen mit Rollstühlen sein oder toxische Männer, die den ganzen verfügbaren Raum für sich und ihr Gehabe einnehmen. Nun geht es aber im Punk auch um Freiheit und darum, Energie rauslassen. Wie passen Forderungen nach Rücksichtnahme damit zusammen?
Bi:
Ich finde das sehr schwierig. Als Punk sozialisierte Person habe ich mich auch immer in den Pogo geschmissen und wenn ich dann eins aufs Maul bekommen habe, fand ich es geil. Aber davon gibt es ganz viele Facetten, wann das cool ist und wann nicht. Heute finde ich konsensualen Pogo total wichtig, glaube aber, dass viele Menschen auf Konzerten kein Gespür für solche Situationen haben. Ich stelle mir diese Frage oft, da wir durchaus Leute aus dem Publikum schmeißen, denn dass FLINT-Menschen vorne stehen können ist uns wichtiger. In den nötigen Dialog kommen wir so aber nicht. Über all diese Fragestellungen müssten dringend ausführlichere Aushandlungen stattfinden.

 

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