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Ich und meine Solaranlage

Konsumkritik ist unbewusst elitär und lenkt von den eigentlichen Gründen für den Klimawandel ab.

12.08.19 > Welt

Von Hannah Schultes

Zwischen 2016 und 2035 soll sich laut der Internationalen Luftverkehrsvereinigung der gesamte Flugverkehr ungefähr verdoppeln. 1200 Flughafenneu- und ausbauten sind weltweit in Planung und werden zur Zerstörung von Ökosystemen, Vertreibung von Anwohner*innen und Gesundheitsschäden führen. Horrorzahlen zum Thema Schadstoffemissionen durch Flugverkehr prägten die medialen Debatten der letzten Monate. Von „Flugverzicht“ und „Flugscham“ war die Rede und viele Beiträge folgten dem Tenor: Jeder, der fliegt, ist einer zu viel. Glaubt man den Medien und einigen NGOs sind jedoch nicht nur Fliegen, sondern auch Kaffeeverbrauch, Zigarettenkonsum, Fleischessen, Bahnfahren, Geräte auf Stand-by und Haareföhnen bekämpfenswerte „Klimasünden“. Das Streamen von Serien und Videos ist anscheinend so fatal, dass die „NZZ“ es als „das neue

Fliegen“ bezeichnete – denn der Anteil der Informations- und Kommunikationstechnologie-Branche an den weltweiten Treibhausgasemissionen ist laut „NZZ“ mit 3,7 Prozent fast doppelt so hoch wie der Beitrag der zivilen Luftfahrt.

©Katrin Koenning

Das große Interesse an den medialen Beiträgen zum individuellen Konsum in sich als progressiv verstehenden Kreisen zeigt: Als Klimasünder*in will wirklich niemand gelten. Wer aus diesem Grund darauf achtet, Strom zu sparen, kein Fleisch isst, die Möglichkeit von kurzen Flugreisen nicht wahrnimmt oder kein Auto besitzt, fängt im Sinne einer Selbstveränderung schon mal an mit der ökologischeren Konsumweise. Wer die Veränderung von Konsumentscheidungen jedoch als Lösung propagiert, verkennt die zentralen Ursachen der drohenden Klimaapokalypse.

Zum einen wird diese freiwilligen Einschränkungen des Konsums überhaupt nur eine Minderheit auf sich nehmen, der die Konsummöglichkeiten jahrelang offenstanden. Konsumkritik ist deshalb oft unbewusst elitär und eine Bewegung derer, bei denen Geld und Anerkennung für bewussten Konsum vorhanden ist. Für einen großen Teil der Menschheit liegen westliche Konsumstandards zudem in weiter Ferne. Zum anderen ist die Ursache der Umweltzerstörung eben nicht kollektive Verschwendungssucht. Wenn so viele Menschen das Auto zur Arbeit nehmen, dann auch, weil der öffentliche Nah- und Fernverkehr schlecht ausgebaut oder teurer ist. Verantwortlich dafür ist die Verkehrs- und Industriepolitik, deren Interesse sich weitgehend mit dem der Autoindustrie deckt: Autos verkaufen. Der Konsum ist auch nicht ursächlich für eine Produktionsweise, in der Unternehmen die Natur als kostenlose Ressource behandeln und die Produktion dem Profit statt dem Gemeinwohl dient. Man muss den „Klima-Fußabdruck“ ihrer Produkte oder ihr Abschneiden im „Nachhaltigkeitscheck“ nicht kennen, um festzustellen, dass niemand außer den Unternehmenseigner*innen davon profitiert, wenn Geräte mit kurzer Halbwertszeit hergestellt werden und an der ökologischen Modernisierung ihrer Produktionsanlagen gespart wird, weil es billiger ist, für den entstandenen hohen Schadstoffausstoß einfach zu bezahlen („Emissionshandel“).

Im Vergleich dazu ist es geradezu ehrenwert, eine Solaranlage aufs Reihenhausdach zu installieren oder weniger Serien zu streamen. Es ändert nur nichts daran, dass 44 Prozent aller Treibhausgasemissionen laut Internationaler Energieagentur aus Strom- und Wärmeerzeugung stammen – weil statt erneuerbarer Energien Kohle gefördert wird. Darüber hinaus wird aber auch eine Umstellung auf erneuerbare Energie nicht im Sinne von Mensch und Natur ausfallen, solange private Energiekonzerne damit Profit machen. Individuelle Entscheidungen haben weniger Gewicht, als man gerne glauben würde.

Kollektiver politischer Protest hat hingegen schon oft Schlimmeres verhindert: eine höhere Anzahl von Atomkraftwerken in der BRD oder die weitere Verwendung von FCKW bei der Produktion von Kühlschränken z.B. Die Frage ist, ob es der Klimabewegung gelingt, Forderungen durchzusetzen, die weltweit zu einer massiven Senkung von Treibhausgasemissionen führen würden. Ein kleiner Teil der Menschen, die in einem Artikel der Wochenzeitung „Der Freitag“ als „Luxuselite“ abgestempelt werden und angeblich hauptverantwortlich das Klima des Planeten durch ihre Fliegerei bedrohen, hat das Ende Mai in Wien mit Straßenblockaden für eine „Mobilitätswende“ inklusive kostenlosem öffentlichen Nahverkehr versucht. Dafür kassierten die Aktivist*innen Schläge von der Polizei, eine Person wurde fast mit einem Polizeiauto überfahren, hundert Demonstrant*innen kamen für eine Nacht in Haft. Wer die Lösung nicht im Privaten sucht, sich aber politisch jenseits von Losungen wie „Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“ bewegt und konsequenterweise für ein Ende der kapitalistischen Produktionsweise eintritt, gegen den wird hart durchgegriffen.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/19.

 

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