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Die Klimakrise ist eine Genderfrage

Wir brauchen ein globales Manifest der Forderungen sozialer Bewegungen, sagt unsere Autorin.

05.12.19 > , Welt

Von Shradha Shreejaya

Umweltzerstörung und Klimakrise zwingen Menschen überall auf der Welt, ihr Zuhause zu verlassen. Die Ursachen hierfür und die Folgen der Migration jedoch betreffen Männer, Frauen und trans Personen sehr unterschiedlich. Das zeigt sich am Zugang zum Lebensnotwendigem, bei Aspekten der Sicherheit und bei Gerechtigkeitsfragen. Bislang blenden die Debatten und Forschungen rund um Migration diese Tatsache weitestgehend aus. Sie erwecken damit den Eindruck, das Thema sei geschlechterneutral. Die vielfältigen Verknüpfung zwischen den Gründen, warum Menschen migrieren, dem Zustand der Ökosysteme und den unterschiedlichen Auswirkungen je nach Geschlecht werden nicht diskutiert.

©Sean Hawkey

Immer mehr Menschen auf der Welt aber sind gezwungen, ihr Zuhause und ihre Gemeinschaften zu verlassen, weil die Klimakrise Stürme, Dürren und Fluten häufiger und heftiger werden lässt. Was hieran besonders schlimm ist: Diejenigen, die am wenigsten zur Klimakrise beitragen und über die geringsten Möglichkeiten verfügen, auf extreme Ereignisse zu reagieren, sind am ehesten zur Migration gezwungen. Durch das, was ihnen auf ihrer Flucht, bei der Überquerung von Grenzen und an ihren neuen Wohnorten widerfährt, werden diese Menschen sogar noch verletzbarer. Das gilt ganz besonders für diejenigen, die in andere Staaten gehen. Denn sobald sie eine Grenze überqueren, verlieren sie ihren legalen Status sowie die Rechte, die sie in ihren Heimatländern hatten.
Die Genfer Flüchtlingskonvention, in der sich die UN-Mitgliedsstaaten völkerrechtlich dazu verpflichten, Asylsuchenden Schutz zu gewähren, erkennt den Status “Klimaflüchtling” nicht an.

Damit steht den Flüchtenden kein offizieller Schutz nach internationalem Recht zu. Für migrierende Frauen, Kinder und marginalisierte Personen führt das zu einer besonders großen Unsicherheit. Klima-Migrant*innen sind nicht repräsentiert, haben weder Anspruch auf ein Bleiberecht noch auf soziale Leistungen und landen schnell in der Kategorie „illegale Migrant*innen“. Auch Verwaltungen und Behörden interessieren sich nicht für die Gründe, die die Menschen zum Verlassen ihrer Heimat veranlasst hat.
Klimamigrant*innen sind dabei ähnlichen Gefahren ausgesetzt wie auch andere Menschen, die aufgrund von Krisen im eigenen Land fliehen. Menschen, die keinen sicheren, bezahlbaren und legalen Weg finden, in andere Länder zu migrieren, haben während des gesamten Prozesses große Schwierigkeiten, ihre Rechte einzufordern: Sie können durch strenge Grenzkontrollen an der Einreise gehindert werden. Sie können Opfer von Ausbeutung, miserablen Arbeitsbedingungen, Marginalisierung und Menschenrechtsverletzungen werden. Häufig kommt es vor, dass sie Opfer von Kriminellen werden, sowie Opfer von Ausweisung, Fremdenfeindlichkeit und sozialer Ausgrenzung – häufig verbunden mit willkürlichen Verhaftungen. Auch sexuelle Ausbeutung, Menschenhandel, Gewalt, Vergewaltigung und Folter drohen.

Inwiefern aber wirken sich Klimarisiken, Migration und Flucht unterschiedlich auf Männer und Frauen aus? Frauen sind typischerweise anfälliger für die Auswirkungen des Klimawandels als Männer. Denn in vielen Ländern haben Frauen mit sozialen, ökonomischen und politischen Einschränkungen zu kämpfen. Diese begrenzen ihre Fähigkeiten und Optionen, mit klimabedingten Krisen umzugehen, ebenso wie ihre Möglichkeiten zu migrieren. „Der Zwang zur Migration schafft oft Bedingungen, die Gewalt gegen Frauen sowie andere Menschenrechtsverletzungen, wie sexuelle Bedrohung und Missbrauch, befördern“, heißt es zudem in einer Studie, die die US-amerikanische NGO Sierra Club 2018 veröffentlicht hat. Nachdem 2008 der Zyklon Nargis Myanmar verwüstet hatte, kam es in den betroffenen Gebieten vermehrt zu sexuellen Übergriffen und Gewalt, und die Zwangsprostitution nahm zu. Auch Menschenhandel und Sexhandel verzeichneten eine Anstieg. Und das Problem gibt es selbst dann, wenn das Katastrophenmanagement Camps für die von der Katastrophe Betroffenen zur Verfügung stellt. Das zeigte sich etwa in den USA, wo in Folge von Hurrikan Katrina eine um das Dreieinhalbfache erhöhte Rate von Gewalt gegen Frauen in der Region festgestellt wurde. Die Ursache hierfür lag vor allem in der Gewalt, die von Partnern oder nahestehenden Personen ausging.

Seit 2018 haben einige der Human Rights Treaty Bodies (HRTB) der Vereinten Nationen den Klimawandel als ernst zu nehmende Bedrohung herausgestellt – darunter das Committee on the Elimination of Discrimination against Women (CEDAW), das Committee on Economic, Social and Cultural Rights (CESCR), das Committee on the Rights of the Child (CRC), das Committee on the Rights of Migrant Workers (CMW) und das Committee on the Rights of Persons with Disabilities (CPRD). Die Komitees benennen – neben der Notwendigkeit, dass Staaten alles dafür tun müssen, ihre Emissionen zu reduzieren und Böden und Wälder zu schützen – vor allem folgende Punkte als zentral: Die Menschenrechte von Gruppen und Personen, die sich in schwieriger Lage befinden, sollen gewahrt werden. Beim Umgang mit den Risiken von Katastrophen sowie in Politik und Verwaltung sollen Wanderungsbewegungen und menschliche Mobilität berücksichtigt werden. Die Bevölkerung, die Risiken ausgesetzt ist, soll Zugang zu allen relevanten Informationen erhalten und an der Formulierung von entsprechenden Gesetzen und Programmen beteiligt werden. Für all dies brauche es internationale Kooperation und finanzielle Unterstützung, so die Aussage. 2018 hat das Committee on the Elimination of Discrimination against Women (CEDAW) auch eine Empfehlung verabschiedet, in der es explizit um die Verringerung von Risiken für Frauen im Zusammenhang mit dem Klimawandel geht. Diese Empfehlung identifiziert eine ganze Reihe von Verpflichtungen für Länder.

©Sean Hawkey

Verschiedenen Gruppen weltweit rufen für 2020 zu einem globalen Frauenstreiktag auf, an dem es unter anderem um die Arbeitsbedingungen für Frauen, gerechte Löhne oder den gleichberechtigten Zugang zu Land gehen soll, um nur ein paar Themen zu benennen. Diese Chance sollten wir auch nutzen, um die speziellen Risiken von Frauen und Transpersonen im Zusammenhang mit klimabedingter Migration hinzuweisen. Unsere Bündnisse müssen global noch sehr viel stärker zusammenwirken und das Bewusstsein stärken, dass wir unsere Wirtschaft und unser politisches System umbauen müssen. Es darf nicht länger Menschen und den Planeten in Gefahr bringen. Was wir heute dringend brauchen, ist ein globales Manifest der Forderungen aus den sozialen Bewegungen, ein Manifest, das den Ruf nach einem Systemwandel und der Umverteilung der Ressourcen laut werden lässt.

Wir brauchen einen globalen Aufschrei für den schnellen Ausstieg aus den fossilen Energien, einen Aufschrei für offene Grenzen und für die Demilitarisierung der Regierungen. Wir müssen unsere Solidarität weltweit ausweiten und deutlich machen, dass alle das Recht auf die Befriedigung ihrer grundlegenden Bedürfnisse haben. Schaffen wir das nicht, wird unsere Bewegung für Klimagerechtigkeit daran scheitern, ihre Versprechen an die ärmsten und am stärksten marginalisierten Gruppen unter uns zu erfüllen.

Dieser Text basiert auf der Publikation “A Study on the Gender and Social Impacts of Climate Migration” des Klimagerechtigkeitsprogramms der Rosa-Luxemburg-Stiftung Philippinen.

Shradha Shreejaya arbeitet als Politikwissenschaftlerin aus feministischer Sicht zu Ökosystemen und Nachhaltigkeit. Sie hat ihren Master in Ecology & Environmental Sciences an der Pondicherry Central University in Indien gemacht. In der Vergangenheit hat Shradha als Programmmanagerin beim Asia Pacific Forum on Women, Law and Development (APWLD) gearbeitet und hier mit Graswurzelinitiativen von Frauen gearbeitet, die sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen. Aktuell arbeitet sie im indischen Bundesstaat Kerala mit feministischen Organisationen, die sie bei der Durchführung von Recherchen, der Vertretung ihrer Interessen und dem Aufbau von Kompetenzen unterstützt.

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