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German Angst

Eine Diskussion zum Verhältnis von Politik und Emotion.

20.12.19 > Inland

Von Rebecca Fuxen

„Die Leute“, sagte der AfD-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland in einem ZDF-Interview im September 2019, „haben Ängste im Osten. (…) Wenn es Probleme gibt, dann suchen sich Probleme ein Sprachrohr. Wir sind dieses Sprachrohr.“

In diesem Zitat erklärt Gauland sich und seine Partei zur multifunktionalen Bewältigungshilfe verschiedenster Ängste. So durchschaubar solche Versuche scheinen, politische Agenden mit bestimmten Emotionen zu rechtfertigen, so systematisch kommen sie vor und so gezielt wirken sie. Wenn wir über das Verhältnis von Emotionen und Politik sprechen, geht es häufig um eben diese Beeinflussung von Affekten als politisches Machtinstrument, um „gefühlte Wahrheiten“. Daran zeigt sich, dass Emotion und Politik einiges miteinander zu tun haben, auch wenn der vermeintliche Widerspruch von Politik und Emotion — hintergründlich der von ‚Vernunft’ und Gefühl — den Diskurs strukturiert.

©Sophie Stadler

Spannend sind die emotionalen Kategorien, die auftauchen, wenn über politische Themen gesprochen wird. An ihnen lässt sich viel über das Verhältnis von Politik und Emotion erfahren. In Gaulands Aussage wird ein Gefühl selbst als faktischer Grund genannt, um politische Agenden zu rechtfertigen. ‚Angst‘ bezeichnet hier nicht hauptsächlich einen bestehenden Emotionszustand, sondern dient als Label, das in seiner sprachlichen und medialen Zirkulation auch zur Ausprägung dieser emotionalen Realitäten beiträgt, die es zu benennen vorgibt. Es dient so mindestens als folgenreiche Unterstellung – und impliziert außerdem das Bild eines Staates auf der politischen Metaebene, der scheinbar dazu dient, sich um die Gefühle der Menschen zu kümmern. Jedenfalls für diejenigen, die sich davon angesprochen fühlen.

Feminist*innen kämpfen schon lange dafür, dass die vermeintliche Trennung zwischen Privatem und Politischem eine Öffnung erfährt. Und auch das Emotionale steckt noch im Privaten fest. Das Emotionsleben gehört politisch thematisiert. Emotionen nicht nur als Privatsache zu begreifen, sondern die politischen Sphären daraufhin zu analysieren, kann sowohl dabei helfen, Instrumentalisierungen vorzubeugen als auch strukturelle Ungleichheiten zu (be-)greifen. Emotionen bewegen zu politischen Handlungen, gleichzeitig sind sie Teil eines Systems von Machtmechanismen, das vermeintlich Privates strukturiert und sich in Marginalisierung und Ungleichheit ausdrückt. Sie können damit nicht nur Symptom, sondern auch Wirkung und Ursache sein.
In einer Weiterführung von Natur-Kultur- und Körper-Geist-Hierarchien, die auch Politisches und Privates zu trennen scheinen, werden bestimmte Emotionen in westlichen Emotionskulturen als tendenziell „kultiviert“, also ‚stark‘, andere als tendenziell „primitiv“, also ‚schwach‘, kategorisiert. Eine gewisse Popularität im Diskurs hat auch ein evolutionäres Denken dahingehend, wie Emotionen verstanden werden. Oft wird die Emotion als eine Art Ur-Natur-Eigenes des Menschen gesehen, das schon seit der Steinzeit existiert. Doch der gesellschaftliche Umgang mit Emotionen wandelt sich, auch er ist intersektional geprägt.

Um klarer zu fassen, wie sich Emotionen und Politik zueinander verhalten, lassen sich zwei Modi des Umgangs mit Emotionen unterscheiden. Die Politikwissenschaftlerin Brigitte Bargetz nennt sie ‚Politik der Gefühle‘ und ‚gefühlte Politik‘. Eine Politik der Gefühle macht Emotionen zum „Instrument und Motor des Politischen“. Das trifft zum Beispiel zu, wenn Alexander Gauland behauptet, die AfD sei das Sprachrohr der „Ängste“, die „die Menschen im Osten“ verspüren. ‚Gefühlte Politik‘ hingegen sieht Emotionen als „emotional-politischen Handlung- und Erkenntnismodus“. Das bedeutet, dass sich verschiedene Ausbeutungs- und damit Unterdrückungsverhältnisse, die mit politischen Entscheidungen zusammenhängen, in „verkörperte Alltagspraxen“ übersetzen, die politischen Verhältnisse also mehr oder weniger „affektiv aufgenommen“ werden. Dieser Ansatz zeigt, welchen Anteil politische Entscheidungen, die gesellschaftliche Verhältnisse formen, auf das Emotionsleben Einzelner, aber auch bestimmter Gruppen haben. Durch diese Filter kann in den Blick genommen werden, wie sich politische Entscheidungen in gesellschaftlichen Herrschafts-Konstitutionen niederschlagen, und damit auch in ihren Auswirkungen auf Emotionsleben.

Die Literaturwissenschaftlerin Sara Ahmed, bekannt auch durch ihren Blog feministkilljoy, beschreibt Perspektiven auf Angst im öffentlichen Diskurs. Einerseits wird Angst als Mittel des Regierens gesehen, gleichzeitig auch oft als Symptom des „modernen“ Lebens und der schnellen Veränderung gedeutet. Oder Angst bildet den Imperativ der Regierungsbildung, indem das Versprechen der Zivilisation die Angstfreiheit ist. Wenn also hier ein*e Politiker*in darauf besteht, „den Leuten“ ein kollektives Gefühl zu unterstellen, gegen das etwas getan werden muss, wird damit die Aufgabe der Politik als eine bestimmt, die auch mit den Gefühlen der Menschen haushaltet. Wenn der Staat, wie das Zitat impliziert, zum Zweck hat, den Schmerz oder die Angst einer bestimmten Gruppe zu beseitigen – die er selbst produziert –, wird die Abwesenheit ‚schlechter‘ Gefühle scheinbar zum erklärten Ziel. Doch wenn wir ehrlich darüber nachdenken, wer sich in diesem Land gut fühlen kann und wer eine Bühne dafür hat, diese Gefühle zu äußern, dann stellen wir fest, dass ‚sich gut fühlen‘ nicht heißt, dass wir in gerechten Verhältnissen leben. Und dass diejenigen, die sich besser fühlen, auch mehr Gelegenheit haben, diesen Gefühlen öffentlichen Raum zu geben.

Angst lähmt und Angst neigt sich erwartend in die Zukunft. Angst braucht ein Objekt. Wenn eine Person ihre Angst bewältigen will, muss sie sie irgendwo lokalisieren, auf etwas beziehen oder projizieren. Angst steht immer in Zusammenhang mit einer Beziehung zwischen Personen oder abstrakteren Dingen, sie ist nie nur in einer einzelnen Person verankert. Sie beginnt nicht im Körper, sondern hängt auch von schon zirkulierenden Narrativen über Angst ab. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Frauen* Angst haben, allein und im Dunkeln nach Hause zu gehen, weil es eine gängige Erzählung ist, dass Frauen* Angst haben sollten, allein und im Dunkeln nach Hause zu gehen. Das kann dazu führen, dass sie zu Hause bleiben. Die Folge ist, dass sie weniger Platz im öffentlichen Raum einnehmen, was wiederum dazu führt, dass sie weniger Gestaltungsmöglichkeiten in diesem Raum haben.

Würden wir dem Einfluss von verbreiteten Erzählungen über Emotionen mehr Aufmerksamkeit schenken, könnten wir erkennen, dass die Lösung des Problems natürlich nicht ist, dass Frauen* zuhause bleiben, sondern etwas gegen Belästigung zu unternehmen und die gesellschaftlichen Vereinbarungen zu hinterfragen, die es ermöglichen, dass so etwas stattfindet. Damit will ich nicht sagen, dass es keinen Anlass gibt, Angst zu haben, sondern, dass das Narrativ der Angst hier dazu dient, die bestehenden Verhältnisse aufrecht zu erhalten. Beispielsweise der „Atlas der Angst“ hat gezeigt, dass diese Emotion vor allem dort überhandnimmt, wo Menschen mit den vermeintlichen „Objekten der Angst“ kaum in Berührung kamen.

Im Grunde ist das Verhältnis von Politik und Emotion also paradox. Einerseits gilt Vernunft als Korrektiv von (unangebrachten) Emotionen, andererseits sind Emotionen sowohl Teil als auch Antrieb und Wirkung von politischen Handlungen. Es wäre nachhaltiger, Gefühlen im Politischen generell mehr Sichtbarkeit zu geben, um ihrer Instrumentalisierung vorzubeugen. Denn auch Gefühle haben Struktur. Auch Gefühle sind nicht einfach so da. Sie nicht als Teil von Herrschaftsverhältnissen zu berücksichtigen, bedient neoliberale Politik, die Individualisierung und Entfremdung immer weiter verstärkt und Solidarisierung sabotiert. Wir sollten uns fragen, wessen und welche Gefühle wir denn wahrnehmen, und an welchen Orten sie überhaupt spürbar werden.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Master in Critical Studies der Akademie der Bildenden Künste Wien.

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