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Utopie statt Heimat

Wer hat das Recht zu bestimmen, was Heimat bedeuten soll – und was wäre eigentlich das Gegenteil von Heimat?

20.12.19 >

Von Yul Koh

„Geht es zurück in die Heimat?“ Die Sachbearbeiterin im Bürgerbüro in Jena blickt mich freundlich an. Ich stutze und lache verlegen: „Nach München? Nein, ich verlasse doch Deutschland.“ Sie schaut mich kurz an und lacht mit. Ich weiß, dass sie nicht München meint. Sie fragt, weil ich nicht „typisch deutsch“ aussehe. Was heißt das eigentlich?
Manchmal vergesse ich, dass ich durch mein Aussehen auffalle, dass ich für manche eine Ausländerin bin, obwohl ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin. Fragen und Aussagen, die meine „Fremdheit“ in den Fokus stellen, sei es bewusst oder unbewusst, fallen häufig. Aber seit den ersten Demos der Pegida begann ich mich immer unwohler zu fühlen: Die sprungartig angestiegene Präsenz der Rechten in Deutschland und die damit einhergehenden öffentlichen politischen Diskursen, aber vor allem die ständigen privaten Diskussionen und auch der Verlust von Freund*innen und Bekannten durch unterschiedliche Positionen lassen nicht nur bei mir das Gefühl der „Heimatlosigkeit“ entstehen.
Wie viele aus meinem Freund*Innen- und Bekanntenkreis hatte ich geglaubt, die Welt würde immer näher zusammenrücken, die Grenzen würden eingerissen werden und die Menschen toleranter. Stattdessen mussten wir feststellen, dass wir uns in einer kleinen Blase aufgehalten und naive Träume geträumt hatten und jetzt Politiker*Innen und Parteien an der Macht sind, die Stück für Stück unsere Träume auseinandernehmen.

©Yul Koh

Nach dem Duden online ist Heimat „Land, Landesteil oder Ort, in dem man [geboren und] aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt (oft als gefühlsbetonter Ausdruck enger Verbundenheit gegenüber einer bestimmten Gegend).“ Also ist meine Heimat jetzt Haidhausen, München, Bayern, Deutschland, Südkorea oder einer der anderen Orte, in denen ich gelebt oder die ich bereist habe? Oder meinen die doch nur mein WG-Zimmer?

Martin Hecht schreibt in seinem 2000 erschienen Buch „Das Verschwinden der Heimat. Zur Gefühlslage der Nation“: „Heimat ist ein Wort, mit dem jeder meint, sofort etwas anfangen zu können und doch eins, das sich durch die Beliebigkeit seiner Ausdeutung jedem Zugriff zu entziehen scheint.“ Dies mag daran liegen, dass der Begriff in eine zeitliche, emotionale, räumliche, territoriale, sprachliche, juristische, religiöse, geistige und soziale Dimension unterteilt werden kann. Diese können unterschiedliche Heimaten bilden, müssen aber nicht. Es müssen nicht alle Aspekte gleichzeitig zutreffen, oft gehen sie aber miteinander einher und es entstehen unterschiedliche, subjektive und individuelle Verständnisse von ‚Heimat‘. Diese Polyvalenz birgt gleichzeitig Möglichkeiten, Streitpotential und Diskussionsmaterial. An sich können die meisten ‚Heimaten‘ nebeneinander existieren, nur einige wenige verstehen sich selbst als ausgrenzend, abgrenzend, homogen, territorial und national und verweigern damit Allen ein Recht auf Heimaten. Ich möchte nicht, dass diese Seite des Heimatbegriffs die Oberhand gewinnt.

Eines der Hauptprobleme der ‚Heimat‘ liegt in ihrer Rolle als Antonym zum Fremden und zum Verlust. Und dies machen sich nationalistische Parteien derzeit zu Nutze. Heimat wird somit zum Kampfbegriff: Er steht für Vertrautes, Bekanntes, Unveränderliches, Tradition, Land und Kultur. Leitkultur. Was für eine Kultur? Egal. Auf jeden Fall nicht die Kultur der Anderen. Das Fremde als Versinnbildlichung des Schlechten: Durch die negative Konnotierung des Fremden, erscheint die Heimat in einem noch schöneren Licht, sie wird überhöht. Sie wirkt fragil und schützenswert. Was und wie sie dabei genau geschützt werden soll oder vielmehr kann, ist dabei nebensächlich. Vor wem oder was soll diese Heimat geschützt werden? Wird die eigene ‚Heimat‘ wirklich erhalten, indem sie vor dem ‚Anderen‘, dem ‚Fremden‘ geschützt wird?

Geht es wirklich um einen bestimmten Ort, eine bestimmte Zeit, um die Menschen aus unserem Umfeld? Geht es nicht vielmehr um einen imaginären Zustand: Erschaffen wir nicht in unseren Köpfen eine Erinnerung an eine Heimat, die so nie wirklich existiert hat? Sich auf Ernst Bloch beziehend, beschreibt Bernhard Schlink ‚Heimat‘ als Utopie: Ein „Nichtort“. Ein Ort, der noch nie existiert hat und an dem noch keiner von uns war. Ein Ort, der erst durch unsere Wünsche und (unerfüllten) Sehnsüchte entsteht. ‚Heimat‘ ist der Versuch, eine Ganzheit, Einheit, Vollkommenheit zu erreichen, die es nie gab und wahrscheinlich nie geben wird: Eben eine Utopie.
Häufig wird diese (Heimat) in der Kindheit oder an irgendeinem anderen Zeitpunkt in der Vergangenheit verortet, also einem Moment, der nicht mehr erreichbar ist und somit in der Erinnerung romantisiert werden kann. Es ist der Zustand, in welchem uns Alles und Jede*r vertraut und bekannt war – im Nachhinein. Dieser Moment existierte ja nie real, er ist konstruiert: In unseren ersten Lebensjahren ist uns mehr fremd als vertraut. Wir sind nicht in der Lage, unseren Kopf ohne Hilfe hochzuhalten, zu sprechen, zu kauen, zu gehen, ja selbständig zu sein. Alles müssen wir erst erlernen. Fremdes wird vertraut gemacht, Neues gelernt. Noch nehmen wir alles in den Mund, wir machen keine Unterscheidung zwischen Essbaren und Nichtessbarem, Verträglichem und Unverträglichem, Eigenem und Fremden. Erst im Nachhinein, kommt es uns so vor, als wäre uns damals Alles und Jede*r vertraut und bekannt gewesen, denn heute kennen wir diese Dinge, Orte, Gedanken und Personen. Wir sind mit ihnen groß geworden und durch gemeinsame Erinnerungen und Erfahrungen verbunden.

Auch heute stoßen wir tagtäglich auf neue Dinge, aber anstatt mit kindlicher Neugierde darauf zu reagieren, werden Grenzen hochgezogen: Alles soll so bleiben wie es ist. Oder zumindest so wie es zu sein scheint. Aber nur der Tod ist endgültig. Nichts blieb je so wie es war und nichts wird je so bleiben. Und so gibt es keine heile, keine unberührte, ja gar keine Heimat und es gab sie noch nie.
Aber Utopien können wahr werden: Lasst uns ‚Heimat‘ in der Zukunft sehen, statt Vergangenem nachzutrauern und zu versuchen Alles festzuhalten und zu konservieren. Neuem mit Neugier gegenüber treten, Dissonanzen zulassen, Fremdes zu Vertrautem machen. Lasst uns alle Grenzen einreißen und gemeinsam aus den Trümmern den Turm zu Babel aufbauen! Und nicht nur das: Lasst uns eine Gesellschaft bauen, in welcher jede*r eine ‚Heimat‘ und 1000 ‚Heimaten‘ haben kann!

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem Studiengang Master in Critical Studies der Akademie der bildenden Künste Wien.

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