Schland ist ÖPNV-Barrieren-Vollkatastrophe!

Und Menschen potenzieren den Hass-Faktor extrem.

04.02.20 > Debora Antmann
Profilfoto Debora Antmann

Debora Antmann
1989 in Berlin geboren und die meiste Zeit dort aufgewachsen. Als weiße, lesbische, jüdische, analytische Queer_Feministin, Autorin und Körperkünstlerin, schreibt sie auf ihrem Blog »Don’t degrade Debs, Darling!« seit einigen Jahren zu Identitätspolitiken, vor allem zu jüdischer Identität, intersektionalem Feminismus, Heteronormativität/ Heterosexismus und Körpernormen. Jenseits des Blogs publiziert sie zu lesbisch-jüdischer Widerstandsgeschichte in der BRD, philosophiert privat über Magneto (XMen) als jüdische Widerstandsfigur und sammelt High Heels für ihr Superheld_innen-Dasein.

So, reden wir mal Tacheles! Eigentlich sollte hier ein emotionaler Text stehen, warum Oversharing Caring ist, aber nach einer Stunde ÖPNV bin ich einfach zu abgegessen, um euch das zu gönnen. Für mich als Rollstuhlfahrerin sind Öffis die Pest, aber wisst ihr, was fast noch schlimmer ist? Menschen! Das, was mich an S-Bahn-, U-Bahn-, Bus- und Tramfahren zur rasenden Kolumnistin macht, sind die Leute.

©Tine Fetz

Kategorie A: der kreative S-Bahn-Fahrer (Maskulinum intended)

Ich werde fast täglich am Bahnsteig stehen gelassen. Manchmal sogar mehrfach an einem Tag und hätte ich die Mittel, würde ich die Berliner S-Bahn in Grund und Boden klagen. Hier läuft das so ab: Wenn der Zug einfährt, musst du bereits am Gleis auf Höhe der Fahrer*innenkabine (immer woanders) bereitstehen, dann auf dich aufmerksam machen, damit die fahrende Person dir die Rampe vom Gleis holt und dich einsteigen lässt. Das ist die Theorie. In der Praxis haben Bahnfahrer die geilsten Methoden, um das nicht zu tun. Hier meine Highlights: Sie ignorieren dich einfach und drehen ihren Kopf weg – auch wenn du winkst oder an ihr Fenster klopfst. Sie behaupten, du hättest einen halben Meter zu weit hinten gestanden, sie hätten jetzt einfach keine Lust, du könntest um die Uhrzeit nicht fahren, schließlich sei Berufsverkehr, du solltest es ab 10 Uhr noch mal versuchen, sie haben „heute schon mal einem Rollstuhlfahrer reingeholfen“, du sollst auf die nächste Bahn warten (ohne Begründung, einfach so), ihr Zugtyp sei nicht für Rollifahrer*innen gemacht, „Nö“, „Och nö“, „nich bei mir“, „ich hab keinen Schlüssel“ …

Ich könnte ewig so weitermachen. Ich habe schon so viel Zeit auf Bahnsteigen verbracht, weil Bahnfahrer mich unter den absurdesten Vorwänden einfach nicht haben einsteigen lassen, weil sie die Rampe nicht anlegen wollten, dass das für mindestens beide Staffeln „Pose“ und eine halbe Staffel „One Day at a Time“ gereicht hätte. Und ich bin erst seit Juni im Rollstuhl …

Kategorie B: die in die 1.-Tür-Quetscher*innen

Rollstuhlfahrer*innen dürfen/können nur an bestimmten Türen einsteigen, wenn sie alleine unterwegs sind und nicht stranden wollen. In Berlin ist es bei der U- und S-Bahn die erste. Nur hier bekommen wir die Rampe. Scheinbar ist die erste Tür aber generell besonders beliebt, viele Fußgänger*innen rennen lieber noch einige Meter an der Bahn entlang, um sich dann genau dort hineinzuquetschen. Liebe Leute! Die erste Tür ist unsere! Nehmt doch einfach eine der anderen 25! Damit tut ihr uns einen riesigen Gefallen! Und wenn ihr das bisher noch nicht wusstet, dann macht es gefälligst ab jetzt! Wir sind nämlich die, die am Bahnsteig stehen bleiben müssen, wenn ihr euch dort hineingequetscht habt und wir nicht mehr reinpassen, obwohl an anderen Türen noch massig Platz ist. Tut doch in Zukunft einfach so, als gäbe es die erste Türe nicht. Lauft an ihr vorbei, zeigt ihr die kalte Schulter! Ist für euch auch viel entspannter, denn ihr werdet feststellen: Wie durch ein Wunder sind alle anderen Bahntüren leerer. Win-win für alle!

Kategorie C: die Salzsäulen

Wenn wir dann also alle hinter Tür eins stehen, beginnt der Stress. Denn Bahnen sind schmal, haben oft ne Stange in der Mitte und alle Leute wollen an dem sperrigen Rollstuhl vorbei. Ich würde mich gerne platzsparend hinstellen, denn glaubt mir, Rucksäcke und fremde Ärsche in die Fresse zu bekommen ist kein Fetisch von mir, aber zum Rangieren brauche ich Platz und zwar mehr als den halben Millimeter, den ihr euch zur Seite lehnt, während ihr mich fasziniert anstarrt, wenn ich euch bitte, mir Platz zu machen. OBWOHL mehr Raum da ist! Für alle Geometrienieten: Um zu rangieren, brauche ich nicht nur die genau abgemessene Fläche meines Rollstuhls. Rollstühle können sich nicht auf der Stelle drehen. Wenn ich dich darauf hinweise, dass ich NOCH MEHR Platz zum Rangieren brauche, dann tippel nicht nur einen halben Millimeter weiter, sondern schau, dass du alles an Fläche rausholst, was drin ist. Denn wenn ich erst mal in der Ecke bin, haben ALLE mehr Platz und ich keine Ellbogen mehr im Auge. Stattdessen scheint aber die Bahn voller starrer Salzsäulen, die dann auch noch sauer sind, wenn ich ihnen gegen das Schienbein fahre. Ups. Das Gleiche gilt übrigens fürs Aussteigen. Ja, du Salzsäule, wenn ich sage, ich muss aussteigen, bedeutet das, ich muss MIT DEM ROLLSTUHL zur Tür. Starres starren.

Kategorie D: die Kinderwagen-Vergleicher*innen

Das sind jene, die sich für empathisch halten und dann ungefragt ihre Bahn-Kinderwagen-War-Storys auspacken. Ich mache es für euch sehr kurz: ICH BIN KEIN FUCKING KINDERWAGEN! Dieser Vergleich ist so ableistisch, mir zuckt die Spastik im Bein. Und es ist auch einfach NULL vergleichbar! Ein Kinderwagen ist eine Milliarde Mal leichter als ein erwachsener Mensch in einem Rollstuhl. Selbst ein leerer Rollstuhl ist schwerer als euer Kinderwagen. Ihr könntet zur Not den Kinderwagen einfach rein- und rausheben und braucht in der Regel keine Rampe. Niemand zwingt euch, bestimmte Türen zu nehmen. Ich bin ein erwachsener Mensch, das ist meine Art der Fortbewegung. Leute mit Kinderwagen werden völlig anders behandelt und verhandelt in dieser Gesellschaft. Lasst diesen absurden Vergleich. Das ist einfach nur falsch.

Kategorie E: die Anfasser*innen

Diese Leute stressen mich am allermeisten und sie werden irgendwann meinen Rollstuhl kaputt machen. Das sind die, die glauben, ich bräuchte keine Rampe, weil sie ja da sind. Diese Held*innen sind sowohl Passant*innen wie auch Bahnfahrer*innen, die sich ohne Vorankündigung die Griffe meines Rollstuhl schnappen und mich in die Bahn heben wollen. Ich habe einen Rollstuhl mit Zusatzantrieb, der sich im E-Modus nicht bewegen lässt. Versucht man das mit Gewalt, kann das seinen Tod und für mich die Katastrophe bedeuten. UND SEIT WANN HEBEN WIR MENSCHEN EINFACH HOCH?! Stellt euch das doch mal in jeder anderen Situation vor: Ihr steht an der Kasse, die Kasse schließt und statt euch zu bitten, an die andere Kasse zu gehen, kommt eine wildfremde Person von hinten, packt euch, hebt euch hoch und setzt euch bei der anderen Kasse wieder ab. Das klingt für einige vielleicht erst mal ganz lustig, aber überlegt euch dann, dass das drei Mal am Tag passiert. Wildfremde Leute heben euch im öffentlichen Raum ungefragt einfach hoch und setzen euch woanders wieder ab. Und dann sollt ihr Danke sagen. Oder sie schieben euch ungefragt von a nach b. Ich bin kein Schreibtischstuhl auf Neuköllner Gehwegen!

Ihr alle versaut mir den Tag, ihr Kreativ-Tür-Quetsch-Salzsäulen-Kinderwagen-Vergleichs-Anfasser*innen!


Beitragsnavigation