„Ein Mädchen darf das nicht“

Eine feministische Kritik an der Normierung der Lust von Frauen

18.03.20 > Sex & Beziehung

Von: Laura Méritt
Fotos: Juliette Moarbes und Stefanie Kulisch

Wie schön ist meine Scham?“ mit diesem Slogan wirbt die Intimchirurgie in Frauenmagazinen für teure Labien-, Lust- und Lochkorrekturen und liegt damit wie „Vulva Watching“-Workshops, bei denen sich die Teilnehmenden ihre Vulven genau ansehen, voll im Trend. Doch während die Intimchirurgie ein Ideal der Vulva und damit ihre Normierung propagiert, setzen die Voyeusen in den Workshops auf Aufklärung: Seit den 1970er-Jahren durch die Frauengesundheitsbewegung initiiert betrachten Frauen in sogenannten CR- (Consciousness Raising) oder Spekulumgruppen sich selbst, zeigen sich gegenseitig ihre Mösen und stellen deren Vielfältigkeit fest. Das ist für die Mehrheit der Teilnehmenden in meinen Freudensalons und vulvarischen Workshops eine erhellende und beglückende Botschaft. Über den Austausch der Generationen wird Wissen vermittelt, das auf allen Seiten als beruhigend empfunden wird, z. B. dass sich Vulven im Laufe des Lebens verändern und sensibler werden, besonders nach der Menopause.

©Stefanie Kulisch & Juliette Moarbes

Seit mehr als zwanzig Jahren halte ich jeden Freitag in meiner Wohnung Salon, ein bewusst gewähltes Konzept, das einen privaten Rahmen für den sexuellen Austausch bietet. „Das Private ist politisch“, zentraler Leitspruch der Frauenbewegung, bewährt sich auch hier. Die Hemmschwelle, ans Eingemachte zu gehen und die eigenen Schamgefühle zuzulassen und zu verbalisieren, ist in einem unterstützenden und sicheren Rahmen weitaus geringer. Auch in Einzelstunden erlebe ich Frauen, denen bei den praktischen Demonstrationen und Selbsterforschungen bewusst wird, wie sehr sie ihren Körper kontrollieren und auch in der Sexualität zurückhalten.

In einer Einzelsession sprach eine Teilnehmerin sich mit einem Spruch laut Mut zu, den sie als Verbot abgespeichert hatte: „Ein Mädchen darf das nicht!“, und ergoss sich erleichtert unter meinem positiven Zuspruch. Ihr ging es nicht nur um die weitverbreitete Scham, ins Bett zu pinkeln, sondern um ihre Lust und wie viel Frauen davon haben dürfen. Sexualität und Begehren wird Frauen zunehmend auch von sich selbst zugestanden, medial durchaus auch gefordert, bei der kommunikativen und praktischen Umsetzung zeigen sich jedoch konkrete Hemmnisse. So viele widersprüchliche Anforderungen oder Verbote prasseln auf uns ein: Beobachtet und damit auch kontrolliert zu werden, ist ein zutiefst verinnerlichtes Gefühl von Frauen. Die gesellschaftliche und angesagte coole Rolle als sexy Bitch zu erfüllen, ist ein ebenso nachvollziehbares Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Doch zu einem eigenen sexuellen Ausdruck zu finden, ist vielen fremd, und das laute Stöhnen – auch noch in der Gruppe – will geübt werden, wird es doch i…

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