Erste Küsse

Die Doku „Uferfrauen“ schildert einfühlsam das sexuelle Erwachen sechs lesbischer Frauen in der DDR.

18.03.20 > Film & Serien

Von Olja Alvir

Rostock, Wallpark beim Kröpeliner Tor. Zu Zeiten der DDR ein wichtiger Treffpunkt für die Schwulen der Region. Und wo haben sich die Lesben getroffen? „Tja, das hätte ich damals auch gerne gewusst!“, lacht Pat Wunderlich. „Da wäre ich schneller gewesen mit meinem Coming-out!“

Missy 02/20
© Dejà-vu film

Die sechs Protagonistinnen aus Barbara Wallbrauns Dokumentation erzählen von sexuellem Erwachen, erstem Begehren, frühem Verliebtsein und ersten Küssen – von kleinen, aus dem Alltag gestohlenen Momenten der Zweisamkeit unter Liebenden. Sie schildern ironische Anekdoten über sexuelle Aufklärung, ihre ersten Kontakte mit den Labels „lesbisch“ und „homosexuell“. Sie erklären, wie sich ein „lesbisches L(i)eben“ innerhalb der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einrichten ließ – oder eben, wie so oft, leider nicht.

Die zum Teil desaströsen Konsequenzen eines offen lesbischen Lebens oder lesbischer Beziehungen: Psychiatrie, Verhaftungen, staatliche
Überwachung, (Partei-)Ausschlüsse, zerrüttete Familien. Große lesbische Lieben, die unter dem Druck von außen zerbrachen. All diese traumatisierenden Erlebnisse werden von der Kamera sehr einfühlsam begleitet. Wallbraun hat einen Weg gefunden, ganz nahe bei ihren Protagonistinnen zu sein und uns in ihre Welt mitzunehmen, ohne dass es einer Ausbeutung der Schicksale gleichkommt.

Auch aus heutiger Sicht durchaus problematisch anmutende Umstände, etwa Beziehungen bzw. sexueller Kontakt zwischen jungen Erwachsenen und Minderjährigen, spart der Film nicht zugunsten einer Idealisierung seiner Protagonistinnen aus. Ähnlich geht der Film mit der DDR an sich um: Lohndiskriminierung, Stasi und Repression werden schonungslos thematisiert. Doch genauso wird seitens der Lesben betont, dass demokratisierende Prozesse bereits vor 1989 in großer Anstrengung eingeleitet wurden, u. a. von ihnen und ihren Communitys. Das Urteil überlässt der Film jedenfalls den Zusehenden.

Geurteilt wurde auch, und wie: „Uferfrauen“ erhielt 2019 bei den Lesbisch Schwulen Filmtagen in Hamburg den Publikumspreis. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir alten Lesben den Jungen noch etwas geben können, die wollen das bloß manchmal nicht haben“, sagt Wunderlich. „Oder sehen noch nicht, dass es möglich ist, von uns noch etwas zu lernen.“ Wallbrauns Film verdeutlicht, was es da zu lernen gibt. Ein wichtiges Zeitdokument – und eine Blaupause für die Zukunft.

„Uferfrauen – Lesbisches L(i)eben in der DDR“ DE 2019. Regie: Barbara Wallbraun. 115 Min., Start: 02.04.

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