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Männlich, links, übergriffig

Seit dem Festival Monis Rache hat sexualisierte Gewalt in der deutschen Linken eine neue Dimension erreicht.

18.03.20 > Inland

Von Eva Tepest
Foto: Doro Zinn

„Ich bin wütend as fuck“, erzählte Lotte*. Die Leipzigerin besuchte 2018 des Festival Monis Rache und erfuhr wie Tausende andere aus dem Internet, was dort vor sich ging: Am 07. Januar, während ihres Erasmus-Austauschs in Finnland, erscheint die investigative Reportage „Spannervideos: Wer filmt Frauen auf Toiletten?“ Sie deckt u.a. auf, dass auf dem linken Festival 2016 und 2018 ein Mitarbeiter auf Dixiklos mit versteckten Minikameras Videoaufnahmen von FLINT-Personen (Frauen, Lesben, Inter-, nicht-binäre und trans Personen) erstellte und diese auf der Pornoseite xHamster verbreitete. Die Reportage der Journalistin Patrizia Schlosser erscheint auf STRG_F, einem YouTube- Format des öffentlich-rechtlichen Jugendnetzwerks funk.

Missy 02/20
©Doro Zinn

Was für Lotte folgt, sind drei Wochen schlafloser Nächte und Kopfkino: Den mutmaßlichen Täter kennt sie oberflächlich von Partys und aus einem gemeinsamen Arbeitskontext, sie lief ihm auch bei besagtem Festival in Tutow (Mecklenburg-Vorpommern) über den Weg. Belastend ist auch: Betroffene können zwar Anzeige gegen den mutmaßlichen Täter**, dessen Name auch der Missy-Redaktion vorliegt, erstatten.

Ihm drohen bis zu zwei Jahre Haft, die Polizei Anklam hat Anzeige erstattet. Doch ist für Festivalbesucher*innen schwer nachvollziehbar, ob sie auf den Videos zu sehen sind. Denn da die Aufnahmen nicht öffentlich zugänglich sind, sondern in Täterkreisen getauscht und verkauft wurden, lässt sich ihre Verbreitung kaum nachvollziehen. Die technischen Möglichkeiten bildbasierter sexualisierter Gewalt stellen Betroffene und Feminist*innen vor neue Herausforderungen. Dabei nimmt das heimliche Abfilmen als neue Form von Frauenfeindlichkeit zu: Die Suchanfrage ,,spycam“ (dt.: versteckte Kamera) spuckt bei xHamster über 2000 Ergebnisse aus. Auf die Enthüllungen um Monis Rache folgte die Bekanntmachung, dass in den Duschen auf dem Fusion- Festival heimlich Filmaufnahmen gemacht und diese ins Netz ge- stellt wurden. Auch Berichte über nicht einvernehmliche Club- und Airbnb-Aufnahmen häufen sich.

Lottes Wut richtet sich auch auf das Team hinter der funk-Doku. Reporterin Patrizia Schlosser war durch eine Undercover-Recherche auf Dixiklo-Aufnahmen aus dem Jahr 2016 gestoßen. 2018 besuchte sie daraufhin Monis Rache in der vergeblichen Hoffnung, den Täter zu stellen – ohne die Festivalverantwortlichen von ihrem Verdacht zu informieren. Im Nachgang des Festivals tauchten neue Videos auf. „Es hätte vielleicht verhindert werden können, dass 2018 weitere Personen sexualisierte Gewalt erfahren“, kritisiert Lotte. Im Oktober 2019 tritt Patrizia Schlosser an eine Handvoll der Organisator*innen von Monis Rache heran. Der mutmaßliche Täter kann schnell ausfindig gemacht werden, in der Doku bekennt er sich. Dennoch entscheidet sich die kleine Gruppe der sechs bis sieben eingeweihten Festivalorganisator*innen, die sich fortan Erst-Kontakt-Gruppe (EKG) nennt, dagegen, die restlichen Festivalorganisator*innen zu informieren. Während somit nur wenige Menschen aus dem Umfeld des Verdächtigen von den Vorfällen erfahren und er weiter in einem linken Leipziger Hausprojekt wohnt, versucht die EKG, das Problem intern zu lösen: Sie löscht Videos von Rechner und Festplatten und bespricht sich mit dem Tatverdächtigen. Anzeige wird nicht erstattet. Später gibt die EKG an, nach dem Community-Accountability-Prinzip gehandelt zu haben. Entstanden ist das Konzept, das auf Deutsch etwa kollektive Verantwortungsübernahme bedeutet, im Kontext femi- nistischer Schwarzer Communitys und Communitys of Color in den USA, erzählt Senami Zodehougan. „Ursprünglich ging es darum, Täter*innen aus den eigenen Communitys, die selbst rassistischer oder sexistischer Gewalt ausgesetzt sind, nicht auch noch staatlicher Gewalt auszuliefern.“ Die Psychologin arbeitete lange bei LesMigraS, dem Antigewalt- und Antidiskriminierungsbereich der Lesbenberatung Berlin. Sie begleitet Gruppen dabei, Gewalterfahrungen solidarisch aufzuarbeiten. Ein wichtiger Grundsatz sei dabei, an den Ressourcen der Gruppe orientiert gemeinsame Lösungen zu finden. Und dass alle Beteiligten – Betroffene und gewaltausübende Personen eingeschlossen – sich für diesen gemeinsamen Prozess entscheiden. „Es kann auf keinen Fall darum gehen, den Betroffenen ihre eigene Betroffenheit vorzuenthalten“, merkt Senami Zodehougan an. Am Ende müssten sie selber entscheiden, ob sie sich an die Polizei wenden.

Zu einer knappen öffentlichen Stellungnahme kommt es erst nach der Veröffentlichung der STRG_F-Doku. „Der Umgang der Festivalorga ist so unangemessen, dass mir dazu gar nichts mehr einfällt“, erzählt Lotte. Umso mehr erzürnt sie, dass das Festival sich zum feministischen Safe Space erklärte, mitsamt T-Shirt-Pflicht für Männer. An einer Erklärung versuchen sich die Verantwortlichen in einem zweiten ausführlichen Statement. Darin entschuldigen sie sich u. a. für die misslungene Interpretation des Community-Accountability-Ansatzes. Immer wieder verweist das Team auf eigene emotionale Überforderung – nicht zuletzt, weil auch sie zu den Betroffenen zählen. Personen in Kreisen, die sich als links und damit zumeist auch als emanzipatorisch und feministisch begreifen, fällt der Umgang mit sexualisierter Gewalt und Sexismus schwer. Sie sehen sich damit konfrontiert, dass emotionale Arbeit und ethische Aushandlungsprozesse in konkre- ten Fällen komplexer sind, als die politische Theorie erahnen lässt. Wie das eigene Selbstverständnis – als Gruppe oder Freund*innenkreis – ins Wanken gerät, das beschreibt auch Bettina Wilpert in ihrem Roman „Nichts, was uns passiert“. Darin löst ein mutmaßlicher Vergewaltigungsfall im linken Leipziger Milieu ein Szeneerdbeben aus, bei dem das ganze Umfeld gezwungen ist, Position zu beziehen. Prophetisch möchte die Autorin, die selbst Monis Rache und das Fusion-Festival besuchte, ihr 2018 erschienenes Buch nicht verstanden wissen, eher realistisch. Tatsächlich beschreibt ihr Roman eine Wirklichkeit, die die deutsche Linke in den letzten Wochen auf den Kopf gestellt hat: Anfang des Jahres wurde etwa bekannt, dass im linken Leipziger Kulturzentrum Conne Island ein Mitglied des Performancekollektivs HGich.T eine Besucherin auf der Bühne vergewaltigt haben soll.

Sexualisierte Gewalt in linken Kreisen gab es immer. Dass so viele Menschen – ca. 4000 Personen besuchten Monis Rache insgesamt in den Jahren 2016 und 2018 – davon betroffen sind, hat das Klima jedoch verändert, so Bettina Wilpert. Sie glaubt, dass das Ausmaß des Vorfalls andernorts Betroffenen ermöglicht, an die Öffentlichkeit zu gehen. Eine Frau, die angibt, vor Jahren in einer Leipziger Szenekneipe sexuelle Gewalt durch einen Mitarbeiter erlebt zu haben, machte darauf jüngst durch eine Plakataktion aufmerksam. Ist Monis Rache ein Weckruf für die deutsche Linke? Bettina Wilpert ist skeptisch. Sie kritisiert fehlende Konsequenzen und dass die praktische Solidarität oft beim Teilen auf Social Media aufhöre. Eine Erfahrung, die auch Lotte teilt: „Der Typ wird als Einzeltäter dargestellt und pathologisiert“, kritisiert sie. „Dabei ist er ein ganz gewöhnliches Arschloch.“ Das verschleiere die strukturellen Gründe für sexualisierte Gewalt. Unterstützung findet Lotte hingegen unter den Geschädigten: „Die Solidarität unter FLINT-Personen ist krass.“ Der Austausch in Messenger-Gruppen und privat war für sie existenziell. Zusätzlich wandte sie sich in Finnland an eine Beratungsstelle für Be- troffene sexualisierter Gewalt. Auch wenn es ihr langsam besser geht, fällt es ihr schwer, sich vom Ohnmachtsgefühl zu befreien.

Lotte haben die Vorfälle rund um Monis Rache feministisch kompromisslos gemacht: „Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass es in Anwesenheit von cis Typen einen Safe Space geben kann.“ Zwei Jahre lang hat sie selber feministische Veranstaltungen in einer Leipziger Kneipe organisiert, die für alle Geschlechter offen waren. Nun fragt sie sich, ob diese politische Zusammenarbeit mit cis Männern überhaupt sinnvoll ist. Anders sieht das Bettina Wilpert. Für einen funktionierenden politischen Kampf, so die Autorin, müssten sie notwendigerweise in die feministische Bewegung eingebunden werden: „Es ändert sich nur was, wenn sich auch die Täter ändern.“ Auch wenn die Antworten der Betroffenen unterschiedlich ausfallen: Aus allen spricht Wut und mit ihr ein energisches Drängen auf Veränderung. Die selbstorganisierte Berliner Betroffenengruppe steht nur FLINT-Personen offen, zuletzt demonstrierten Feminist*innen in Leipzig und Berlin unter Ausschluss von cis Männern unter dem Motto „Rache am Patriarchat! My body is not your porn“ gegen sexualisierte Gewalt und vorgeschobene männliche Awareness. „Den Müll runterzubringen und das Feminismus-Shirt anzuziehen reicht nicht!“, schreiben die Veranstalter*innen im Demoaufruf polemisch. Ähnlich kämpferisch ist auch das Statement der Berliner Betroffenen: „Wir als Betroffene haben uns selbstorganisiert (sic), um die Angriffe auf Monis Rache aufzuarbeiten, uns gegenseitig zu unterstützen und das Thema sexualisierte Gewalt gegen FLINT*A Personen zum Politikum zu machen“, heißt es da. „Wir sind keine wehrlosen Opfer sexualisierter Gewalt, wir sind handlungsfähig!“ Die Gruppe plant weitere Aktionen, auch in anderen Städten gründeten sich Aktionsgruppen. Wird Monis Rache zur Initialzündung für eine neue radikalfeministische Welle? „Die Wut schwenkt auf jeden Fall vielerorts in Aktionismus um und das gibt mir und vielen anderen Betroffenen viel Kraft“, bringt es eine Verfasserin des Betroffenenstatements auf den Punkt. Bis in die 1980er-Jahre verübten militante Feminist*innen wie die Rote Zora Brandanschläge auf staatliche Institutionen und Hamburger Sexshops. Dass in Kürze xHamster-Server in Flammen aufgehen werden, ist unwahrscheinlich. Die Verfasser*innen des Statements der Berliner Betroffenen formulieren ihre Solidarität mit Sexarbeiter*innen: Im Vordergrund ihres Texts steht das Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Doch es liegt ein Hauch von 1970er-Jahre-Aufbruchsstimmung in der Luft. Die Betroffenen von Monis Rache sind jedenfalls wütend as fuck.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 02/20.

 

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