3+5 Tipps für Theater-Junkies in Isolation

Unsere Autorin liebt Theater und sitzt jetzt allein Zuhause. Was tun?

17.04.20 > Netzkolumne

Von Sarah Kailuweit

Auf die Frage: „Warum Theater?“ antworte ich seit Jahren nur mit: „Körperlichkeit“. Das zusammen vor Ort Sein, das Teilen von Atmosphäre, die gemeinsamen und doch verschiedenen Erfahrungen – das macht Theater so toll, so sozial relevant, so wirkungsmächtig. Theater ist zwischenmenschliche Kunst. Ich mag das, es berührt mich. Und jetzt sitze ich allein Zuhause. Verdammt.

Großveranstaltungen sind erstmal nicht. Deswegen zieht alles, was kann, ins Digitale um: Aufnahmen eingestaubter und brandaktueller Produktionen fluten das Netz. Ist das die perfekte Welle, von der Juli gesungen hat? Ich habe mich reingewühlt, ausprobiert und entschieden.

Du vermisst Theater auch? Das hilft wirklich (oder eben nicht):

 

Eliten-Streams

Sie sind zahlreich. Quasi alle großen Häuser bieten Produktionen via Videostream im Internet. Und so schwimme ich in Pina Bauschs „Palermo, Palermo“ von 1989, lass mich von Constanza Macras „Back to the present“ mitreißen und kann endlich Anna Bergmanns „Persona“ sehen (habe ich nämlich beim Theatertreffen 2019 verpasst). Voll schön, so viel Kunst in den eigenen vier Wänden. Trotzdem sind die Streams halt eben nur das: Videoaufzeichnungen von Liveperformances. Wie Netflix, nur dass man sich eine Spur intellektueller fühlen kann. Wer aber schon immer mal während einer Aufführung frühstücken oder Theater in Unterhose schauen wollte: Here you go – meine Top 3 für kultivierte Stunden in der Isolation:

(1) HAU/Gob Squad: „Room Service (Help Me Make It Through The Night)“

Wer das britisch-deutsche Kollektiv „Gob Squad“ noch nicht kennt, hat jetzt die gemütlichste Gelegenheit aller Zeiten, um sie zu beschnuppern. Das hier ist Performance und keine klassische Theateraufführung, was sie für Nerds wie mich besonders attraktiv macht. Einsamkeit und Langweile werden thematisiert, wenn auch in einer Welt vor Corona und ohne Smartphones. 30 Minuten Kunst für die dunkelsten Stunden der Nacht.

(2) Theater Performance Kunst RAMPIG: „Schuld (und Sühne)“

Ich will ehrlich sein: Das Mannheimer Perfomance-Kollektiv RAMPIG steht hier, weil ich nicht nur Fan bin, sondern auch selbst an der Produktion von „Schuld (und Sühne)“ mitgearbeitet habe. Beata Anna Schmutz und ihre verrückte Bande machen Kunst, die nicht mehr loslässt, dich in deinen Träumen verfolgt und an Schlagkraft kaum zu übertreffen ist. RAMPIGs Arbeiten klatsche ich immer wieder Menschen vor die Nase, die behaupten Theater sei prinzipiell langweilig. Dass das Ganze auch via Video funktioniert, macht mich gerade besonders glücklich. „Schuld (und Sühne)“ ist zeitlich sowie emotional intensiv (Triggerwarnung: körperliche und sexuelle Gewalt), vor allem aber erlebenswert.

(3) Gorki Stream

Auch das Berliner Gorki Theater bietet Theater für Zuhause. Immer mittwochs um 18:00 Uhr gibt es eine wöchentliche Dosis. Die Videos sind allerdings nur 24 Stunden verfügbar. Ich könnte dir also von meinen Gedanken zu „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat erzählen, wirklich viel hast du aber nicht davon – kannst es schließlich nicht mehr sehen. Blöd. Was aber geht: Ein wöchentliches Theater-Date alleine oder mit Freund*innen via Videotelefonie. Neue Zeiten schreien schließlich nach neuen Ritualen.

Der digitale Spielplan von nachtkritik.de gibt eine Übersicht der verfügbaren Onlineangebote. Die Auswahl ist erschlagend, aber egal wofür du dich entscheidest – wenn jemand störend hustet, weißt du wenigstens wer es war.

So toll die digitale Verfügbarkeit von so viel Theater auch ist, so spaßig es sein kann in Echtzeit mit mitschauenden Mitbewohner*innen über die Handlung zu streiten, ohne aus den vorderen Reihen böse angeblitzt zu werden und so gut es meinem Bankkonto ohne die zahlreichen Ticketabbuchungen auch geht – insgeheim wissen wir alle, dass das Ganze zwar nett, aber halt nicht ausreichend ist. Verglichen mit dem echten Zeug zumindest. Das ist wie mit zuckerfreier Cola: macht Sinn, schmeckt trotzdem scheiße.

 

Neue Formate

Keine Lust auf körnige Videoaufnahmen und Kameraschnitte, die deinen Blick fremdbestimmen? I feel you. Gut, dass diese Künstler*innen alle so kreativ sind und das Internet bekanntlich grenzenlos. Diese neuen Ideen und Formate, solltest du unbedingt ausprobieren:

(1) Ballhaus Ost: Shutdown Specials

Theater via Telegram? Count me in! Dank Bildschirmwischerei und Chatmöglichkeit in den Pausen, mache ich hier wenigstens irgendwie aktiv mit. Inhaltlich gibt es Höhen und Tiefen, aber insgesamt ist es durchaus spaßig über das eigene mobile Endgerät Teil einer Aufführung zu werden.

(2) Berliner Ringtheater: Ohne Ende Gegenwart

Das Berliner Ringtheater gehört sowieso zu meinen absoluten Lieblingen. Auch in Zeiten von Corona ist es dieser Liebe mehr als würdig und versorgt sein Publikum mit kulturellen Überbrückungsmaßnahmen. „Ohne Ende Gegenwart“ ist eine Social-Media-Serie virtueller Ereignisse. Es wird gesungen, gedichtet, gespielt, gekocht, gelesen und gezeichnet. Besonders empfehlenswert: Teil 6 „Pandemic Porn“. – You’re welcome.

(3) Thalia Theater Hamburg: Videolesungen aus Hölderlins Hyperion

Die kunstvollen Hyperion-Miniaturen von Marina Galic schlucken mich mit Haut und Haar. Bild und Text saugen in den Monitor, lassen den Kopf kauen und den Körper schwingen. Atmosphärisch passt das Ganze übrigens ganz hervorragend in diese komische Zeit, die wir gerade alle allein teilen.

(4) Rosas Dance Company: Rosas danst Rosas

Genug gesessen! Wer neben Homeoffice und Videostream langsam vergisst, dass der Körper mehr als ein Kopf ist, sollte Scham und Stolz schlucken und mit Anne Teresa De Keersmaeker tanzen lernen. Das Video-Tutorial im eigenen Schlafzimmer mitzutanzen ist erstmal richtig komisch, entwickelt sich aber irgendwann zu einem befreienden Gefühl. Endlich wieder zusammen mit anderen Körpern schwingen und treiben lassen! Der Festivalsommer ist abgesagt, aber vielleicht sind wir nach der Isolation alle artsy dancers.

(5) Virtueller kollektiver Writersroom

Was normalerweise von uns Zuschauer*innen konsumiert wird, ist das Produkt langer intensiver Arbeit, die aber eigentlich weitgehend unsichtbar bleibt. Im virtuellen Writersroom der Dramatikerin Anne Rabe, lässt sich verfolgen, wie ein Stück entsteht. Viel Lektüre, aber spannend!

 

Ja, ich weiß: All das ist schön, kreativ und herausfordernd – und trotzdem kein Ersatz. Aber: besser als nichts. Ich träume also weiter von der kommenden Spielzeit, die hoffentlich all die schmerzlich vermissten Theater-Rituale wieder zulässt, übe Schlussapplausklatschen ohne schmerzende Handinnenflächen und danke meinem Laptop dafür, mein Fenster in die Welt zu sein. Toi, toi, toi!

 

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