Mastektomien und freie Oberkörper

Ist oberkörperfrei nach einer Mastektomie auch Male-Privilege?

14.07.20 > Sascha Rijkeboer
Profilfoto Sascha Rijkeboer

Sascha Rijkeboer
Sascha hieß nicht immer Sascha. Aber jetzt heißt Sascha so. Sascha kam 1992 in den Niederlanden als Kind eines holländisch/tschechischen Paares zur Welt. Zur Zeit arbeitet Sascha in einer Bar in Basel, setzt sich für queerfeministische Anliegen ein und leistet als non-binäre trans Person Öffentlichkeitsarbeit in unterschiedlichen Kontexten, z. B. schreibt Sascha aktuell Kolumnen für Bajour und das Missy Magazine. Sascha tourt mit einem queer Spoken-Word-Programm in der Deutschschweiz. Foto: Anne Gabriel-Jürgens

Kärleksvän (schwedisch: Liebesfreund*in) und ich stehen um 14 Uhr mit Kater von gestern in der Küche. Ich brate mit verklebten Augen Rührei und lasse es anbrennen, der Kaffee geht vergessen und überextrahiert. Ich laufe ungelenk mit Frühstückszeugs zum Esszimmertisch, nur in der verwaschenen Boxershorts bekleidet, in der ich geschlafen habe. Es ist stickig heiß in unserer WG, zwei meiner Mitbewohner kommen auch in die Küche und scheppern ebenso oben ohne in der Küche rum. Grundsätzlich seltsam, wir sind keine Nudist*innen-WG, aber mich regt es noch auf einer ganz anderen Ebene zum Nachdenken an: Ist das jetzt Male-Privilege, dass ich das nach meiner Mastektomie darf, und eine Male-Anstiftung, dass sie es mir gleichtun? Dass es anstößig wäre, das mit Brüsten zu tun, weil es eine weibliche Brust zu bedecken gilt und Kärleksvän darum ein Pyjamashirt trägt, eine männliche Brust aber stolz spazieren geführt werden darf und sogar spazieren geführt werden muss, wenn andere das tun? Oder habe ich einfach initiiert: Oben ohne für Flachbrüstler*innen ist in der WG okay?

© Tine Fetz

Ich ärgere mich jeden Sommer über all die Männer, die oben ohne rumstolzieren, grillen, Sport machen, während Brüsteträger*innen das nicht dürfen. Dennoch merke ich, dass es mich weniger stört, wenn da eine Mastek-Brust entblößt wird, die rumstolziert, grillt, Sport macht. Ich freue mich sogar: „Hej, visibility!“ Dass ich darum auch selber gerne meinen Oberkörper zeige. Ich mache das in der WG aber u. a. auch, weil manche immer noch weibliche Pronomen für mich verwenden und manchmal will ich das mit der Sichtbarkeit meines trans Körpers sichtbarer machen.

Trans Körper gibt es. Es ist gut, wenn wir sie stolz zeigen dürfen. Trotzdem ist die Öffentlichkeit von queeren Körpern auch unangenehm bzw. mutig, z. B. wenn ich mit Kärleksvän im Rhein baden gehe und wir friedlich mit den Basler Rhyyfischli den Rhein runtertreiben. Dort, wo wir aus dem Fluss steigen, werden wir beäugt. Ich male mir aus, was sich in den Köpfen abspielt, die uns schräge Blicke zuwerfen: „Hä, sind die jetzt hetero oder lesbisch? Die spricht wie eine Frau, aber die hat nur eine Badehose an?! Ist das ein Mann oder eine Frau? Ist das so ein Transgender?“ Oder: „Krasse Narben!“

Ich habe keine abschließende Antwort auf die Oberkörperfrage, die sich mindestens jeden Sommer neu artikuliert. Ich habe widersprüchliche Wertevorstellungen. Ich find nicht fair, dass gelesene Männlichkeiten ihre Oberkörper zeigen dürfen, gelesene Weiblichkeiten hingegen nicht. Ich mag das eigentlich gar nicht mehr sehen: Männeroberkörper. Ich finde aber sichtbare transmaskuline Oberkörper (oder auch krebsbedingte Mastektomien) legitim und empowernd.

Auf eine wunderbare Art frech begegnete mir eine befreundete trans Frau vorletzten Sommer an der Zürich PRIDE, als sie zu mir sagte: „Wenn ihr transmaskulinen Menschen euch stolz oben ohne zeigt, dann darf ICH das auch!“ und verschwand tanzend, ihren BH über dem Kopf schwingend in der bunten Menge.


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