Das Dorf in mir

Ronya Othmanns Debütroman „Die Sommer“ spielt inmitten der kurdischen Landschaft in Nordostsyrien, Rojava.

Von Azadê Peşmen

Ronya Othmann sitzt an einem weißen Tisch, hält weiße Blätter in von denen alle ihren Text in den Händen halten, manche schauen sie direkt an, andere lesen mit. Aber alle hören sie Othmann die Geschichte „Vierundsiebzig“ lesen, die von dem Genozid an den Êzid*innen handelt. Die Szene spielt sich 2019 beim Ingeborg-Bachmann-Preis ab, bei dem Autor*innen ihre Texte vor einer renommierten Jury lesen, die sie danach vor Verfasser*innen und Publikum diskutiert. „Vierundsiebzig. August 2014 sitze ich vor dem Fernseher. Ich sehe Frauen in den Kleidern meiner Großmutter, meiner Tante, meiner Cousinen, sehe Männer wie meinen Großvater, meinen Vater, Onkel, meine Cousins um ihr Leben rennen. Es ist Hochsommer. In den Bergen verdursten Kleinkinder, Alte, Kranke. Shingal ist umzingelt. Die Männer und die älteren Frauen, die es nicht schaffen zu fliehen,

töten sie, die jüngeren Frauen und Kinder nehmen sie mit als Kriegsbeute, verkaufen sie weiter auf den Sklavenmärkten für die Kämpfer des IS. Frauen, die meinen Namen tragen, den meiner Schwester, meiner Cousine.“ Mit diesem persönlichen Text, der die Gräueltaten des sogenannten IS beschreibt, ist die Jury maximal überfordert. Er beschreibe das „Unsagbare“. Außerdem sei es kein literarischer Text, sondern eine Reportage. Berührt sind die Zuhörer*innen trotzdem: Ronya Othmann gewinnt den Publikumspreis.

Bei ihrem nun erscheinenden Debütroman bleibt die Autorin bei dem Thema der Lebensrealität(en) von êzîdischen Kurd*innen, allerdings wechselt sie die Perspektive, sie ist nicht mehr wie in ihrem Text „Vierundsiebzig“ die Ich-Erzählerin, sondern lässt die Hauptfigur Leyla erzählen. „Die Sommer“ ist ein Roman, der in Nordostsyrien spielt. Allerdings nicht in den großen Städten der Region wie Qamişlo oder Hasaka, sondern in einem Dorf: Tel Khatoun. Dem Dorf, in das Leyla jeden Sommer zurückk…

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