Die Diskriminierung des Biorhythmus

Vom Zwang der Tagesstruktur, der Scham nächtlicher E-Mails und Schichtarbeit.

01.09.20 > Sascha Rijkeboer
Profilfoto Sascha Rijkeboer

Sascha Rijkeboer
Sascha hieß nicht immer Sascha. Aber jetzt heißt Sascha so. Sascha kam 1992 in den Niederlanden als Kind eines holländisch/tschechischen Paares zur Welt. Zur Zeit arbeitet Sascha in einer Bar in Basel, setzt sich für queerfeministische Anliegen ein und leistet als non-binäre trans Person Öffentlichkeitsarbeit in unterschiedlichen Kontexten, z. B. schreibt Sascha aktuell Kolumnen für Bajour und das Missy Magazine. Sascha tourt mit einem queer Spoken-Word-Programm in der Deutschschweiz. Foto: Anne Gabriel-Jürgens

Text: Sascha Rijkeboer
Illustration: Tine Fetz

Die Nacht ist für mich der Moment, an dem Poesie und Schand aufeinandertreffen. In der Nacht ist alles viel verd(r)eckter möglich, du kannst dich betrinken, du kannst Drogen nehmen, du kannst schlecht aussehen. In der Nacht sind allerlei zwielichtige Gestalten unterwegs, aber eben nicht sehr viele Leute. In der Nacht lässt es sich darum für mich gut kreativ arbeiten: Der halbe Globus schläft, es kehrt Ruhe ein – auch in der Großstadt. Es herrscht keine Geschäftstüchtigkeit, keine Giererei und kaum Konsum. Es fühlt sich an, als ob die Welt ihren Atem anhält, da ist Ruhe. Ich weiß, rundherum liegen alle artig in ihren Betten, um am nächsten Tag wieder im System zu funktionieren, und ich sitze dann einsam still da, in dieser Abwesenheit von Menschheit und das ist ein Frieden.

© Tine Fetz

Aber in der Nacht arbeiten auch die Schichtarbeiter*innen und die Sexworker*innen und das Putzpersonal und ein paar wenige Ordnungshüter*innen, die Troublemaker*innen maßregeln. In der Nacht soll Ruhe herrschen. Kein Geflüster, kein Gefeier und schon gar keine Unziemlichkeiten – und kein Geschlafe im öffentlichen Raum.

Auch das Leben in der Nacht ist einem streng bürgerlichen Regime von Wertevorstellungen unterworfen. Du musst ja ein Problem haben, wenn für dich der Tag erst um 14 Uhr beginnt, und du kennst keinen Anstand, wenn du E-Mails um 04.37 Uhr verschickst. Du bist unangepasst, ein*e Grenzgänger*in. Oder aber du bist Teil der harten Arbeiter*innenschicht und hast wohl nicht einmal Zeit, dir diese Gedanken zu machen? Du sortierst kleine Titanplatten für die rekonstruktive Chirurgie am Fließband in der großen anonymen Fabrik mit zweihundert anderen Arbeiter*innen, immer 25 oder 35 oder 75 in eine Schachtel, alles ordentlich beschriftet? Alles gut vakuumiert? Alles steril? Du schiebst und kontrollierst, du kommst im Morgengrauen nach Hause, versorgst deine Kinder, damit sie in die Schule können. Du und 197 andere hart arbeitende in deiner Abteilung sprechen kein Deutsch. Für deinen Deutschkurs bleibt keine Zeit, für eine Beförderung in einen geregelten Arbeitsalltag ist dein Deutsch zu schlecht.  Es tut auch gut, einfach mal unauffällig zu sein, einfach mal im System mitzumachen. Oder du bist Bauarbeiter*in und die Gleisarbeiten werden nur zwischen ein und fünf Uhr morgens erledigt, du schweißt und schleppst, solange die Trams noch nicht fahren, du rauchst Zigaretten und deine Arbeit wird abgewertet, dein Körper malträtiert.

Es gibt eine Intelligibilität des Biorhytmus, also einen Rhythmus, der gesellschaftlich anerkannt zu sein scheint: 8 to 5 arbeiten (in der Schweiz fängt man früher an) ist intelligibel. Nach der Arbeit ein Cüpli oder ein Bierchen trinken, eine Freundin treffen und vom Jungesellinnenabschied träumen, ein bisschen fernzusehen (nur bis 21 oder 22 Uhr), um 23 Uhr schlafen. Das ist okay. Das sind sechs Stunden nach Feierabend. Wenn ich bis zwei Uhr nachts arbeite, dann ist sechs Stunden nach Feierabend acht Uhr morgens. Aber dann ist’s nicht ok, wenn ich sage: Ich ging um acht Uhr ins Bett und habe bis 16 Uhr geschlafen. Das ist dann nicht normal, „du hast das Leben nicht im Griff“, es ist ungesund, dies das.

Ich weiß, dass, wenn mein Wunsch erfüllt würde und es keinen gesellschaftlichen Drang zu 8-to-5-Arbeit mehr gäbe, würden wieder die in die Nachtschichten gedrängt werden, die sich die Tagesgesellschaft nicht leisten können, und nicht die, die wie ich einfach lieber nachts arbeiten. So sehr ich es mir für meinen eigenen Biorhythmus wünsche, ist es aber natürlich auch nicht auf alles und jeden überall übertragbar. Die Relevanz von Vitamin D will ich nicht infrage stellen. Wenn ich Kärleksvän[1] im Winter in Stockholm besuche, findet von 11 bis 13 Uhr geradezu eine Völkerwanderung statt. Alle, die können, gehen raus, um das wenige verfügbare Sonnenlicht einzufangen.

Mir geht es hier um den Zwang zur Tagesstruktur: Sie wird uns von klein auf beigebracht. Kinder, die gern ausschlafen und später zur Schule gehen würden, weil sie da ihre kognitive Blütezeit hätten, werden ignoriert. Und wenn ich als Erwachsene*r um 04.37 Uhr E-Mails verschicke, werde ich für krank gehalten. Menschen, die nicht anders können, werden für ihren Rhythmus und ihre Art der Arbeit verurteilt und marginalisiert und sie können sich kaum aus diesem An-den-Rand-gedrängt-Werden herauskämpfen. Dafür müssten sie die Chance bekommen, besser Deutsch sprechen zu lernen oder sich weiterzubilden, bräuchten also erst gewisse Privilegien.

[1] Schwedisch, genderneutral für: Liebesfreund*in


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