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Die Expedition

Als nicht-binäre Person of Color will Mai andere BIPoCs ermutigen, in die Naturwissenschaften zu gehen.

02.11.20 > Beruf

Text und Fotos: Jena Samura

Mai Chanprakhon ist thaideutsch, nicht-binär und studiert Biologie. Im vergangenen Jahr war Mai Teil einer Expedition in der Arktis. Neben Wissenschaft sind Nageldesign und der eigene Podcast „Mais Podcast“ Mais Leidenschaft. Sich als queere Person of Color in der weißen Academia zu bewegen, bringt viele Hürden mit sich: Bildungsungleichheit, Habitus und anhaltendes Othering. Ein Gespräch mit Mai über Erwartungshaltungen gegenüber PoCs in der Academia, den politischen Kontext der Biologie und Tokensim.

Letztes Jahr hast du eine Expedition in die Arktis gemacht. Kannst du darüber ein bisschen erzählen?
Ich war als studentische Hilfskraft an einem deutschen Forschungsinstitut angestellt. Mein Bachelor hatte einen Fokus auf biologische Ozeanografie, weshalb es mich extrem gefreut hat, Teil des Expeditionsteams zu sein. Während der Reise habe ich mich hauptsächlich als unterstützende Hand gesehen: Planktonbestand messen, Eiskerne bohren, Arbeitsabläufe auf dem Schiff kennenlernen.

Wie sah die personelle Zusammensetzung des Forschungsteams aus, mit dem du unterwegs warst?
Auf dem Forschungsschiff waren hauptsächlich weiße cis Männer. Die Expedition hatte zwar eine Frauenquote, was ich super finde – aber ich identifiziere mich als nicht-binär und sehe mich daher nicht in aktuellen Quotenregelungen repräsentiert. BIPoCs waren außer mir auch nicht in dem Forschungsteam. Ansonsten kommt es darauf an, über welches Fach wir reden: Die Führungspositionen sind in allen Naturwissenschaften noch immer hauptsächlich von weißen cis Männern besetzt. Das Biologiestudium stellt eine Ausnahme dar, weil sich größtenteils cis Frauen sich für diesen Studiengang interessieren. Wie die meisten Studiengänge ist das Biologiestudium leider auch sehr weiß. Im Unialltag und bei Praktika habe ich mich daher mit meiner Positionierung und vor allem mit Rassismuserfahrungen oft alleine gefühlt.

Hast du im akademischen Kontext das Gefühl, die Model Minority sein und aktiv ein positives, engagiertes Bild von People of Color zeichnen zu müssen?
Wenn ich dieses Bild nicht erfüllen würde, wäre ich gar nicht in diesen Räumen. Die wenigen BIPoCs in den Forschungsteams müssen sich einem bestimmten Habitus anpassen. Ich passe mich teilweise so gut an, dass Menschen vergessen, dass ich of Color bin. Sie denken, ich mache keine Rassismuserfahrungen mehr, da ich ja Teil eines akademischen Teams bin. Dabei ist dieses Sichanpassen sehr anstrengend und verlangt viel Kraft von einer queeren Person of Color, die keinen akademischen Familienhintergrund hat. Asiatische Menschen werden allerdings oft als Vorzeigemigrant*innen gesehen. Der Stereotyp ist hier: fleißig, leise, leisten keinen Widerstand. Das gibt mir Privilegien, die Schwarze oder muslimisch markierte Personen in der Academia nicht haben. Gewaltvoll ist diese Wahrnehmung meiner Person allerdings trotzdem.

Würdest du sagen, es gab Situationen, in denen du als „Diversity Token“ instrumentalisiert wurdest?
Das ist eine Frage, die ich mir auch häufiger stelle. Es gab gelegentlich Situationen, in denen ich einen Vortrag gehalten und mich dann gefragt habe, ob ich ausgewählt wurde, weil mein fachliches Wissen wertgeschätzt wird oder weil es eine gute Außenwirkung hat, wenn ich die Präsentation halte. Einerseits freue ich mich, andererseits bleibt ein Nachgeschmack.

Neben persönlichen Erfahrungen in der Wissenschaft können wir ja auch thematisch-inhaltlich in vielen Bereichen koloniale Kontinuitäten sehen. Hast du Beispiele für white gaze in der Biologie?
Gerade in der Ökologie gibt es einen starken white gaze. Es sind häufig weiße Europäer*innen, die im globalen Süden forschen. Lokales und indigenes Wissen wird gar nicht anerkannt. Gerade bei der Polar- oder Tropenforschung ist das fatal, denn indigene Menschen leben seit Jahrtausenden in beforschten Gegenden. Auch in der Forschungsgeschichte waren es angeblich immer weiße „Entdecker“, die zuerst z. B. am Nordpol waren. Da frage ich mich: „War das wirklich die erste Person am Nordpol oder einfach die erste weiße Person?“ Ich habe bei Forschungen und auch in der Uni erlebt, dass Naturwissenschaft als neutral und unabhängig vom sozialen und politischen Kontext gedacht wird. In der Biologie funktioniert das für mich nicht. Menschen sind unmittelbar mit ihrer Umwelt verbunden, indem sie in und mit ihr leben.

Zweifelst du daran, eine wissenschaftliche Karriere anzustreben?
Persönlich bin ich immer wieder hin und her gerissen. Große Zweifel habe ich vor allem, wenn ich mich frage: „Will ich Teil eines kolonialen Systems sein?“ und mich damit in die Tradition rassistischer und queerfeindlicher Praxis stellen. Zudem ist Wissenschaft mit Druck, Konkurrenz und schlechter Work-Life-Balance verbunden. Das ist an sich schon belastend, aber gerade wenn du Mehrfachdiskriminierung ausgesetzt bist, wird es noch anstrengender. Besonders weil ich keinen akademischen familiären Background habe. Ich weiß nicht, ob ich mir das antun will. Auf der anderen Seite finde ich es wichtig, zum Klimawandel zu forschen und Teil einer Zukunftslösung zu sein. Ich will durch meine Anwesenheit andere BIPoCs ermutigen, in die Naturwissenschaften zu gehen.

Wer sind deine Vorbilder, Personen, die dich inspirieren weiterzumachen?
Das Genie wird weiß und cis männlich imaginiert, vor allem in der Chemie und Physik. Deshalb hatte ich früher keine Vorbilder. Außerdem wird der Anteil an Forschung, den FLINT*-Personen beitragen, historisch unsichtbar gemacht. Aktuell begeistert mich vor allem Chanda Prescod Weinstein, ein*e nicht-binäre Schwarze Astrophysiker*in. Sie verbindet Naturwissenschaft mit sozialen Fragen. Von Chanda habe ich gelernt, dass beides untrennbar zusammenhängt.

Wie geht es für dich und die Wissenschaft nun weiter?
Früher wollte ich einfach nur erfolgreich in der Academia sein, promovieren und zeigen, dass ich es schaffen kann – trotz all der Barrieren. Mittlerweile möchte ich eine Trennung zwischen Lohnarbeit und Privatleben haben. Ich möchte eine Arbeit finden, die mich nicht ständig ausgelaugt, es soll nachhaltig sein und am besten ein Ort, an dem ich nicht ständig kämpfen muss. Ich weiß nicht, ob das in dieser Gesellschaft möglich ist – schon gar nicht in der Wissenschaft.

Jena Samura ist Gewinner*in des Fellowships für Journalist*innen 2020 „Lebenswirklichkeiten von LGBTIQ in Europa“, im Zuge dessen auch der Text „Weiße Academia“ entstanden ist.

Du hast auch Lust, journalistisch tätig zu werden? Unter einem anderen Themenschwerpunkt wird das Fellowship auch nächstes Jahr wieder an Nachwuchsjournalist*innen vergeben werden. Das Studierendenwerk der Böll Stiftung vergibt laufend Stipendien an Studierende, Promovierende und junge Journalist*innen, die du hier finden kannst.

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