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Deutsche Würstchen

Unsere Autorin fragt sich: Wieso riecht das Versprechen von sozialer Teilhabe nach Bratfett?

09.11.20 >

Von Aysegül Öztekin

Das menschliche Geruchsgedächtnis ist nicht zu unterschätzen. Ein Geruch oder Geschmack kann Erinnerungen wecken, die sonst tief im Unbewussten schlummern. In seiner berühmten Madeleine-Szene beschreibt Marcel Proust, wie der Ich-Erzähler durch den Geschmack eines in Tee getränkten Madeleine-Küchleins plötzlich und mit einer überraschend emotionalen Wucht an seine Kindheit erinnert wird. Die Magie solcher unwillkürlicher Erinnerungen, die vor allem durch Geruchs- und Geschmackserlebnisse ausgelöst werden, liegt in ihrer Spontaneität und der Intensität der Gefühle, die sie mit sich bringen. Für Proust bieten solche unwillkürlichen Erinnerungen eine Spielwiese zum freien

Assoziieren und kreativen Umgang mit der Vergangenheit. Inspiriert von der Madeleine-Anekdote machte ich mich gedanklich auf die Suche nach einem derart prägenden Geruch aus meiner eigenen Biografie. Die Spontaneität meiner Assoziationen hält sich bei so einem gezielten Brainstorming selbstverständlich in Grenzen, worauf ich jedoch während meiner Erinnerungsarbeit stieß, hat mich dennoch überrascht. Mir kam nicht etwa der Duft von mit Kümmel bestreuten, frisch gebackenen Poğaca meiner Oma in den Sinn oder der Geruch scharfer Lahmacun, die ich seit jeher gemeinsam mit meiner Mutter zu besonderen Anlässen zubereite.

Es war der Geruch einer Wurstbude, die mir in den Sinn kam, einer ganz bestimmten Bude am Wiener Platz in Köln. Als Kind verbrachte ich viel Zeit am Wiener Platz, welcher nur einen Steinwurf von der berühmten Keupstraße entfernt ist. Der Wiener Platz ist Dreh- und Angelpunkt des Arbeiter*innenstadtteils Mülheim, der ab den 1970er- Jahren auch vermehrt Heimat türkeistämmiger Gastarbeiter*innen wurde…