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Think Before You Kink

BDSM-Kund*innen wollen oft Sklav*innen sein. Doch über den Zusammenhang mit Ausbeutung wird nicht reflektiert.

09.11.20 >

Von Kumi
Illustration: Zora Asse

Dominance/submission (D/s) ist wundervoll. Das Spiel mit Macht und Hingabe, Kontrolle und Kontrollabgabe kann extrem gute Gefühle hervorrufen und eine besondere Form von Intimität und Erotik herstellen. D/s ergibt Sinn und macht Spaß wegen all dem, was und wer wir sind. Erwachsene Menschen, die freie Entscheidungen in und über das Ausleben unserer Sexualitäten fällen.

Unter klaren Absprachen können (Ohn-)Machtsfantasien ausgelebt und viele Emotionen, die teilweise gesellschaftlich tabuisiert werden, erotisiert verspürt werden. Dies passiert nicht im luftleeren Raum, sondern funktioniert besonders gut, weil wir gesellschaftlich geprägt sind. Damit berührt D/s immer wieder auch Traumata, seien es individuelle oder soziale. Wir spielen mit erlebtem Schmerz, mit dem Verbotenen, mit dem Schambehafteten, mit dem, was wir im „realen Leben“ außerhalb der D/s-Session anderen nicht antun oder uns nicht antun lassen würden. Wir spielen auch mit Echos und Resten in unserem kulturellen Gedächtnis, weil die Symboliken Teil unseres Wissens sind, auch wenn wir wenig oder kein bewusst erlerntes Wissen über Dinge haben. Symbole und Rollen(-vorstellungen) sind ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben.
Beim Sklav*inspiel im BDSM-Kontext geht es Menschen um das Gefühl des Besitzens, des Besessenwerdens, der Hingabe, Ohn- und Allmacht. Ich verstehe den Reiz. Das kann man machen – jedes (potenzielle) Trauma ist auch verkinkbar und ich habe damit kein Problem. Womit ich jedoch ein Problem habe: wenn das nicht reflektiert wird.

Missy Magazine 06/20, Sexkommentar,Beitrag
© Zora Asse

Maafa, ein Begriff, den vor allem die Theoretikerin Marimba Ani geprägt hat, beschreibt die Gesamtheit aller Verbrechen an Schwarzen Menschen. Dies beinhaltet Verschleppung, Versklavung, Ausbeutung, Genozide, Menschenversuche und ihre bis heute andauernden Auswirkungen. Um Schwarze Menschen zu entmenschlichen und zu versklaven, wurde ein ganzes verwissenschaftlichtes System aufgebaut, das auch im heutigen anti-Schwarzen Rassismus fortlebt. Wenn wir im BDSM spielen, bewegen wir uns innerhalb unseres gesellschaftlichen, historischen und kulturellen Wissens. Wenn wir mit dem Bild von Sklav*innen spielen, spielen wir also immer auch mit der Maafa. Diese Geschichte ist sehr viel jünger als andere Historien von Versklavung und überaus wirkmächtig. Sklav*innen und Maafa sind nicht voneinander lösbar.

Sklav*in sein ist ein Spiel mit (teilweise fremdem) Trauma – was grundsätzlich okay ist. Dieser spezielle Faktor – Trauma/Maafa/Race – wird aber meist nicht benannt. Als Schwarze Person lebe ich jeden Tag mit den Auswirkungen von Maafa. Ich treffe daher nicht nur die persönliche Entscheidung, nicht mit weißen Menschen zu interagieren, die sich oder ihre Subs kontextlos als „Sklav*innen“ bezeichnen, sondern spiele zur Zeit generell nicht mit Sklav*innen.

Mit Sklav*innen zu spielen, ist Race-Play. Es nicht zu reflektieren, ist gefährlich und beleidigend. Für mich ist mein Schwarzsein Grund, es nicht zu tun, was für andere Schwarze Personen nicht sein muss. Berühmt ist z. B. Mollena Williams-Haas, die mit ihrem weißen Partner eine viel besprochene und dokumentierte Master-Slave- Beziehung führt. Sie allerdings implementieren und reflektieren ihre Beziehung innerhalb von Geschichte und Gegenwart. Mit Sicherheit lässt sich nämlich sagen, dass wir in einer Welt leben, in der weiße Übermacht und Schwarze Unterdrückung weiterhin Fakt sind, und es ist geboten, damit bewusst(er) umzugehen.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/20.