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Mein Blick Dein Blick

Held*innenabbildungen schaffen Raum für Träume, Vorbilder, Utopien. Unsere Autorin über Ikonenfetische.

11.01.21 >

Von Leyla Yenirce

Als nach dem Lockdown im Frühling die Museen wieder öffneten, ging ich in die Hamburger Kunsthalle und entdeckte ein Bild: ein Selbstporträt der Hamburger Malerin Anita Rée von 1930. Darauf ist eine Frau mit dunklen Haaren zu sehen. Der Hintergrund ist gelb und ein wenig grün, ihre Arme sind verschränkt. Der linke Arm bedeckt die Brust, der rechte ist zum Gesicht geführt, mit der Hand stützt sie ihr Kinn. Sie ist nackt, am rechten Ohr hängt ein korallenfarbener Ohrring. Die Haare sind gescheitelt und nach hinten gebunden. Die Iris ihrer dunklen Augen sind umrandet von deckendem Weiß. Ihr Blick wirkt ein wenig besorgt.
Ich wurde neugierig und kaufte im Museumsshop alles, was ich über die Hamburger Malerin finden konnte, die sich nur drei Jahre nach der Fertigstellung

des Selbstporträts auf Sylt das Leben nahm. Der aufsteigende Faschismus erschwerte ihr das Leben, ihre Flucht auf die Insel war verbunden mit Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit. Auf meiner Spurensuche erfuhr ich, dass sich Anita Rée schon früh als Malerin in einer von Männern dominierten Kunstwelt durchgesetzt hatte, in einer Zeit, in der Frauen bis 1918 noch nicht Kunst studieren durften. Sie nahm privaten Kunstunterricht, richtete sich ein Atelier im Haus ihrer Eltern ein und ging zielstrebig ihren Weg, allen Widerständen zum Trotz. Ihre Eltern hatten zwar jüdische Wurzeln, doch wurde sie als Tochter einer assimilierten Kaufmannsfamilie protestantisch getauft. Erst als der Faschismus mächtiger wurde, drückte man ihr den Stempel der jüdischen Malerin auf.

Ich identifiziere mich mit Anita Rée, weil wir beide Hamburger Künstlerinnen sind. Wir sind beide Frauen mit dunklen Haaren. Wir werden beide Glaubensgemeinschaften zugeordnet, die Genoziden ausgesetzt sind, auch wenn die Kontexte unterschiedlich sind. Das reich…