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,,Wir lieben lesbisch“

Im Gespräch mit „Girls Like Us“ über das Produzieren und Gestalten von feministischen Zeitschriften.

10.05.21 >

Interview: Missy-Grafikteam

Das englischsprachige Magazin „Girls Like Us“ („GLU“) wendet sich an eine internationale queere Leser*innenschaft und beschäftigt sich mit Themen wie Kunst und Aktivismus. Das Missy- Grafikteam (Daniela Burger, Lisa Klinkenberg und Stefanie Rau) hat sich mit Herausgeberin, Gründerin und Redakteurin Jessica Gysel, Redakteurin Katja Mater und Grafikdesignerin und Mitherausgeberin Sara Kaaman zu einem Chat verabredet.

Wir haben „Girls Like Us“ über die Jahre hinweg verfolgt. Was waren eure anfänglichen Absichten mit dem Magazin und wie haben sie sich im Laufe der Jahre verändert?
Jessica Gysel: „Girls Like Us“ wurde 2005 als Nachfolgemagazin von „KUTT“ gegründet, dem Schwestermagazin der an eine schwule Zielgruppe gerichteten Publikation „BUTT“. Als wir mit „KUTT“ anfingen, gab es kaum Sichtbarkeit für Lesben. Das war 2002, lange vor Serien wie „The L-Word“. Mit „KUTT“ fühlten wir uns in den Untergrund zurückversetzt, ohne dass wir jemals eine Mainstreamexistenz erreicht hatten. Mit „GLU“ wollten wir den

vielen Lesben Respekt zollen, die uns mit ihrem Support bei „KUTT“ den Weg geebnet hatten. „GLU“ sollte als lesbische Zeitschrift in einem kleinen, ca. DIN- A5-großen Format eine Antwort auf die „seriöseren“ akademischen Publikationen dieser Zeit sein. Wir wollten etwas Lustigeres und Bunteres machen. Wir wollten Politik und Vergnügen zusammendenken und kollaborative Wege gegen das Patriarchat aufzeigen. In persönlichen Geschichten, Essays und künstlerischen Beiträgen wollten wir feministische Ansätze und Traditionen verhandeln. Ich habe damals mit der Grafikdesignerin Kathrin Hero zusammengearbeitet, und wir haben viel Zeit in LGBTIQ-Archiven verbracht, um uns inspirieren zu lassen und Referenzen für das Layout zu finden. Im Jahr 2009 haben wir dann „GLU“ von einer „lesbischen Zeitschrift“ in eine „queere Zeitschrift“ umgewandelt. Wir öffneten uns inhaltlich für andere Geschlechtervorlieben und haben auch das Format auf etwa DIN A4 vergrößert.

Das „Us“ in „Girls Like Us“ hat sich erweitert.
JG: Die Verwendung von „Girls“ in unserem Titel ist immer wieder Thema. Wir sehen das „Us“ als Girls*, einschließlich jeder Person, die sich jemals als weiblich identifiziert hat, in der Vergangenheit oder Gegenwart.
Katja Mater: Als Magazin überdenken wir ständig die Art und Weise, wie wir Dinge sagen und welche Wörter wir verwenden. In diesem Zusammenhang ist es z.B. sehr interessant, wie sich das Wort „lesbisch“ in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Es wurde entweder durch das Wort queer ersetzt oder wird als ein sehr sexualisierter Begriff verwendet. Aber wir lieben das Wort und mögen die Idee des schwedischen Kollektivs Mycket, ein Sternchen oder ein Herz als subtile Fußnote zu verwenden – lesbian (♥) –, um das Wort neu zu definieren. Für „GLU“ bedeutet das, alle möglichen Formen von Liebe und Intimität zwischen Menschen zu feiern, die sich auf der weiblichen Seite des Geschlechterspektrums identifizieren, die sich früher als solche identifiziert haben oder denen irgendwann in ihrem Leben ein weibliches Geschlecht zugeschrieben wurde. Wir verstehen Gender als ein breites Spektrum voller Möglichkeiten.

Warum habt ihr das Layout mit der Öffnung für ein breiteres Geschlechterverständnis geändert?
Sara Kaaman: Ich finde es immer ein bisschen schwierig, über Design und Visuals zu sprechen, die auf die eine oder andere Weise „queerer“ oder „straighter“ wirken sollen. Es gibt bestimmte Arten zu gestalten, die wir – ich spreche von mir und meinem Umfeld – als eher heterosexuell ansehen, z. B. klassischer, strenger Modernismus im Sinne des Bauhauses. Und es gibt Formen der Gestaltung, die wir als weniger hetero lesen, z. B. eine punkigere, lockerere, wildere, weniger ordentliche Ästhetik. Ich arbeite ziemlich frei und versuche Handschriftliches und Zeichnungen ins Layout einzubinden, also auf eine Art die Präsenz des Körpers im Magazin einzufangen. Ich hoffe, dass die Leser*innen eine engere Beziehung zum gedruckten Magazin aufbauen können, wenn nicht alles perfekt und starr gestaltet ist. Da das Magazin nur einmal im Jahr erscheint, habe ich keine Lust, einem sehr strengen Designhandbuch treu zu bleiben, wenn es so viel zum Ausprobieren gibt! Ich liebe es, neue Schriften und Designmethoden zu testen, die sich, mit Unterstützung von Katja und Jessica und den anderen Teammitgliedern, vom Inhalt der jeweiligen Ausgabe inspirieren lassen. Das Design ist ständig in Entwicklung.
KM: Ich liebe die Art und Weise, wie Sara jede Ausgabe wie ein Unikat behandelt. Es gibt kaum Wiederholungen in der Gestaltung. So bekommt jedes Magazin einen ganz eigenen „Körper“, jede Stimme ist eigenständig.

Missy Magazine 03/21 - Dossier
© „Girls Like Us“, Cover, 2019 und 2021

Habt ihr eine enge Verbindung zu euren Leser*innen? Wisst ihr, wer das Magazin liest?
JG: Wir haben schon immer Veranstaltungen rund um das Magazin organisiert, daher haben wir eine recht gute Vorstellung von unseren Leser*innen. Obwohl sich die Leute, die zu unseren Veranstaltungen kommen, nicht unbedingt mit den Leser*innen überschneiden. Wir machen auch viele Buchmessen, wo wir einen direkten Kontakt mit unserem Publikum haben, was großartig ist. Es ist ein sehr gemischtes Publikum, meist queer, lesbisch, trans, generationenübergreifend, und ich denke, wir haben eine neue, jüngere Fanbase, neben den Leuten, die uns seit Jahren begleiten. Und dann gibt es noch die Grafikdesign-Nerds, da sind interessanterweise ziemlich viele Männer dabei. Die Wiedergeburt des Feminismus in den letzten fünf bis acht Jahren hat uns wirklich geholfen, voranzukommen. Plötzlich wurden viele der Themen, über die wir lange Zeit gesprochen haben, breiter akzeptiert.

Merkt ihr diese Akzeptanz auch finanziell? Habt ihr den Eindruck, dass ihr mehr Hefte verkauft und dadurch weniger prekär arbeitet?
KM: Ich denke, dass uns das nicht so betrifft, da wir uns nicht an den Mainstream wenden. In unserer elften Ausgabe zum Thema „ECONOMY“ haben wir versucht, die Finanzen hinter dem Magazin in einer Zeichnung transparent zu machen.
JG:Eswardaserste Mal, dass wir Leute bezahlt haben, auch wenn wir nur wenig Geld zahlen konnten. Wir wollen nicht wirklich große Werbekunden haben. Dafür haben wir die „ECONOMY“-Ausgabe in Schwarz-Weiß gedruckt, um so Geld für die Honorare umschichten zu können. Im Moment sind wir dabei, die Zukunft des Magazins zu überdenken. Die finanzielle Unsicherheit in den Griff zu bekommen ist unsere größte Herausforderung.

Bei Missy diskutieren wir oft darüber, wie herausfordernd es ist, kollektive Entscheidungen zu treffen. Wir haben bislang keine richtige Struktur dafür. Wie trefft ihr Entscheidungen? Z. B., was das nächste Thema des Magazins ist, wer einen Text schreiben wird, wer wie viel Geld bekommt …
JG: Was die Zusammenarbeit angeht, werden wir als Kollektiv gesehen, aber ich bin die Herausgeberin und diejenige, die die endgültigen Entscheidungen trifft. Einstimmige Entscheidungen zu treffen ist ziemlich schwierig. Normalerweise übernimmt jede die Verantwortung für ihren Arbeitsbereich, und wir entscheiden individuell, aber bitten uns im Zweifelsfall gegenseitig um Feedback. Im Prinzip haben wir keine festgelegte Arbeitsstruktur.
SK: Wir arbeiten aber daran! Wir sind so ein kleines Team, daher ist das Treffen von Entscheidungen oft ein Prozess des miteinander Redens und Diskutierens.

Könnt ihr uns einen Einblick in eure Art der Zusammenarbeit geben?
KM: Wir schreiben sehr viele E-Mails. Für jedes Thema gibt es mindestens ein erstes physisches und weitere digitale Brainstormings. Wir umkreisen zusammen Themen und stecken erste Richtungen für jede Ausgabe gemeinsam ab. Dann übernehmen wir individuell die Betreuung von Artikeln, Features oder Themen, mit Check-ins und Feedback der Gruppe.
JG: Und wir arbeiten auch viel über digitale Plattformen, um Dateien miteinander zu teilen. Wir versuchen, Informationen für alle immer zugänglich zu machen.
SK: Wir sind gerade dabei zu überdenken, wie wir zusammenarbeiten wollen. Was macht Sinn in Bezug auf die uns zur Verfügung stehende Zeit und Energie? Und wir diskutieren darüber, die Struktur zu öffnen und z. B. eine Art „Beirat“ einzubeziehen. Wir möchten so mehr Stimmen und Perspektiven in das Magazin integrieren. Sie sind nicht direkt an der Produktion des Magazins beteiligt, sondern unterstützen uns mit Input auf der konzeptionellen Ebene. Wir haben sie „The Musing Bodies“ benannt.

„Girls Like Us“ erscheint seit 2005 von Brüssel aus in englischer Sprache. girlslikeusmagazine.com

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/21.