Lieblingsstreberin: Lily Chan

Eine Mischung aus Naturidylle und mörderischem Geschäftssinn: Lily Chan ist die perfekte Antiheldin.

12.07.21 > Film & Serien,

Von Sonja Eismann
Illustration: Eva Feuchter

Eben noch war die Informatikerin Lily Chan mit ihrem Boyfriend Sergei Pavlov in der gemütlichen Wohnung in San Francisco. Beide sind wie immer mit dem Shuttle-Bus zur gemeinsamen Arbeitsstelle in den Wäldern am Stadtrand gefahren. 24 Stunden später ist der junge Programmierer tot. Die Leitung des so paradiesisch wie dubios wirkenden Softwarekonzerns Amaya will Lily weismachen, dass ihr Freund sich selbst umgebracht habe. Doch sowohl Lily wie auch wir als Zuseher*innen wissen, dass das nicht die Wahrheit sein kann.

Warum musste Sergei sterben?
Anhand dieser klassischen Thriller-Ausgangssituation widmet sich die von Alex „The Beach“ Garland erdachte Miniserie mit acht Folgen den bombastischen Fragen: Können wir mit megalomanischen Computersystemen nicht nur die Vergangenheit komplett rekonstruieren, sondern auch die Zukunft voraussagen? Gibt es nur ein einziges Universum, das mit genug Datenpower nachgebaut werden kann, oder leben wir in einem Multiversum, in dem jederzeit verschiedenste Handlungsoptionen verfügbar sind? Freier Wille oder Determinismus?

Missy 04/21 - Lieblingsstreberin
© Eva Feuchter

Lily Chan ist in dieser dystopischen Sci-Fi- Welt, die die böse Fratze der kalifornischen Ideologie mit einer Mischung aus Naturidylle und mörderischem Geschäftssinn gleichzeitig karikiert, die perfekte Antiheldin. Sie ist eine Hauptfigur, die merkwürdig zurückhaltend wirkt – so sehr, dass im Internet schon spekuliert wurde, sie sei „on the spectrum“ oder würde nur so wenig Präsenz bekommen, weil sie weiblich ist. Doch genau das sind ihre Stärken: Mit stylisher Kurzhaarfrisur und lässigem Nineties-Tomboy-Style wird sie nie genderspezifisch oder anhand ihrer nur nebenbei erwähnten chinesischen Wurzeln überpsychologisiert, sondern als kluge und furchtlose Person gezeigt, die sich in den Nachforschungen rund um den Tod ihres Partners nicht von übermächtigen Netzwerken abschrecken lässt. Ihr kompromissloses Erkenntnisinteresse treibt sie immer weiter vorwärts – bis zum finalen Showdown. Bleibt nur zu hoffen, dass ihr so serienuntypisches Girl-Geektum – Introvertiertheit gepaart mit Selbstsicherheit – daraus unbeschädigt für eine weitere Staffel emporsteigt.

Die erste Staffel von Devs ist derzeit u. a. bei Magenta TV, Amazon und Apple TV zu sehen.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 04/21.

 

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