„Male or Female? Yes!“

Zwanzig Jahre nach der Doku „Gendernauts“ trifft Monika Treut die damaligen Protagonist*innen wieder.

13.09.21 > Film & Serien

Von Maxi Braun

Die wohl bekannteste Szene aus „Gendernauts“: Stafford schaut in die Kamera und gibt an, auf die häufig gestellte Frage „Are you male or female?“ stets mit „Yes!“ zu antworten. Monika Treuts Dokumentarfilm von 1999 setzte trans Menschen wie Stafford erstmals respektvoll ins Bild und porträtierte die vibrierende queere Szene San Franciscos zu einer Zeit, in der Gendergrenzen zu fließen und sich scheinbar aufzulösen begannen.

Rund zwanzig Jahre später besucht die Regisseurin ihre Protagonist*innen von einst.

Die damals florierende Szene ist heute durch Tech-Boom und Gentrifizierung weitgehend verschwunden. Auch Stafford hat die Bay Area verlassen und lebt heute als Mann. Andere sind geblieben, so wie Susan Stryker, Pionierin auf dem Feld der Transforschung. Oder Computergeek Sandy Stone, die sich als eine der ersten MtF (Male to Female) der USA in den 1970er-Jahren für eine „geschlechtsangleichende“ Operation entschied und heute mit über achtzig Jahren einen alternativen Radiosender leitet.

Missy Magazine 05/21, “Male or Female? Yes!”, Film
© Edition Salzgeber Film

Die cisgeschlechtliche Verbündete und Expornodarstellerin Annie Sprinkle wiederum ist als „.kosexuelle“ unterwegs und engagiert sich mit ihrer Partnerin Beth für Klimaschutz. Jede dieser von Vertrauen zur Regisseurin geprägten Begegnungen rahmt Bildgestalterin Elfi Mikesch mit großartigen Einstellungen und in satten Farben. Die pompösen, knallbunten Kostüme von Annie und Beth, die Weite der Wüste, in die sich Stafford zurückzieht, oder der Blick auf das Meer stehen für Lebensfreude und hart erkämpfte Freiheiten.

Aus der in „Gendernauts“ erträumten Utopie wurde trotzdem keine Realität. Die binäre Geschlechterordnung ist in den USA wie auch in Deutschland bei allen Fortschritten noch immer dominant. Vier Jahre Trump haben dabei alles andere als geholfen. Zwar hat der intersektionale Blick den Fokus auf andere marginalisierte Gruppen erweitert, doch auf dem „Feld der Identitäten“ gibt es auch unter Feminist*innen erbitterte Kämpfe, wie Susan Stryker treffend beschreibt.

Verbitterung ist allerdings weder Monika Treuts Sache noch die ihrer Protagonist*innen. Wer „Gendernauts“ gesehen hat, wird „Genderation“ als ein Wiedersehen mit alten Freund*innen feiern. Doch auch für sich allein ist der Film ein mutmachendes Plädoyer für kreative Widerständigkeit gegen ein heteronormatives System und für die Vielfalt geschlechtlicher Identitäten, die existieren und nicht mehr verschwinden werden.

„Genderation“ DE 2021 – Regie: Monika Treut., 88 Min., Start: 21.10.

Du willst jede Missy verlässlich im Briefkasten haben, aber vermisst uns in der Zeit dazwischen? Mit dem Kombi-Abo kannst du beides haben: ein schickes, druckfrisches Heft und den wöchentlichen Newsletter mit dem Neuesten in Sachen Politik, Pop, Debatte und Veranstaltungen. Natürlich mit Mitgliedskarte oben drauf. Jetzt das einmalige Kombi-Abo abschließen.