Sweet little lies

Oft lernen wir zu lügen, um ein Machtgefälle auszugleichen. Kolumnistin Marie Minkov will sich das abgewöhnen.

17.10.21 > Marie Minkov
Profilfoto Marie Minkov

Marie Minkov
Marie Minkov arbeitet als freie Autorin und Illustratorin und studiert Literarisches Schreiben in Hildesheim. In ihren Texten befasst sie sich mit Behinderung, Norm und Scham und untersucht das Inklusionspotential autobiografischer Texte.

TEXT: Marie Minkov
ILLUSTRATION: El Boum

Wenn man mich näher kennt, hält man mich wahrscheinlich für einen sehr direkten, ehrlichen Menschen. Immerhin schreibe ich Texte über sogenannte „Tabuthemen“, rede offen über Scham und habe scheinbar keine Angst davor, verletzlich zu sein. Und trotzdem: Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht lüge. Ich lüge meine Familie an, meine Freund*innen, Fremde auf der Straße. Ich lüge die ganze Zeit. Warum?

Das Lügen ist für mich keine bewusste Entscheidung, sondern ein Reflex, den ich als Kind gelernt habe und nicht abschütteln kann. Bereits mit acht Jahren sitze ich Ärzt*innen gegenüber, und erzähle Lügen über meine Körperfunktionen. Das Ziel: so wenig krank wie möglich zu wirken. So schnell wie möglich hier wieder rauskommen. Meiner Familie nicht noch mehr schlaflose Nächte bereiten. Nur zugeben, was sie beweisen können. Den Rest abstreiten und unterdrücken.

Wenn ich heute meine Arztbefunde von damals lese, sind sie voll mit falschen Fakten. „Patientin hat nach eigener Aussage mit XY keine Probleme“, steht da. Meine Eltern und ich haben jahrelange Missverständnisse über meine Behinderung, weil ich ihnen die Hälfte der Symptome verschweige. Sie machen sich schon genug Sorgen, denke ich. Was bringt es irgendwem, wenn ich da jetzt noch einen draufsetze?

Gleichzeitig perfektioniere ich die Kunst des Krankstellens, um so oft wie möglich die Schule zu schwänzen. Eine kleine Lüge ist der Schlüssel zu meinem Glück: im Bett bleiben, statt aufzustehen und mir die Blöße zu geben, als einzige sichtbar behinderte Schülerin in einem Klassenraum zu existieren. Ich erzähle meiner Mutter, meinen Lehrer*innen, meinen Mitschüler*innen alles, was nötig ist, um mir diese Freiheit zu gewähren.

Dass das, was ich da tue, etwas Verwerfliches ist, weiß ich natürlich. In Klamottenläden sehe ich T-Shirts mit dem Aufdruck: „FRIENDS DON’T LIE“ – ein Slogan, den wir in Freund*innenschaften zelebrieren. In den Filmen, die ich sehe, ist die Lüge der schlimmste Vertrauensbruch. Die Message: „Egal, was du machst, lüg mich nicht an.“

 

Heute verstehe ich das Lügen als einen Akt des Selbstschutzes, der nicht selten mit Marginalisierungserfahrungen zusammenhängt. Wir lernen ihn von klein auf in denselben Momenten, in denen wir lernen, uns anzupassen. Wenn du als Einzige von deinen zwanzig Mitschüler*innen anders über etwas denkst, etwas anderes brauchst oder etwas nicht verstehst oder kannst, lernst du, dass es besser für dich ist, die Dinge, die dich anders machen, zu verstecken. Du lernst, im richtigen Moment zu nicken, zu sagen: „Das kenne ich“, „Das kann ich“, „Das haben meine Eltern auch“, „Italien ist echt schön“ oder „Ich finde ihn auch süß“, obwohl du ihn eigentlich abstoßend findest. Du lügst, um ein Machtgefälle auszugleichen, selbst wenn du noch zu jung bist, um es zu verstehen.

Auch jetzt, wo ich mir dieser Mechanismen besser bewusst bin, anders mit Scham umgehe und Empowerment in Wahrheit erkenne, fällt es mir noch schwer. „Das macht nichts“, „das kann ich“, „ich brauche keine Hilfe“, „das geht schon“, sind Sätze, die ich vor fast zwei Jahrzehnten verinnerlicht habe. Noch immer finde ich mich in sozialen Situationen wieder, in denen Anpassung durch Lügen wie die beste Option wirkt, wenn ich keine Kraft habe, zu diskutieren, zu erklären, zu rechtfertigen.

Manchmal, wenn mich jemand fragt, was ich mit meinen Beinen gemacht habe, erzähle ich: „War im Skiurlaub und bin richtig fies gestürzt, aber das dürfte in ein paar Wochen alles wieder verheilt sein.“ Und dann erzählt mir mein Gegenüber von zurückliegenden Knochenbrüchen und sagt: „Da muss man durch, aber zum Glück geht’s ja wieder weg“ und ich sage: „Ja, haha“ und wir lachen zusammen.

Viele Jahre meines Lebens gab es keine einzige Freundin, die ich nicht anlüge. Und auch wenn mich die Lügen vielleicht vor Konfrontationen oder Kränkungen schützen, isolieren sie mich auch. Was wäre, wenn ich die Wahrheit sagen würde? Je älter ich werde, desto öfter stelle ich mir diese Frage.

Mit zwanzig vertraue ich mich zum ersten Mal einer Freundin an. Wir hocken uns zusammen und ich liste jeden Moment auf, an dem ich sie angelogen habe, erzähle von den Dingen, die ich eigentlich nicht erzähle, korrigiere meine Aussagen: „Das eine Mal, als ich dich vor der H&M-Umkleide allein gelassen hab, hat mich eigentlich niemand angerufen, sondern …“ Die Wahrheit schweißt uns enger zusammen, und plötzlich ist da diese Sicherheit zwischen uns, die ich vorher nicht kannte.

In vielen Freund*innenschaften klappt das heute ganz gut. Aber es braucht das Verständnis beider Menschen, dass die Wahrheit unangenehm sein kann und von jeder Norm abweichen darf. Dass es Machtstrukturen zwischen uns gibt und dass ich mich gerade verletzlich mache. Manchmal dauert es eine Weile, aber ich gebe mir Mühe, mich bewusst gegen die Lüge zu entscheiden. Damit entscheide ich mich auch für mich selbst: Ich höre auf, mich, meine Bedürfnisse, meinen Körper zu verleugnen, und kann für sie einstehen. Ich kann sagen: „Ich brauche das“, „Ich möchte das nicht tun“, „Kannst du mir helfen?“ Und damit tue ich mir letztendlich einen viel größeren Gefallen.

Sollte mir heute vor einer befreundeten Person doch noch mal eine Lüge rausrutschen, korrigiere ich mich im nächsten Moment: „Warte, sorry. Das stimmt gar nicht, was ich gerade erzähle. Ich fang nochmals von vorn an.“