Aus alten Träumen lernen

Im Kapitalismus Beziehungen außerhalb der heterosexuellen Kleinfamilie zu führen, ist nicht dystopisch.

Von Leah Bretz

Beziehungen sind nicht nur lebensnotwendig, weil Berührungen, Nähe und Verbindung existenzielle Bedürfnisse sind, sondern sie machen Spaß und können mit Liebe erfüllen. Zeit miteinander zu verbringen und schöne Erfahrungen teilen zu können macht glücklich. Wenn aber wenig Zeit und Energie dafür da ist, Beziehungen zu genießen und zu erleben, weil Kapitalismus und Machtverhältnisse das Leben strukturieren, der Großteil der Lebenszeit und Energie für Lohn- und Reproduktionsarbeit draufgeht und Beziehungen nicht frei von Arbeit sind – wo bleibt da das schöne Leben? Kapitalismus beeinflusst, wie alle anderen gesellschaftlichen Machtverhältnisse, auch unsere Beziehungen. 2006 prägte

die Soziologin Eva Illouz den Begriff des emotional capitalism – emotionaler Kapitalismus – und betrachtet in ihrem Buch „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“, wie die Sphären Arbeit und Privates sich immer weniger trennen lassen, wie ökonomische Faktoren die Auswahl von Partner*innen beeinflussen und wie der Bereich der Arbeit immer stärker emotionalisiert wird. Esther Perel, Psychotherapeutin, Beraterin und Podcasterin, greift den Begriff des emotionalen Kapitalismus 2021 in ihrer Podcastreihe „How’s Work?“ auf und sagt, dass romantische Beziehungen und die Beziehungen, die wir an unseren Arbeitsplätzen pflegen, vor allem eins gemeinsam haben: dass sie unter extremem Druck durch die gegenwärtige Phase des Kapitalismus stehen. Dies zeige sich vor allem darin, dass wir die Grenzen zwischen Lohnarbeit und Privatleben kaum mehr aufrechterhalten können, und zwar, weil sowohl Arbeit als auch romantische und andere Beziehungen als Orte von Identität und emotionaler Erfüllung verstanden werden. Das zeigt s…

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