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Extreme Gefühle

Gaddafi Gal Nalan startet ihre Solokarriere mit einem Album, das nach 2000er-Pop und Coming-of-Age klingt.

15.11.21 > , Musik

Von Dalia Ahmed

Es ist voll cute auf der einen Seite, ernst auf der anderen Seite, aber auch funny. Das sind Teenage Dreams, die wieder aufgemacht werden“ – so beschreibt Nalan die Stimmung auf ihrem Debütalbum „I’m Good. The Crying Tape“.
Nalan Şeyma Karacagil, das ist die 31-jährige Münchner Sängerin, Songwriterin und Produzentin, die in Berlin lebt. Dieses Solo-debüt ist aber gar nicht das erste Mal, dass wir von Nalan hören. Mit ihrem Duo Nalan381 hat die Autodidaktin synthigen Pop gemacht und als ihr Alter Ego slimgirl fat ist sie ein Drittel der Gaddafi Gals – u. a. gemeinsam mit der fellow Münchnerin Ebow aka blaqtea und walter p99 arke$tra. Während der Gaddafi- Gals-Sound sich auf bassigen und trippy

Hip- Hop aus dem Süden der USA und nebeligen R’n’B bezieht, klingt Nalans Soloprojekt emotional offener. Das Meditative bleibt zwar auf „I’m Good. The Crying Tape“ erhalten, wird aber auch mit vielen Pop-, Electronica- und Gitarrensounds ergänzt. Ein Album, das mal nach einer befreienden Heulsession, mal nach Soloübernachtungsparty im eigenen Schlafzimmer klingt.

Nalan zelebriert die Ambivalenz. Das Album als Ganzes, die einzelnen Songs wie auch der Titel verbinden stets die Bitterkeit und das Süße. Ihr ging es um „die Zwischenmomente und Zwischengefühle“, wie sie bei einem Video- Call erzählt – d. h. die Momente zwischen den Gefühlsextremen von Trauer und Freude, die alle gleichzeitig gefühlt werden können.

Wer schon Fan der Gaddafi Gals ist, hat Nalans R’n’B und die nebeligen Soundelemente auf ihrem Solodebüt vorhersagen können. Außerdem ist walter p99 arke$tra als Executive Producer mit dabei. Ein Track wie „Rewind“, der nach Nineties-R’n’B klingt, ist da keine Überraschung. Aber die gitarrigen, poppigen Momente des Albums überraschen eventuell so manche slimgirlfat-Fans. Die Synthwolken und Nalans Stimme, die pure Melancholie ausstrahlt, zwingen das ganze Album hindurch zum Swayen – einem Hin- und Hertänzeln. Und sei’s auch nur ein mentales Tanzen. Auf „I’m Good. The Crying Tape“ geht es eben immer hin und her. Ihr geht’s gut – wie bei der gerne mal dahingesagten Phrase „I’m Good“, aber es muss auch bitterlich geweint werden. Auf dem titelgebenden Track verdichtet sich dieser Vibe vor allem kurz vor Ende des Songs. Beim finalen Breakdown stehen nur mehr die Drums, die Gitarre und Nalans Beteuerungen da: Ja, ja, mir geht es gut.

Missy Magazine 06/21, Kulturstory, Extreme Gefühle
©Nusa Hernavs

Aber auch mit Breakbeats, Echoeffekten und Drummachine-Spielereien erzählt Nalan ihre Geschichten. Die Tracks auf „I’m Good. The Crying Tape“ sind immer irgendwie anders schmerzhaft schön. Nalan bedient das gesamte Spektrum der freudigen Tristesse. „Es geht basically um die Gefühlswelten, die aufgemacht werden in einer Zeit, wenn man viel Zeit hat, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Aber auch vor allem mit Musik.“ Damit ist Nalans Solodebüt auch ein Corona-Album. Aber irgendwie auch nicht. Es geht nicht um Lockdown-Langeweile oder um die Angst vor der Pandemie. Sondern um die ungefühlten Emotionen, für die wir plötzlich Zeit hatten. Denn neben dem Sauerteigansetzen und Skaten hatte Nalan im Lockdown in ihrer WG in Kreuzberg endlich die Möglichkeit, sich voll und ganz dem Songschreiben zu widmen. Am ersten Abend, an dem sich von der Außenwelt abgeschottet wurde, drehte Nalan gemeinsam mit ihrer Mitbewohnerin, der Musikerin Kiara Bo, und walter p99 arke$tra den Pop der 2000er-Jahre laut auf. Als die Hits von Kylie Minogue aus den Boxen wummerten, dachten sich die drei, lasst uns doch Musik machen, die an diese musikalische Ära erinnert. „Wir wollten uns inspirieren lassen und irgendwie Tracks machen, die so klingen. Einfach so als fun Projekt.“ Daraus entwickelten sich Sessions, die später das kollaborative Fundament für das Album legen würden. „Es hat einfach alles gepasst. Wir waren so, okay, was sollen wir machen, wir können nur zu Hause bleiben.“ Genau aus dieser Energie heraus entsprang „I’m Good. The Crying Tape“, ein Album, das von Nalan wie ein Drehbuch strukturiert wurde. Jeder Song bringt die emotionale Geschichte voran. Und in der Geschichte geht es um das klassischste aller Popthemen: die Liebe. Nämlich Anfang, Mitte und Ende dieser Liebe – im Loop. Ängste, Hoffnung und Verzweiflung im romantischen Kontext.

Auf die Frage hin, was für ein Film das Album denn wäre, überlegt Nalan nur kurz: Es wäre ein Coming-of-Age-Movie. Diese Filme, in denen gelacht, geweint, gereist und geliebt wird. Und am Ende findet man zu sich selbst. Nalan sieht da auch Parallelen zur US-Sängerin Olivia Rodrigo und ihrem Debüt „Sour“. Auf „I’m Good. The Crying Tape“ werden vermeintlich exklusiv im Teeniealter empfundene Gefühle und Dramen für ein Publikum aufgemacht, das meint, schon längst aus dem Alter raus zu sein. Die extremen Gefühle von damals werden noch mal durchlebt, können jetzt aber besser eingeordnet und entspannter gefühlt werden. Im Gegensatz zu Rodrigo erzählt Nalan ihrem Publikum aber keine konkreten Geschichten aus ihrer Biografie. „I’m Good. The Crying Tape“ ist dennoch sehr persönlich. Nalan lässt die Hörer*innen an ihrer Gefühlswelt teilhaben und macht Raum zur Identifikation auf, indem sie sich in unterschiedliche Situationen und Charaktere hineinfühlt und diese mit ihrer Perspektive beseelt.

Auf dem Bonustrack „Son Kez“ („Letztes Mal“) lernen die Hörer*innen eine weitere Facette von Nalan als Songwriterin kennen. Der Song ist auf dem englischsprachigen Album der einzige auf Türkisch und insgesamt für die Musikerin der zweite Song in der Sprache ihrer Eltern. Als sie den Beat für den Song gehört hatte, war Nalan klar, „Ich konnte den nicht anders singen“, und sie schrieb den Text bei einer Busfahrt von ihrer Heimatstadt München nach Berlin. Mit einem fast schon Portisheadhaften Feeling spitzen sich auf „Son Kez“, dem Epilog des Albums, die Gefühle zu. Die Hörer*innen haben sich bereits ausgeweint und dann kommt noch einmal das allerletzte Bisschen, das für die vollendete emotionale Reinwaschung gefehlt hat.

Nalan hat mit „I’m Good. The Crying Tape“ den idealen Soundtrack für einen düsteren Winter geliefert, in den man reinhören kann, wenn man traurig, glücklich oder irgendwas dazwischen ist.

Nalan „I’m Good. The Crying Tape“ –Mansions and Millions / 3-Headed Monster Posse, VÖ: 26.11.

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/12.

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