Film- und Serientipps Missy 06/21

Aktuelle Filme und Serien – von Missy rezensiert.

15.11.21 > Film & Serien,
Missy Magazine 06/21, Filmrezis
Foto: Agnete Brun © ARSENAL Filmverleih GmbH

Hope
Gehirntumor, unheilbar. Einen Tag vor Weihnachten erfährt Anja, die 43-jährige Choreografin und Mutter einer Patchworkfamilie, von einem lebensgefährlichen Tumor.

Der scheinbar besiegte Lungenkrebs hat eine Metastase gebildet. Maria Sødahls norwegisch-schwedisches Drama erzählt die Odyssee einer Familie, die mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert wird. Auf zu viel Druck auf die Tränendrüse wird dabei verzichtet. Fokus sind keine Krankenhausbetten, sondern der Zusammenhalt der acht- köpfigen Familie sowie die Dynamik zwischen Anja und ihrem Partner, dem deutlich älteren Tomas. Obwohl Anja durch die hohe Dosierung von Steroiden unter Schlafproblemen leidet, spielt sie ihre Rolle als heroisches Familienoberhaupt weiter. „Hope“ erzählt, wie eine schwere Krankheit als Katalysator dienen kann, um unausgesprochene Wahrheiten hervorzubringen. Ungefiltert fordert Anja aufgeschobene Gespräche von Tomas ein. Die inmitten des Alltagsstresses erkaltete Liebesbeziehung findet so zu einer neuen Ebene der Ehrlichkeit. Trotz des düsteren Themas schafft es „Hope“, eine gewisse Trotzigkeit zu entfalten. Die Abwesenheit von Filmmusik passt zur zurückgenommenen Haltung. Sødahl inszeniert eine dramaturgisch unaufgeregte Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht. Und in der die Hoffnung zuletzt stirbt. Wenke Bruchmüller

„Hope“ NOR / SWE 2019 ( Regie: Maria Sødahl. Mit: Andrea Bræin Hovig, Stellan Skarsgård, Elli Müller Osborne u. a.,125 Min., Start: 25.11. )

 

Missy Magazine 06/21, Filmrezis
© zero one film

In den Uffizien
Im Herzen Italiens, in Florenz, investierte die italienische Dynastie der Medici Mitte des 16. Jahrhunderts ihr Geld in Kunst. Aus den einstigen Bürogebäuden wurde so das Museum, das jährlich Millionen von Menschen anlockt. Der Dokumentarfilm „In den Uffizien“ wirft einen Blick hinter die Kulissen der bedeutendsten Kunstsammlung der Renaissance. Corinna Belz und Enrique Sánchez Lansch bewegen sich mit der Kamera durch die lichtdurchfluteten Hallen und filmen nicht nur die Werke, die die Ausstellungsräume zieren, sondern auch die Maschinerie, die täglich für die Kunstsammlung im Einsatz ist. Der Film zeigt die atmosphärischen Gänge sowohl durch die Augen des Sicherheitsbeauftragten als auch durch die der Investorin. Im Zentrum aber steht der Direktor Eike Schmidt. Die Kamera begleitet ihn zu verschiedenen Meetings und man sieht, wie er mit kritischem Blick neue Ausstellungen und Restaurationen in die Tat umsetzt. Bei all den einmaligen Einblicken in das tägliche Treiben der Kunstwelt verliert der Film die Gemälde selbst aber keineswegs aus den Augen. In sanften, langen Einstellungen werden die einzelnen Werke betrachtet und verfehlen ihre Wirkung nicht. Und auch die porträtierten Akteur*innen halten in ihrer Arbeit immer wieder inne, um die allgegenwärtige Kunst der Uffizien zu genießen. Rosalie Ernst

„In den Uffizien“ DE 2021 ( Regie: Corinna Belz & Enrique Sánchez Lansch. 96 Min., Start: 25.11. )

 

Missy Magazine 06/21, Filmrezis
© El Deseo

Parallele Mütter
So sehr man auch versuche, die Geschichte zu verschweigen, sie zu verbrennen, zu lügen – sie komme immer ans Tageslicht, heißt es im Abspann von Pedro Almodóvars neuem Film, in dem der lateinamerikanische Essayist Eduardo Galeano zitiert wird. Geschichte, die sich an die Oberfläche drängt, gibt es in „Parallele Mütter“ gleich zweifach. Almodóvar erzählt darin von der minderjährigen Ana (Milena Smit) und von Janis (Penélope Cruz in ihrem siebten Almodóvar-Film), einer Frau um die vierzig. Kurz vor der Geburt ihrer Töchter lernen sich die beiden im Krankenhaus kennen. Es ist eine folgenschwere Begegnung, die die beiden Frauen für immer aneinanderschweißen und in deren Verlauf Janis einen großen Fehler begehen wird. Janis hat außerdem das Anliegen, endlich die Leichen im Massengrab aus dem Spanischen Bürgerkrieg (1936–39) in ihrem Heimatdorf exhumieren und gebührend bestatten zu lassen. „Parallele Mütter“ ist ein recht klassischer Almódovar: Mit dem Film kehrt er zurück zu seinen Themen Weiblichkeit, Mutterschaft, Familie, Leidenschaft, Schmerz und Tod, und das wie immer in stark dominierenden Rotfarben. Mit weniger Extravaganz zwar als in den frühen Filmen, dafür aber mit dem für ihn typischen, zugleich ruhigen wie starken Melodram, das niemals kitschig oder rührselig ist und gekonnt von Cruz und Smit getragen wird. Mit „Parallele Mütter“ erfindet der spanische Regisseur weder das Rad noch sich selbst neu. Wer aber auf Almodóvars Filme steht, wird voll auf seine*ihre Kosten kommen. Isabella Caldart

„Parallele Mütter“ ES 2021 ( Regie: Pedro Almodóvar. Mit: Penélope Cruz, Milena Smit, Israel Elejalde, Aitana Sánchez- Gijón u. a., 123 Min., Start: 06.01. )

 

Missy Magazine 06/21, Filmrezis
© Mathieu GIOMBINI

Lingui
Amina (Achouackh Abakar Souleymane) wurde von der Gesellschaft verstoßen, weil sie ein uneheliches Kind erwartete. Von der eigenen Familie geächtet, hat sie ihre Tochter Maria ganz allein aufgezogen. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen: Mit 15 Jahren wird Maria (Rihane Khalil Alio) ungewollt schwanger. Sie möchte abtreiben. Aber im Tschad, wo die Geschichte spielt, sind Schwangerschaftsabbrüche gesetzlich verboten. Die Schule, Ärzte und der örtliche Imam wenden sich gegen die Frauen. Also versucht Amina, Geld für eine illegale Abtreibung aufzutreiben – ohne Erfolg. Als nach langen Jahren ohne Kontakt plötzlich Aminas Schwester Fanta auf der Bildfläche erscheint, die aus anderen Gründen ebenfalls um die eigene Tochter fürchtet, verbünden sich die beiden Frauen wieder. Schließlich erzählt Maria ihrer Mutter, dass sie vergewaltigt wurde. Amina will Rache. Tragendes Thema des Filmes ist die Verbundenheit zwischen Mutter und Tochter, zwischen den Schwestern Fanta und Amina sowie zu ihren Helferinnen. Dieses Motiv der Sisterhood findet sich auch im Titel wieder: „Lingui“ ist ein traditionelles tschadisches Wort, das sich mit „Bindung“ oder „Verbindung“ übersetzen lässt. Regisseur Mahamat-Saleh Haroun schafft ein starkes, einfühlsam erzähltes Werk über freigeistige Frauen. Katrin Börsch

„Lingui“ FR / DE / BE / TD 2021 ( Regie: Mahamat-Saleh Haroun. Mit: Achouackh Abakar Souleymane, Rihane Khalil Alio u. a., 87 Min., Start: 06.01. )

 

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© Camino Filmverleih

Plan A
„Was, wenn ich dir sage, dass deine Familie getötet wurde? Stell dir das kurz vor. Deine Brüder, deine Schwestern, deine Eltern. Deine Kinder. Alle. Ermordet. Völlig ohne Grund. Nun frage dich: Was würdest du tun?“ Mit diesen Worten beginnt der Film der Brüder Yoav Paz und Doron Paz. Was für viele ein Gedankenexperiment bleibt, ist für den Protagonisten Max Realität. Max (August Diehl) hat den Holocaust überlebt. 1945, auf der Suche nach seiner Frau und seinem Sohn, trifft er Michael (Michael Aloni), der Teil der Jüdischen Brigade und Haganah ist, und wird Zeuge deren Selbstjustiz. Als Max von der Ermordung seiner Familie erfährt, wächst in ihm das Bedürfnis nach Rache und er schließt sich der Gruppe an. Bald schon stellt er fest, dass es nicht nur die eine Form der Rache gibt. Während Michael und seine Kameraden Kriegsverbrecher*innen stellen, sieht die Organisation Nakam das gesamte deutsche Volk in der Kollektivschuld und organisiert Plan A/Tochnit Aleph: sechs Millionen für sechs Millionen. Die Regisseure Yoav und Doron Paz inszenieren mit ihrem Spielfilm eindringlich und mitreißend einen eher unbekannten Teil der Geschichte: den Versuch jüdischer Vergeltung. Dabei schaffen sie es, dass das Publikum Max in jedem Fall versteht: ob er sich mit Plan A rächt oder ob er, wie Michael ihm empfiehlt, Vergeltung mit einem guten Leben in Palästina übt. Rayén Garance Feil

„Plan A – Was würdest du tun?“ DE / ISR 2021 ( Regie: Yoav Paz & Doron Paz. Mit: August Diehl, Sylvia Hoeks, Michael Aloni u. a., 105 Min., Start: 09.12. )

 

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© Allyson Riggs / A24 Films

First Cow
Kelly Reichardts hypnotischer Neowestern „First Cow“ – frei nach dem Roman „The Half Life“ von ihrem Stammautor Jonathan Raymond – ist eine Zeitreise in das Oregon des beginnenden 19. Jahrhunderts, in dem beinharte Trapper einander auf die Rübe hauen, um möglichst viel vom frisch kolonisierten, kapitalistischen Kuchen abzubekommen. Etwas anders als bei vielen Westernfilmen ist es bei Reichardt jedoch: Der sanftmütige Koch Otis „Cookie“ Figowitz (berührend gespielt von John Magaro) lernt unter widrigsten Umständen den pragmatischen King- Lu (Orion Lee) kennen, der sich genau wie er ein lebenswertes Leben aufbauen möchte. Die beiden freunden sich an. Als der englische Chief Factor (Toby Jones) sich die titelgebende erste Kuh der Gegend zulegt, sehen auch die beiden ihre Chance auf einen Teil des Kuchens gekommen. Cookie bäckt mithilfe der Milch, die er nachts heimlich der Kuh abzapft, wohlschmeckende Ölkrapfen, die im rauen Fort reißenden Absatz finden. Doch es dauert nicht lange, bis Chief Factor den beiden auf die Schliche kommt. Im sich auf die Charaktere fokussierenden 4:3-Format und meditativen, statischen Einstellungen erzählt Reichardt von einer Welt voller Gewalt, Rassismus und kolonial-kapitalistischer Ausbeutung indigenen Landes und indigener Menschen. Dieser Realität setzt sie die achtsame Freundschaft zweier ungleicher Männer entgegen. Gabriele Summen 

„First Cow“ USA 2019 ( Regie: Kelly Reichardt. Mit: John Magaro, Orion Lee, Toby Jones u. a., 121 Min., Start: 18.11. )

 

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© Camino Filmverleih

 Zuhurs Töchter
Samar und Lohan leben mit ihrer Familie in einer Geflüchtetenunterkunft in Stuttgart. Sie sind nicht nur vor dem Krieg in Syrien geflohen, sondern auch vor der immensen Gefahr, der sie als trans Frauen ausgesetzt waren. In Deutschland hoffen sie auf ein freies Leben und wollen die geschlechtsangleichenden Operationen durchführen lassen. Dabei stehen sie vor sprachlichen und bürokratischen Hürden. Ihre Familie schwankt zwischen bedingungsloser Liebe und Unverständnis – sodass die beiden Schwestern weitestgehend auf sich allein gestellt sind. Regelmäßig brechen sie aus der Enge der Unterkunft aus, um im Nachtleben Verbündete zu finden. Das Regieduo Laurentia Genske und Robin Humboldt hat die Geschwister mehrere Monate begleitet. Sie zeigen den langen Weg, die Bedrohung, die auch in Deutschland vorherrscht, und die Enttäuschungen. Die Dokumentation ist ein ruhiger Blick in ihre Welt und auf das untrennbare Band der Schwestern. Manchen doch sehr cis voyeuristischen Moment hätte die Doku sich allerdings sparen können. Ava Weis

„Zuhurs Töchter“ DE 2021 ( Regie: Laurentia Genske & Robin Humboldt. 89 Min., Start 04.11. )

 

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© 2Pilots Filmproduktion

Mit eigenen Augen
„Bis dahin machen Sie’s gut und bleiben Sie freundlich!“, heißt es stets am Schluss des Politmagazins „Monitor“ von Leiter und Moderator Georg Restle. Der Dokumentarfilm „Mit eigenen Augen“ gestattet einen Blick hinter die Kulissen des dreiwöchig im Ersten ausgestrahlten, 55 Jahre alten Formats. Die Ode in Grau (lange Flure, Kölner Wetter, Straßenkreuzungen, müde Menschen) bleibt wie ein unauffälliger Gast nah an Restle und Redakteuren wie Achim Pollmeier, Stephan Stuchlik und Jochen Taßler hängen. An Männern also, die das Wort führen und dabei einen geschäftigen bis eklig-onkeligen Befehlston pflegen – wie Restle in einer Redaktionskonferenz gegenüber der in der Doku einzig prominent vorkommenden Frau, der preisgekrönten Journalistin Julia Regis. Ob die Tatsache, dass die weiblichen Redaktionsmitglieder im Film kaum Raum bekommen, an Dynamiken im „Monitor“-Team oder am Fokus des Regisseurs Miguel Müller-Frank liegt, ist unklar. Prinzipiell ist es aber spannend, zuzusehen, wie das Team an Themen arbeitet und etwa die Fälle eines pädophilen Arztes an einer Uniklinik oder des Walter-Lübcke-Mörders Stephan E. aufarbeitet. Da wird viel Geld in einen Gutachter investiert und nächtelang recherchiert. Welcher Druck auf den fleißigen Journalist*innen lastet, ist stets spürbar – dass man sie bis auf „den Georg“ alle googlen muss, weil ihre vollen Namen und Positionen verschwiegen werden, ist ein Ärgernis. Wenigstens gilt der Applaus nach gelungener „Monitor“-Ausstrahlung der gesamten Crew. Barbara Schulz

„Mit eigenen Augen“ DE 2020 ( Regie: Miguel Müller-Frank. 110 Min., Start: 11.11. )

 

Missy Magazine 06/21, Filmrezis
© Camino Film

Mitra
Teheran, 1982. Haleh (Jasmin Tabatabai) erhält einen Anruf: Ihre Tochter Mitra (Dina Zarif) wurde hingerichtet. 2019 lebt Haleh als emeritierte Professorin in den Niederlanden. Die Folgen der iranischen Revolution von 1979 haben ihr Leben geprägt. Nun meint sie, die Frau ausfindig gemacht zu haben, die ihre politisch aktive Tochter damals verraten haben soll. Sie freundet sich mit ihr an, um Antworten zu finden und Rache zu üben. Dabei unterstützt sie ihr Bruder (Mohsen Namjoo). Autobiografisch inspiriert thematisiert Regisseur Kaweh Modiri die Auswirkungen iranischer Geschichte, die viele Menschen bis heute begleiten. Dabei stellt der Film wichtige Fragen nach dem Umgang mit Traumata, Vergangenheit und Gerechtigkeit. (Hinweis: Dem Schauspieler Mohsen Namjoo wird derzeit sexuelle Belästigung vorgeworfen.) Amina Aziz

„Mitra“ NL / DE / DK 2021 ( Regie: Kaweh Modiri. Mit: Jasmin Tabatabai, Mohsen Namjoo, Dina Zarif u. a., 107 Min., Start: 18.11. )

Diese Texte erschienen zuerst in Missy 06/21.

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