Oh mein Gott

Unsere Autorin erzählt, warum Katholizismus sie anturnt.

15.11.21 > Sex & Beziehung

Von Eva-Maria Tepest
Illustration: Zora Asse

Das prägendste erotische Bild meiner Pubertät ist eine Szene aus „The L Word“. Anno 1984 fahren Nonnen im Bus durch die Nacht, singen, schlafen und lesen das Buch „Lesbian Nuns“, um anschließend auf der Rückbank Sex zu haben. I am a sucker for Kink und Katholizismus – bis heute. Ich rufe „Oh mein Gott“, während ich komme, ich bitte Partnerinnen darum, mir von ihrer katholischen Mädchenschule zu erzählen, und checke Kirchen daraufhin ab, ob ich darin Sex haben könnte. Dabei war ich nie katholisch. In

einem Workshop voller Queers bekennen wir uns eine nach der anderen dazu, einen Marienanhänger oder ein Glitzerkreuz zu tragen. Und die „Vice“ rief den Trend des „postmodern Catholic schoolgirl“ aus. Steckt dahinter mehr als ein 1990er-Revival? Was können Abtreibungsverbote und gefeuerte schwule Priester mit queerer Befreiung zu tun haben?

Klar ist: Die katholische Kirche ist ziemlich scheiße. Nichtsdestotrotz bietet der Katholizismus eine Fundgrube an Kinkiness. Maria voll der Gnaden? Das Niederknien zum Empfang der Hostie? Der Exzess der katholischen Rituale und ihre wilde Symbolik schreien danach, libidinös angeeignet zu werden. Kein Wunder, dass das St.-Andrews-Kreuz und Priestergewänder ein fester Bestandteil der BDSM-Kultur sind. Sie verleihen dem, was pervers ist oder abseits der Norm liegt, Würde und Legitimität. Und sie schaffen einen sicheren Raum für die sexuelle Unterwerfung.

Missy Magazine 06/21, Sexkolumne
©Zora Asse

Denn was mich neben der katholischen Fülle anturnt, ist die Repression: Während der Islam sich viel mehr auf „wie leben“ fokussiert, predigt das Christentum die Verzichtsethik. Acht der zehn Gebote sind Verbote. Der Zusammenhang zwischen Sexualität und Religion bedeutet für mich ein lustvolles Spiel zwischen Geheimnis und Offenbarung. Jedes Coming-out fühlt sich für mich ein bisschen an wie eine Beichte. Im richtigen Moment meine Queerness zu enthüllen, kann sexy sein.
„Du darfst nicht kommen“, „Wir haben doch keine Zeit“, das Unanständige der Novizinnen – es sind äußere Grenzen und performative Verbote, die mich anturnen. Queerer Sex und lesbische Liebe scheinen in meinem Leben manchmal immer noch verboten (Hi, Teenagejahre in der katholischen Provinz!), obwohl ich so was wie eine öffentliche Lesbe bin. Mich für etwas schämen und es deswegen umso lieber machen – die Spannung zwischen Hemmung und Hingabe bringt mein Begehren auf den Punkt. Dieses Pendeln zwischen Scham und Lust möchte ich nicht einfach beseitigen, sondern nutzen.

„Wenn ich in die Nähe vom Katholizismus komme, fühle ich mich zugleich angezogen und fehl am Platz“, sagt die Autor*in Eileen Myles. Lesbischen Sex beschreibt Myles in „Chelsea Girls“ so: „Die erste Frau steckte ihren Kopf zwischen meine Beine und die vollkommene Sünde, der absolute Moment des Sex, kehrte zurück.“ Dass sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung in keiner Religion vorgesehen sind, verleiht Queerness etwas Heiliges.
So lasset uns dem Beispiel der Sisters of Perpetual Indulgence folgen, die den aidskranken schwulen Filmemacher Derek Jarman zu Lebzeiten selig sprachen. Lasset uns Maria und Martha von Bethanien gedenken, Jesu’ Vertraute, die als unverheiratete „Schwestern“ ihr Leben teilten. Lasset uns beten: Selig sind unsere queeren Heiligen, denn ihnen gehört das Erdreich

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/21.

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