Scheiß drauf!

In „Verlagswesen“ blickt Annette Köhn in äußerst unterhaltsamen Bildern hinter die Kulissen des Jaja Verlags.

15.11.21 > , Literatur & Comics

Von Sonja Eismann

Warum nicht mal eine Kloszene? Oder stattdessen: unbedingt eine Kloszene! Die Heldin des neuen Comics der Leiterin des Berliner Comicverlags Jaja, die wie ihre Schöpferin Annette Köhn heißt und einen Berliner Comicverlag namens, genau, Jaja, leitet, nimmt ihre Leser*innen mit hinter die Kulissen. Aufs Klo. „Ich wollte diese Kloszene unbedingt einbauen, weil Pipi-Machen in den meisten literarischen Werken oder in Filmen unrealistischerweise fehlt! Das ist doch bescheuert. Wir alle müssen mal …“, sagt Comic-Annette. Dann gerät im nächsten Panel ein Buch in den Blick mit dem Titel „Pups Popel Pipi Kack“, das irgendwo in der Klo-Biblio des Jaja Verlags verstaubt. Auch hier bleibt es autobiografisch, authentisch: Dieses Werk war die universitäre Abschlussarbeit der Comickünstlerin und Verlegerin Annette Köhn, die laut Sprechblasen „superschlecht benotet“ wurde.
Im Gespräch mit der „echten“ Annette Köhn, deren kleiner Ein-Frauen-Verlag sich im quirligen Nordneukölln befindet, zwischen Sonnenallee und Weserstraße,

erklärt sie mir, dass sie, die zuerst in Nürnberg und dann in Berlin Grafik studiert hat, damals tatsächlich fast durchgefallen wäre. Aber wie es im Comic – passend zum Örtchen – heißt, war auch da ihre Devise: „Scheiß drauf!“ Zehn Jahre ist Jaja gerade alt geworden, und um dieses Jubiläum zu feiern, hat die Chefin allen Fans und Neuentdecker*innen, aber im Grunde auch sich selbst, mit „Verlagswesen“ ein Geschenk gemacht. Dabei ist der Titel, ebenso spielerisch und offen, wie das gesamte Verlagsprogramm angelegt ist, durchaus wörtlich zu verstehen. Denn es geht in den liebevoll bunten, alterslosen Zeichnungen nicht nur darum, anschaulich, lustig und lebensnah zu verklickern, was in einem Comicverlag täglich so alles passiert und zu erledigen ist. Sondern es kullern beständig auch De-facto-Verlagswesen durchs Bild: knuffige, kleine, runde Kerlchen ganz in Weiß und ohne Arme, die sofort an die Mucklas bei „Pettersson und Findus“ oder an die Makkuro kurosuke bei „Mein Nachbar Totoro“ denken lassen – und die selbstverständlich nur Annette sehen kann. Sie stehen im beständigen Austausch mit der Chefin, regen sie zu Gedanken an, widersprechen auch mal, sind aber eher nicht von der anpackerischen Sorte. Das erledigt Köhn selbst, und getreu ihrem Scheiß- drauf-Motto passiert das in der Regel strictly DIY: „Ich bin stolz, dass ich in meinem ganzen Leben keinen Businessplan geschrieben habe“, verkündet sie im Interview schmunzelnd und verrät, dass sie in den ersten Jahren persönliche Rücklagen – Stichwort: Bausparvertrag – in den Verlag buttern und nebenher immer noch in anderen Jobs arbeiten musste.

Missy Magazine 06/21, Kulturstory, Scheiß drauf
© JaJa Verlag

Dank großer Erfolge wie Paulina Stulins 600-Seiten-Wälzer „Bei mir zuhause“ oder Büke Schwarz’ „Jein“, aber auch aufgrund des gestiegenen Interesses an vielfältigen Comic- geschichten in den letzten Jahren trägt sich das Unternehmen mittlerweile selbst und seine Leiterin kann davon leben. Gerade die Pandemie, die für Jaja, so wie für zahllose andere Kulturakteur*innen, durch den Wegfall von Live-Events und Messen extrem schmerzhaft war, brachte paradoxerweise letztendlich den finanziellen Durchbruch, denn währenddessen wurden so viele Comics wie nie bestellt. Die Bestellungen nehmen auch im Comic „Verlagswesen“ einen großen Teil der Story ein: Dauernd müssen Mails und Listen gecheckt, Rechnungen geschrieben, Sendungen verpackt und verschickt werden – und dass das nie dröge wird, liegt nicht nur an Annette Köhns leichtfüßigem, unterhaltsamem Erzählstil, sondern auch an einer sympathischen Ehrlichkeit. Von Beginn an wird transparent, dass ein Großteil der Aufgaben von der Praktikantin erledigt wird, mit der Annette – die auch im größten Chaos nie die Nerven verliert – auf Augenhöhe kooperiert. So lautet auch die augenzwinkernde Antwort auf die Frage, für welches Publikum der Comic mit seinem Metaebenenansatz konzipiert worden sei: „Für die jeweils neue Praktikantin! Den kann ich ihr in die Hand drücken und sie weiß gleich, was zu tun ist.“ Aus der Musenstube, wie der Jaja-Erdgeschossladen früher hieß, wurde in der Pandemie erstmalig ein richtiger Verlagssitz.

„Zum ersten Mal kann ich hier alleine schalten und walten und habe genug Platz für alle Bücher“, konstatiert Annette. Früher teilte sich die Comiczeichnerin mit anderen, den sogenannten „Musen“, den Arbeitsraum, und es sei schwer gewesen, dieses innige Nicht-nur- Arbeitsverhältnis zumindest örtlich aufzulösen. „Es gab auch ein paar Tränen“, erinnert sie sich, doch es sei, für ihre Konzentration und das beständige Wachstum des Verlags, das Beste gewesen. Dem Gewusel der „Musen“ wird mit dem Comic ein liebevolles Denkmal gesetzt, denn der gezeichnete Tag, um den es in der Geschichte geht, liegt ganz knapp vor dem finalen Ausbruch der Pandemie, die sich hier schon abzeichnet. Trotz allem herrscht in „Verlagswesen“ keine Untergangsstimmung.

Der Kollektivgedanke ist für Annette nach wie vor sehr wichtig – auch wenn ihr latenter Workalcoholism ihr manchmal zu sehr die Zeit für Freund*innen und Gruppen raubt. Die Stimmung ist freudig aufgeheizt, weil alle gemeinsam aufgeregt auf die bevorstehende DHL-Lieferung warten – das neueste Buch soll ankommen! Diese Begeisterung für gemalte Geschichten ist bei Köhn, die ihr Verlagsprogramm nach wie vor für Überraschungen offen halten möchte, aber immer stärker auch an politischen Fragestellungen ausrichtet, in jedem Panel, jeder Bubble, jeder Veröffentlichung greifbar. „Ich finde nach wie vor, dass die Kombination von Bildern und Texten einfach großartige Geschichten, großartige Kunst ergibt.“

Dass dieser Enthusiasmus honoriert wird, zeigen aktuell die Verleihung des Deutschen Verlagspreises 2021 sowie ihre Nominierung zum Berliner Verlagspreis. Und auch das mit der Abschlussarbeit hat sich zum Guten gewendet: „Neulich kommentierte bei Instagram der Professor, der meine Diplomarbeit betreut hat, dass der Verlagserfolg eine gute Revanche für mein verkacktes Diplom sei – und hat mir herzlich gratuliert.“

Annette Köhn „Verlagswesen“ –Jaja Verlag, 134 S., 23 Euro

Dieser Text erschien zuerst in Missy 06/21.

 

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