Seitennavigation Katze , Dossier,
Seitennavigation Menu IconMENU
Seitennavigation Search Icon

Begriffe essen

Ist an dem Vorwurf, Aktivist*innen kümmern sich mehr um korrekte Sprache als um ökonomische Themen, was dran?

14.03.22 > , Dossier,

Von Nelli Tügel

In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten habe ich sehr unterschiedliche Strukturen, Gruppen und Bündnisse kennengelernt, mein Interesse galt dabei immer sozialen und ökonomischen Themen: Streiksolidarität, gemeinsam am Picket stehen, Proteste gegen Sozialabbau und Hartz IV organisieren, Zusammenarbeit mit linken Betriebsgruppen. Im zurückliegenden Jahr habe ich drei Arten von aktivistischen Veranstaltungen miterlebt: Kiezteamtreffen der Kampagne „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“, die für die Sozialisierung von Wohnraum in Berlin kämpft; Onlinediskussionen mit US- amerikanischen Marxist*innen, die gerade in unterschiedlichen Streiks stecken; sowie Treffen von Arbeiter*innen des Lieferdiensts Gorillas und ihren Unterstützer*innen. Alle diese Treffen drehten sich um konkrete soziale Kämpfe. Und alle begannen mit einer Vorstellungsrunde, in der jede*r selbstverständlich auch sagte, ob bzw. welche Pronomen sie, er oder dey verwendet.

Pronomenrunden gab es früher nicht, genderinklusiv getextete Flugblätter auch nicht. Die Brot-und-Butter-Themen erhielten deshalb aber nicht mehr Aufmerksamkeit und hatten

keinen besseren Stand als heute. Ganz im Gegenteil: Dieser Aktivismus blieb in den späten 1990er- und den Nullerjahren meist randständig und leider auch erfolglos. Ein Wendepunkt war die Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2008, doch erst seit wenigen Jahren gibt es eine spürbare Rückkehr sozialer Fragen auch unter Aktivist*innen in der Bundesrepublik. Auch wenn die Kämpfe bislang nicht wirklich erfolgreich sind, mit Ausnahme einiger herausragender Kämpfe wie etwa der Berliner Krankenhausbewegung, ist das verglichen mit früher ein echter Fortschritt. In anderen Teilen der Welt wird diese Tendenz noch viel deutlicher. In den USA etwa gibt es ein Revival von Klassenkämpfen, in Lateinamerika gab es in den Jahren 2019 und 2020 soziale Revolten in Chile, Ecuador oder Kolumbien und riesige feministische Streiks am 08. März, ebenfalls in Chile und Mexiko, sowie erfolgreiche Proteste für reproduktive Rechte in Argentinien. Und: Die Protagonist*innen dieser neuen sozialen Bewegungen sind oft jene, denen auch eine inklusive, rücksich…