Im kognitiven Transit

In Lin Hierses Debüt „Wovon wir träumen“ geht eine junge Frau auf die Suche nach sich selbst.

14.03.22 > , Literatur & Comics

Von Silvia Silko

Eine Tochter zu sein, sagt die Erzählerin in diesem Buch, ist das Einzige im Leben, was sie sich nicht aussuchen kann. Egal, was sie tut, wohin sie geht – sie wird alles immer in Relation zur Mutter tun. Wo also fängt das individuelle Selbst an? Eine große Frage, die weitere große Fragen heraufbeschwört: Was ist denn überhaupt ein Selbst? Was ist Identität? Herkunft? Der eigene Lebensentwurf? Lin Hierses Heldin bleibt auf den 178

Seiten des Romans eine Suchende.

Wir treffen sie, als sie auf einem Berg im chinesischen Shaoxing ihre Großmutter beerdigt. Der Abschied von ihr ist gleichzeitig der Aufbruch in die eigene Geschichte – und natürlich die ihrer Mutter, die als junge Frau nach Deutschland kam. Auch sie suchend nach einem Ausweg aus dem Korsett chinesischer Ordnung. Die Tochter nun führt ein Leben im kognitiven Transit: Sie ist mal hier, mal woanders. Sie ist Chinesin, sie ist Deutsche. Sie beschreibt eigene Träume, beschreibt Träume ihrer Mutter, mal spricht sie in unwirklichen Sequenzen mit ihren Vorfahren, mal ist sie ganz unumstößlich in einer Gegenwart, die eine Auseinandersetzung verlangt.

Missy Magazine 02/22, Literaturaufmacher, Lin Hierse
© Amelie Kahn-Ackermann / Piper Verl…

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