Ewig Sommer
Im einst beliebten Kurort Bad Heim wütet ein Waldbrand, noch im Oktober ist es unerträglich
heiß, die Tourist*innen bleiben schon lange fern. Die Ich-Erzählerin Iris, Mitte dreißig, verharrt wider besseren Wissens im vom Großvater übernommenen Hotel. Doch „Ewig Sommer“ ist mehr als ein Klimaroman. Franziska Gänsler entfaltet die intensive Begegnung zweier Frauen. Als Dori mit ihrer kleinen Tochter eintrifft und um Unterkunft bittet, nimmt Iris sofort ihre Anspannung wahr. Auf vielschichtige Weise verwebt Gänsler ihre Themen. Es geht um eine toxische, manipulative Beziehung, auch von Mutterschaft wird erzählt, von Passivität versus Handeln, der Entscheidung zu gehen oder zu bleiben. Der entstehende Sog verdankt sich dem gekonnten Aufbau eines doppelten Spannungsbogens, der Bedrohung durch das näher rückende Feuer wie jener, der Dori ausgesetzt ist. Das kontrastiert Gänsler mit einer Gegenbewegung, der Annäherung der beiden Frauen: eine vage Liebesgeschichte, ein Aufleuchten mitten in der Katastrophe. Atmosphärisch dicht, sprachlich schön und genau. Carola Ebeling

Franziska Gänsler „Ewig Sommer“ ( Kein & Aber, 206 S., 23 Euro)

 

 

 

Rassismus, Sexismus und Klassenkampf
In 13 Essays räumt Angela Davis mit vielen Mythen auf, die zum Teil bis heute für rassistisches sowie geschlechter- und klassendiskriminierendes Verhalten instrumentalisiert werden. Die in Birmingham geborene Aktivistin, Philosophin und Autorin setzt sich seit den 1970er- Jahren für die Rechte von Schwarzen, insbesondere politischen Gefangenen in den USA ein. Zu Beginn klärt sie auf, dass die Abschaffung der Sklaverei in den USA nichts mit Nächstenliebe zu tun hatte, sondern rein politisch motiviert war. In weiteren Essays lernen wir außerdem, wie sich Hausarbeit als sexistisches Unterdrückungsmittel im Kapitalismus etabliert hat und dass der Mythos vom „Schwarzen Vergewaltiger“ bis heute Auswirkungen auf das US-Justizsystem hat. Je tiefer uns Angela Davis hineintauchen lässt in die Zusammenhänge, wie Kapitalismus von der Unterdrückung der Arbeiter*innenklasse sowie sexistischen und rassistischen Strukturen profitiert, umso schockierender die Erkenntnis: Bittere Wahrheiten, die mit Quellen von Ida B. Wells über W. E. B. Du Bois bis Lenin belegt sind, werfen alles, was im Geschichtsunterricht in der Schule gelehrt wird, über den Haufen. Eine Frau mit großem Kampfgeist führt uns hinaus aus der Mythenwelt hin zu mehr Verantwortung, uns den bestehenden Strukturen der Ungleichbehandlung zu widersetzen. Carina Scherer

Angela Davis „Rassismus, Sexismus und Klassenkampf“ ( Aus dem Englischen von Erika Stöppler. Unrast, 248 S., 16 Euro )

 

 

 

Orwells Rosen
George Orwell kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg, schrieb „1984“ und „Animal Farm“. Nicht so bekannt ist, dass er gärtnerte und 1936 drei Rosenbüsche pflanzte. Seine Freude an Blumen ist kaum überliefert, denn das passt nicht so gut ins traditionelle Bild des stets auf den Kampf oder seinen Intellekt fokussierten linken Mannes. Und genau deswegen interessiert sich Rebecca Solnit, der wir den schönen Essay „Wenn Männer mir die Welt erklären“ verdanken, für Orwell. Oder genauer: für ihn und seine Rosen. Außerdem führt sie uns in ihrem frisch übersetzten Buch in die Gewächshäuser der kolumbianischen Rosenindustrie, die den internationalen Massenmarkt mit pestizidgetränkten Blüten flutet. Es geht zudem um Blumenrabatten der britischen Oberschicht und ihre Überseeplantagen voller Zuckerrohr, um stalinistische Saatgutpolitik oder Arbeiter*innen, die nicht nur Überleben, sondern Spaß und Entfaltungsmöglichkeiten forderten – „Brot und Rosen“. Diesem Slogan widmet Solnit ein ganzes Kapitel. Immer leicht lesbar durch verschiedene Themen mäandernd, entfalten sieben ineinander verflochtene Essays die weltweite Verflechtung von Pflanzen und Ausbeutungsverhältnissen. Und sie erkunden eine Lebensfreude, ein unangepasstes Alltagsglück (z. B. im Garten), das in vielen Politik- und Kampfkonzepten fehlt, abgewertet oder geleugnet wird. Sabine Rohlf

Rebecca Solnit „Orwells Rosen“ ( Aus dem Englischen von Michaela Grabinger. Rowohlt, 353 S., 24 Euro )

 

 

 

People Person
Cyril Pennigton ist DJ und Busfahrer und liebt es, in seinem goldglänzenden Jeep London unsicher zu machen, während Reggae aus den Lautsprechern seines Autos dröhnt. Außerdem ist er Vater von fünf Kindern, die er mit unterschiedlichen Frauen gezeugt hat. Denn Frauen für sich zu gewinnen, ist eine seiner großen Leidenschaften. Als Mensch läuft Cyril blauäugig durchs Leben, dass er Vater geworden ist, erkennt er zwar an, aber Verantwortung übernimmt er nicht. Dass seine Kinder miteinander aufwachsen oder gar voneinander wissen, ist keine Priorität Cyrils, bis er eines Tages den Drang verspürt, sie aufeinandertreffen zu lassen. Zwar lernen die fünf sich nur beiläufig kennen, doch wird dieses Zusammentreffen Jahre später ein prägender Berührungspunkt für die Beziehung der Geschwister sein, als ein Zwischenfall ihre Leben ins Wanken bringt. Nach ihrem Debütroman „Queenie“ schafft Candice Carty-Williams erneut eine Welt, deren Szenen sich in Bildern vor den eigenen Augen abspielen. CCW meistert es gekonnt, dramatische Schicksalsschläge mit Humor abzuhandeln, während greifbare Charaktere geschaffen werden, in denen wir uns wiederfinden können. „People Person“ verhandelt mit Empathie für die Lebensrealitäten der Schwarzen Protagonist*innen, was Familie ausmachen kann, die Ironie des Lebens, Selbstfindung und Akzeptanz. Bestenfalls Taschentücher bereithalten, wenn Daddy Issues dich ebenfalls heimsuchen sollten. Shireen Broszies

Candice Carty-Williams „People Person“ ( Aus dem Englischen von Henriette Zeltner-Shane. Blumenbar, 430 S.,24 Euro )

 

 

 

Kummer aller Art
„Kummer aller Art“ ist ein Sammelband, der aus einer Kolumne in „Psychologie Heute“ entstand. Das neue Werk von Mariana Leky handelt vom Kummer ihrer Mitmenschen, von Ängsten, Alltagssorgen und von der Liebe. Zart und klug wirft Leky einen Blick auf Menschen verschiedenen Alters in einer westlichen Welt des 21. Jahrhunderts. Die Buchszenen spielen sich im Alltag der Autorin ab: im Aufzug, in der Arztpraxis, beim Bäcker – überall dort, wo eine lesende Person sich selbst aufhalten könnte. Leky nimmt leidenschaftlich am Leben ihrer Mitmenschen teil und wechselt beobachtend zwischen den Rollen der
Tochter, Tante, Freundin, Mutter und Nachbarin. Wir lernen Zwangsstörungen, psychosomatische Leiden
oder Nachbarschaftskonflikte kennen. Dabei verzichtet Leky gänzlich auf Lösungsansätze. Somit ist „Kummer aller Art“ ein feinfühliges Sammelsurium an Mutmachgeschichten ohne Selbsthilfecharakter. Schade, dass vor allem der Kummer von heteronormativen Mittelständler*innen beschrieben wird – die Enttabuisierung von psychischem Leiden sticht dagegen besonders positiv hervor. Durch den Kolumnencharakter ist „Kummer aller Art“ das perfekte Buch für U-Bahn-Fahrten, Warteschleifen oder Mittagspausen, aus denen man ermutigt und schmunzelnd in den eigenen Alltag und zum eigenen Kummer zurückkehren kann. Vanessa Sonnenfroh

Mariana Leky „Kummer aller Art“ ( DuMont, 176 S., 22 Euro )

 

 

 

Marlow im Sand
Es ist alles ein bisschen seltsam in diesem Roman. Eine Sci-Fi-Welt, in der man Faxe verschickt. Einsame Menschen tauchen auf und wieder ab – ohne dass die Leser*innen immer erfahren, woher sie kamen, wohin sie gingen. Hauptfigur China trifft sie an Orten wie Fähren, Beerdigungen, Wüsten oder Cafés, in denen die Gäste liegen. China, eine
Agentin des Ministeriums für Innere Sicherheit, ist auf der Suche. Vorrangig nach einer vermissten Person,
aber auch nach Halt, nach Sinn, nach irgendwas, was sie selbst nicht genau weiß. Sie lässt sich treiben und nennt es Bauchgefühl. Das Seltsamste in dieser Welt aber: Wer Zuneigung, gar Liebe verspürt, vererbt der geschätzten Person irgendwas von sich. Narben, Leberflecken, Augenfarbe. Quasi Verwandtschaft durch emotionale Nähe. Nur manche sind da irgendwie gestört und erben nichts. Autorin Charlotte Krafft erzählt in ihrem Debütroman „Marlow im Sand“ eine Geschichte, die sich nicht so richtig einordnen lässt, Utopie wie Dystopie ist, Liebesgeschichte wie Krimi, Roadtrip wie Fabel. Das ist manchmal eher verwirrend als mitreißend und auch etwas weniger witzig, als man von der Mitgründerin der Rich Kids Of Literature und Autorin des abseitigen Erzählbands „Die Palmen am Strand von Acapulco, sie nicken“ erwartet hätte. Dennoch steckt „Marlow im Sand“ voller interessanter Ideen und Gedanken über die Seltsamkeit des Lebens. Juliane Streich

Charlotte Krafft „Marlow im Sand“ ( Korbinian Verlag, 200 S., 22 Euro )

 

 

 

 

So forsch, so furchtlos
Der Debütroman der 27-jährigen Andrea Abreu wurde im spanischen Raum bereits viel gefeiert, jetzt ist er erstmals auf Deutsch erschienen. In „So forsch, so furchtlos“ erzählt die namenlose Protagonistin von dem Sommer, den sie zwischen Kindheit und Jugend mit ihrer besten Freundin Isora in deren Heimatdorf auf Teneriffa verbringt. Isora ist hierbei all das, was die Erzählerin gerne sein möchte: selbstbewusst, beliebt, mutig, wild. Durch ihre Beziehung zu Isora durchlebt die Protagonistin die schmerzhaften Grenzen zwischen Liebe und Hass, zwischen Bewunderung und Neid. Gemeinsam erkunden – und verdrängen – die Mädchen ihr emotionales und körperliches Verlangen, begleitet von Essstörungen, Schönheitsidealen und sexualisierten Übergriffen, die die Teenagerinnen noch nicht einordnen können. Sprachlich nennt Abreu die Dinge beim Namen, sie kennt keine Tabus. Teils fühlt sich das zu gewollt provokant an, z.B. wenn Isora in jedem Satz „Shit“ sagt und es immer wieder um Fäkalien geht. Trotzdem trifft „So forsch, so furchtlos“ einen Nerv: Die schwierige Zeit des Erwachsenwerdens inklusive der ambivalenten Gefühle zur besten Freundin werden schmerzhaft realistisch dargestellt. Abreu macht es Leser*innen leicht, mit der Erzählerin mitzufühlen – und mitzuleiden. Lena Mändlen

Andrea Abreu „So forsch, so furchtlos“ ( Aus dem Spanischen von Christiane Quandt. Kiepenheuer & Witsch, 192 S., 20 Euro )

 

 

 

Die Sonne, so strahlend und Schwarz
Chantal-Fleur Sandjon schreibt ziemlich vielseitig. Bisher hat die Ernährungs- und Kommunikationswissenschaftlerin vor allem Koch- und Sachbücher veröffentlicht. Seit einigen Jahren co-leitet sie das Kinderliteraturprojekt DRIN (Diversität. Repräsentation. Inklusion. Normkritik.) des Goethe-Instituts Finnland und begleitet Projekte, die sich mit diversitätsgerechter Kinderliteratur und marginalisierten Perspektiven in der Kinderbuchbranche beschäftigen. Darüber hinaus arbeitet sie als Diversity-Trainerin, ist Spoken-Word- Künstlerin und leitet post- koloniale Stadtrundgänge in Berlin. „Die Sonne, so strahlend und Schwarz“ ist somit keineswegs ihr literarisches Debüt, aber es fühlt sich auch für sie ein bisschen wie ein solches an. Wie sie im Nachwort festhält: Es sei ihr erstes fiktives Werk, bei dem sie nicht vor sich selbst und ihren Themen weggerannt ist – eine bislang unerzählte Geschichte. Kraftvoll und poetisch schreibt Sandjon in diesem temporeichen Versroman an gegen häusliche Gewalt und rassistische Polizeigewalt, es geht aber auch um Freund*innenschaft, Familienzusammenhalt, Resilienz, um Rollkunstlauf, erstes Verliebtsein und Begehren und um queere Ahn*innen, die Hauptfigur Nova gerne auf T-Shirts mit sich herumträgt. Herausgekommen ist ein eindrucksvoller und außergewöhnlicher Coming-of-Age-Roman, der trotz der vielen Themen nicht überladen wirkt. Er manifestiert Chantal-Fleur Sandjon als unglaublich starke, Schwarze und queere Stimme in der deutschsprachigen Jugendliteratur. Carla Heher

Chantal-Fleur Sandjon „Die Sonne, so strahlend und Schwarz“ ( Thienemann, 348 S., 17 Euro, ab 14 Jahren )

 

 

 

MTTR
Teresa ist schwanger, Mitte, Ende dreißig, in fester heterosexueller Beziehung lebend, alles gesellschaftlich erwünscht so weit. Trotzdem gleicht ihre Mutterwerdung den kuscheligen Bildern, die von dieser Phase des Lebens gerne gezeichnet werden, wenig. Da sind Teresas kalte Eltern, die sie als Kind geschlagen haben und auch zu ihrer erwachsenen Tochter keine gleichberechtigte Beziehung aufbauen können. Da sind die übergriffigen Schwiegereltern und ihre merkwürdigen Tipps zum Leben mit Neugeborenen („Unser Sohn hat ja gleich durchgeschlafen“). Da ist das subtil bis offen gewalttätige Personal im Kreißsaal und auf der Wöchnerinnenstation. In abgehackter, protokollarischer Sprache, die an frühe Werke Marlene Streeruwitz’ erinnert, erzählt die Journalistin und Autorin Julia Friese die Geschichte in drei Trimestern vom Schwangerschaftstest bis zum ersten Arbeitstag nach der Elternzeit. Dabei stellt sie eine Frage, die seltsamerweise noch gar nicht so oft literarisch behandelt wurde: Wie ist die Generation der sogenannten Millennials noch von der Erziehung durch die Nazis geprägt, durch ihre in der Nachkriegszeit sozialisierten Eltern? In seiner Ansammlung von Gewaltmomenten des Alltags liest sich das teilweise etwas grotesk überhöht – und so, als hätte es 1968 erziehungstechnisch in Deutschland nie gegeben. Gleichzeitig aber eben auch: ziemlich realistisch. Anna Mayrhauser

Julia Friese „MTTR“ ( Wallstein Verlag, 421 S., 25 Euro )

 

 

 

Violeta
Von Spanischer Grippe zu Corona erzählt Isabel Allende in „Violeta“ die Lebensgeschichte ihrer Titelheldin. Sie streift feministische Kämpfe der letzten hundert Jahre und widmet sich den Mustern gewaltvoller Beziehungen und toxischer Männlichkeit. Bei den Charakteren stoßen wir auf Abhängigkeiten und selbstverletzende Verhaltensmuster, manchmal finden wir sie im Kontext unerwiderter Lieben, ein andermal sind harte Drogen das Gift der Wahl und es geht um die Hinnahme von Manipulation und körperlicher Misshandlung. Eine der großen Stärken des Werks ist Allendes schnörkellose Ungerührtheit im Benennen harter und grausamer Geschehnisse, denen sie ihre Brutalität lässt, ohne sie verbal zu reproduzieren. Wie in ihrem gefeierten Erstling „Das Geisterhaus“ erfahren wir die jüngere Geschichte Chiles aus der Perspektive des rechtswählenden Bürgertums. Dabei handelt es sich nicht um ein Geschichtsbuch, sondern um eine behutsame Geschichte projizierter Wünsche, Liebe(n) und Nähe in unterschiedlichen Phasen des Lebens und des Wachsens der Hauptfigur. „Ich begreife es selbst nicht mehr, denn mit der Zeit erinnert man sich nur noch an die Vorgänge, und die Gefühle sind wie ausgelöscht“, lautet einer der stärksten Sätze des Romans. Während sich jedoch in „Das Geisterhaus“ auch die Negativcharaktere durch starke Ambivalenz auszeichneten, wirken die Hauptfiguren in „Violeta“ schablonenhafter. Dafür gibt es für alle, die „Das Geisterhaus“ gelesen oder den Film gesehen haben, mehr als nur einen versteckten Querverweis. Yala Pierenkemper

Isabel Allende „Violeta“ ( Aus dem Spanischen von Svenja Becker.
Suhrkamp, 400 S., 26 Euro )

 

 

Liebe und das Gegenteil
Kurzgeschichten und Gedichte über Liebe, Sexualität und alles, was dazugehört – klingt erst mal nach einem ganz gewöhnlichen Inhalt. Und doch ist Lina Klöppers Buch besonders, denn im Mittelpunkt stehen vor allem weibliche und queere Personen mit ihren Erfahrungen. Da ist z.B. Kira, die sich gegenüber ihrer Freundin und bisherigen Sexualpartnerin Theresa als asexuell outet. Drama und Herzschmerz? Nein, Theresa ist interessiert und möchte Kira verstehen und ihre Grenzen achten. Nicht immer haben die Erzählungen und Gedichte ein gutes Ende. Oft handeln sie auch von den Erfahrungen, die die meisten weiblichen und queeren Leser*innen kennen dürften: nicht in gesellschaftliche Schubladen zu passen, die Angst, nachts alleine nach Hause zu gehen, aber auch Herzschmerz. Der Wechsel aus Gedichten und spannend geschriebenen Kurzgeschichten sowie Zeichnungen sorgt ebenso wie die Mischung aus lustigen, schönen, aber auch traurigen und bedrückenden Inhalten für eine abwechslungsreiche Leseerfahrung. Sie zeigen den Leser*innen: Du bist nicht alleine, es gibt auch andere Lebensentwürfe jenseits von Reihenhaus und Kleinfamilie. Lisa-Marie Davies 

Lina Klöpper „Liebe und das Gegenteil“ ( Brimborium Verlag, 268 S., 16 Euro )

 

 

 

Corregidora
Wenn ich an Blues denke, denke ich nicht nur an Trauer, ich denke an eine Ambiguität von Gefühlen, die koexistieren können. Ich denke an den Schmerz und die Emanzipation Schwarzer Menschen und die Gewalt, die uns widerfahren ist und Teil von uns bleiben wird. Gayl Jones’ Roman, 1975 erstmals erschienen, ist ein Blues-Roman, der die Geschichte von generationsübergreifenden Traumata aus Sicht der Protagonistin Ursa erzählt. Ihre Familiengeschichte ist geprägt von dem Sexsklavenhalter Corregidora, der Vater von Ursas Oma und Mutter ist, und dem Vermächtnis der Corregidora-Frauen, „Generationen zu machen“, um Schwarzes Leben zu konservieren und die Geschichte dieser Leben nie unvergessen werden zu lassen. Die Erzählung springt von Dialogen in der Gegenwart über Träume hin zu Erinnerungen. Gayl Jones zeigt, wie Verhältnisse sich ändern können, Menschen sich aber dennoch im Kreislauf der Gewalt gefangen sehen. Dieses Buch könnte auf mehreren Ebenen triggering sein und das nicht bloß, weil das Erbe der Sklaverei Narben hinterlässt: Sexuelle Gewalt wird explizit verhandelt und an einigen Stellen wurde diskriminierungsbeladene Sprache übernommen. Shireen Broszies

Gayl Jones „Corregidora“( Aus dem Englischen von Pieke Biermann. Kanon Verlag, 224 S., 23 Euro )

 

 

 

Eine beiläufige Entscheidung
Ein Junge, der die Frau, die ihn aufgezogen hat, als Mutter sieht und dennoch unter der Leerstelle seiner biologischen Mutter leidet. Und eine Frau, die ihr Baby, als es immerzu schreit und nicht schläft, zurücklässt, obgleich sie es liebt. Maren Wursters drittes Werk ist ein eindrücklicher neuer Beitrag zu „Regretting Motherhood“. Bis auf eine Andeutung liefert der Roman keine psychologische Erklärung. Nichtsdestotrotz zeigt die nacheinander und doch geschickt verzahnt erzählte Geschichte von Lena und Konrad nicht nur, was es mit einem Kind macht, von der Mutter verlassen zu werden. Sondern auch, welche Faktoren zum Bereuen von Mutterschaft führen können. Bei der Lektüre bekommt das Wort „mutterseelenallein“ einen neuen Beigeschmack. Schließlich entzieht sich auch Konrads Vater: Erst lässt Robert Lena mit der Fürsorge für das Baby allein, dann eine andere Frau die Care-Arbeit übernehmen. Doch „vaterseelenallein“ gibt es nicht. Väter können sich der Ausübung ihrer Rolle ungeächtet verweigern. Dass Mütter die Mutterschaft ablehnen, ihr Kind gar verlassen, bleibt tabu. Maren Wursters „Eine beiläufige Entscheidung“ macht erfahrbar, welch Dilemma bereuende Mutterschaft für alle Beteiligten ist. Eva- Lena Lörzer

Maren Wurster „Eine beiläufige Entscheidung“ ( Hanser Berlin, 160 S., 22 Euro )

 

 

 

Queering Psychoanalysis
Lange Zeit war die Psychoanalyse heteronormativ und diskriminierend gegenüber queeren Identitäten und homosexuellem Begehren. In Theorie und Praxis herrscht wenig Bewusstsein für die durch sie fortgeschriebenen patriarchalen Diskurse. Aber eine Dekonstruktion ist im Gange, und der Sammelband „Queering Psychoanalysis“ liefert einen Meilenstein. 17 Autor*innen hinterfragen in kenntnisreichen Beiträgen die ideologischen, normierenden und pathologisierenden Vorannahmen der Psychoanalyse, denken queerfeministische Ansätze, schütteln Freud heftig durch, entfernen den Phallus und rekonzeptualisieren Begehrenstheorien jenseits von Mangel, Ganzheitswunsch und binärer Komplementarität. Auch trans Perspektiven fehlen nicht. Alle Beiträge lesen sich überaus spannend. Es finden sich Fallbeispiele, bedrückende Schilderungen, verblüffende Neuausrichtungen. Der Sammelband bietet konstruktive Lesarten der Psychoanalyse durch das Prisma von Queer-Theorien. Schließlich haben beide – so vermitteln es die Herausgeberinnen – als geteiltes Anliegen die Dekonstruktion herkömmlicher Vorstellungen. Der Band sollte als Standardwerk zu jeder psychologischen Grundausbildung gehören. Daniela Chmelik

Esther Hutfless & Barbara Zach (Hg.) „Queering Psychoanalysis. Psychoanalyse und Queer Theory – Transdisziplinäre Verschränkungen“ ( edition assemblage, 642 S., 38 Euro )

 

 

Abgrund
Die achtjährige Claudia verbringt viel Zeit allein. Ihr Vater leitet einen Supermarkt und ihre Mutter liegt meist auf dem Bett und blättert in Zeitschriften. Sie beginnt gerade, die Welt zu verstehen, da verliebt sich ihre Mutter – auf der Suche nach einem glamourösen Leben – unglücklich in ihren Schwager und wird alkoholabhängig. Was das mit ihrem Vater macht, weiß Claudia nicht. Denn er schweigt die meiste Zeit. Auf ihre Fragen antwortet er zwar tröstend, aber wenig beruhigend. Dabei macht Claudia sich Sorgen: Wie geht es der Mutter? Wird sie vielleicht sterben, so wie andere Erwachsene, die Claudias Eltern nahestanden? Und was steht in den Zeitschriften, die sie oft liest? Die Beobachtungen, die Claudia in der Welt der Erwachsenen
macht, lassen sie zu ganz eigenen Antworten kommen. Der Roman gehört zu den meistgelesenen der letzten
Jahre in Kolumbien. Der kindlich-naive Blick und die eingängige Sprache als Stilmittel zeichnen das Buch aus. Dies steht im Kontrast zu dem, was beschrieben wird: nämlich Abgründe der Gesellschaft – sei es der tyrannische Großvater oder ungeklärte Selbstmorde. Lisa-Marie Davies

Pilar Quintana „Abgrund“ ( Aus dem Spanischen von Mayela Gerhardt. Aufbau, 245 S., 22 Euro )

Diese Texte erschienen zuerst in Missy 05/22.