Zugemüllt mit Erwartungen

Alleinsein hat keinen guten Ruf. Warum sollte man sich trotzdem die Freiheit, allein zu sein, zurückerobern?

Interview: Rosen Ferreira mit Sarah Diehl

Dein Buch heißt „Die Freiheit, allein zu sein – Eine Ermutigung“. An wen richtet sich diese Ermutigung?
Sarah Diehl: Das Buch richtet sich an alle, doch vor allem an jene, für die Alleinsein mit Scham besetzt ist und die sich das deswegen nicht herausnehmen. Dezidiert gilt diese Ermutigung aber auch Frauen, weil es ihnen immer noch schwerer gemacht wird, allein zu sein. Frauen werden nicht in Ruhe gelassen. Sie sollen da sein als Fürsorgearbeiterin, Mutter, Pflegende, auch sexuell für den Mann. Darüber erhalten Frauen Anerkennung. Ihnen wird Angst gemacht vor dem Alleinsein, z.B. dass sie nicht allein reisen sollen. „Wenn dir dann was passiert, selbst schuld.“ Eine ganz perfide Lüge des Patriarchats ist ja zu vermitteln, dass Frauen in der Familie geschützt sind und draußen in der Welt ungeschützt. Statistisch gesehen ist es tatsächlich umgekehrt.

Unterscheidest du „Alleinsein“ und „Einsamkeit“, und wenn ja, wie?
Persönlich mache ich keinen großen Unterschied zwischen den Begriffen. Ich nutze beide. Historisch gesehen hat es sowieso immer wieder gewechselt, welcher Begriff positiv,

welcher negativ besetzt war. Vor zweihundert Jahren wurde Einsamkeit eher positiv verstanden, als ein religiöses und philosophisches Ideal. Alleinsein aber bedeutete eher: „Du bist verlassen“, in gewisser Weise schutzlos. Den krankmachenden, negativen Aspekt des Alleinseins würde ich jedoch davon absetzen und ihn als „soziale Isolation“ bezeichnen.

Missy Magazine 01/23, Dossier forever alone, Text: zugefüllt mit Erwartungen, Foto: © Csilla Klenyanszki,
© Csilla Klenyanszki

Du schreibst an einer Stelle: „Eine Welt, die aber nur auf Effizienz (die Effizienz, die nur funktionieren kann, wenn Frauen die nicht effiziente Arbeit zu Hause machen) aus ist, produziert I…