Ein Loblied auf den Streik

Aktuell erleben wir in Deutschland die größte Streikwelle seit Jahren. Dabei geht es um uns alle.

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Franziska Heinisch, geboren 1999, ist in Hagen am Rande des Ruhrgebiets aufgewachsen. Als sie noch dort lebte, wollte sie Profifußballerin werden. Jetzt ist sie Autorin und Aktivistin an der Schnittstelle zwischen Klima- und Arbeitskämpfen. Sie hat die Organisation Justice is Global mitgegründet. Diese will mit Methoden des transformativen Organizings stärkere Allianzen zwischen der Klimabewegung und den Beschäftigten in fossilen Industrien aufbauen. Franziska schreibt über Klimakrise, Kapitalismus, Arbeitskämpfe und Feminismus - immer mit sozialistischem Ausblick. 2021 erschien ihr Buch „Wir haben keine Wahl. Ein Manifest gegen das Aufgeben". Sie lebt in Berlin.

class, mate von Franziska Heinisch

Mittwoch, 05 Uhr morgens. Ich stehe an einem Streikposten vor einem Krankenhaus im Ruhrgebiet, das seit dreißig Jahren zum ersten Mal wieder streikt. Die wenigsten, die hier arbeiten, haben diese Erfahrung schon einmal gemacht. Dementsprechend verhalten und aufgeregt ist am Anfang die Stimmung. Schließlich gewinnt das Selbstbewusstsein und mit ihm folgt die Klarheit: Das geht, wir können das machen, einfach so, besser noch: Wir haben ein Recht darauf.

Im Oktober habe ich auf einen heißen Herbst gehofft, in dem wir nicht hinnehmen, dass wir diejenigen sind, die wieder einmal für diese Krise zahlen. Er schien gerade erst tragisch-milde verklungen. Und plötzlich befinden wir uns inmitten der größten Streikwelle seit Jahren mit dem vollen Programm.

Aktuell spitzen sich die Streiks im öffentlichen Dienst zu, in dem mehrere Millionen Beschäftigte täglich das öffentliche Leben am Laufen halten. Von der Müllentsorgung und dem ÖPNV bis hin zu Krankenhäusern und Kitas: Sie alle streiken für mehr Geld. Weil sie draufzahlen, jeden Tag, wenn die Preise steigen, aber die Löhne gleichbleiben. Weil ohne sie nichts geht. Und weil ihre Arbeit so wenig – zu wenig – gesehen und anerkannt wird. Auch die Beschäftigten bei der Deutschen Post kämpf(t)en dafür, ihren gerechten Anteil am Gewinn des Konzerns zu erhalten. Die Streikenden sind dabei nicht allein auf sich gestellt: Am 03. März streikten Klimabewegung und ÖPNV-Beschäftigte gemeinsam und am 08. März, dem feministischen Kampftag, streikten die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst gemeinsam mit feministischen Gruppen. Sie alle fordern mehr Geld – eben so viel, wie es fürs Leben braucht.

Ihre Streikmacht ist Rückenwind für uns alle. Denn diese Streikwelle ist auch eine ernsthafte Auseinandersetzung um Verteilungsfragen in dieser Gesellschaft. Es geht um mehr Lohn, aber es geht auch um den gesellschaftlichen Wert bestimmter Arbeiten – und die Aufrechterhaltung öffentlicher Infrastruktur, die allen zugutekommt.

Streiks sind Hoffnungsschimmer. Das hat mindestens zwei Gründe. Zum einen treffen Kämpfe für eine gute öffentliche Versorgung aufeinander. Es geht um Investitionen in ein öffentliches Gesundheitssystem, in für alle bezahlbare und nutzbare Infrastruktur, in Kindergärten und Schulen oder in eine gute Altersversorgung. Solche Kämpfe treffen den Kern der kapitalistischen Gesellschaft: den Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Zum anderen gibt es da diese Magie des Streiks, die oft genug berührend, doch vor allem machtvoll ist.

© Viki Mladenovski

Der Kapitalismus zieht seinen Profit aus der menschlichen Arbeitskraft. Ohne Arbeiter*innen gibt es keinen Profit. Doch diese Arbeitskraft kommt nicht ganz ohne Bedingungen – schließlich benötigen die, die ihre Arbeitskraft tagtäglich für einen Lohn verkaufen, solche Dinge wie Nahrung, Wohnung, Gesundheitsversorgung und so weiter. Damit überhaupt Arbeitskraft verfügbar ist, die sich angemessen ausbeuten lässt, müssen bestimmte Grundbedürfnisse erfüllt sein (Reproduktion und so). Diese Grundbedürfnisse zu erfüllen, knabbert am Profit. Und als wäre das noch nicht genug, kommen dann hin und wieder diejenigen mit der Arbeitskraft auf die Idee, sie hätten möglicherweise doch mehr als nur das Nötigste verdient, womöglich hätten alle mehr verdient. Dann klaffen die Widersprüche weit auf. Denn das „Mehr“ mindert den Profit. Klassenkämpfe derer, die gesellschaftliche Reproduktionsarbeit in Form von Lohnarbeit leisten – sei es in Krankenhäusern, Schulen oder Kitas –, sind in besonderer Form auch gesellschaftliche Auseinandersetzungen darum, wie Reproduktion in der kapitalistischen Gesellschaft strukturiert und organisiert wird. Dabei geht es nicht nur um die Beschäftigten in entsprechenden Bereichen – es geht um uns alle.

Aber kommen wir zurück zum Gefühligen: zur Magie des Streiks.

Streiks sind mehr als nur der Kampf um mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen. Im Streik erheben Menschen den Anspruch, dass ihre Arbeit mehr wert und dass der normale Gang der Dinge nicht in Ordnung, ja sogar in höchstem Maße ungerecht ist. Sie begreifen, dass sie sich das nicht gefallen lassen müssen und es sogar bestärkend sein kann, sich dagegen zu wehren. In Streiks fangen Beschäftigte an, ihre Geschichten miteinander zu teilen – von Ohnmacht und Frust, Hoffnung und Sehnsucht. Und sie machen Schritte, ihre eigene Geschichte zu schreiben. Teams wachsen zusammen und beginnen, Machtverhältnisse in ihrem Arbeitsalltag umzukehren – durch den Druck der Mehrheit. So formt der Streik nicht nur den eigenen Lohn, sondern wirft auch die Frage auf, wer eigentlich worüber und warum entscheidet und ob das für immer so bleiben muss. Die Antwort auf Letzteres ist: nein. Aber zu dieser Erkenntnis kommen die allermeisten eben nicht durch abstrakte Erklärungen, sondern durch die konkrete Erfahrung. Streiks formen insofern Räume des Erfahrungsaufbaus, der Widerständigkeit, der Kollektivität. Und der Sehnsucht danach, wie es sein könnte.

Derselbe Betrieb, zwei Wochen später, der mittlerweile zweite Streik vieler Kolleg*innen: Eine Pflegekraft unter ihnen tritt jetzt auf die Bühne der großen Streikkundgebung. Zehntausend Streikende sind an diesem Tag zusammengekommen und stehen vor ihr, ihre Hände zittern, die Stimme nur ein wenig. „Dass ich so etwas mal machen würde, hätte ich nicht gedacht“, sagt sie und geht zum Mikro, eine Handvoll ihrer Kolleg*innen zur Unterstützung im Rücken. Und dann beginnt sie zu erzählen – warum sie in ihrem Beruf arbeitet, wie sich die Bedingungen verschlechtert haben und was sie und ihre Kolleg*innen jetzt dagegen tun können. Sie endet mit: „Alles ist teurer geworden – wir auch.“

Ja, denke ich, sie auch. Zum Glück.