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All She Can Eat: Nachtrag zu Julia Wertz

Ein Beitrag zur Zeichnerin Julia Wertz, den vor ein paar Tagen hier im Blog veröffentlicht habe, hat für viel Ärger und kritische Kommentare gesorgt. Ich hatte Wertz um einen Gesprächstermin gebeten, um über sie zu schreiben. Sie antwortete mir, dass sie ungern persönlich über sich spricht und lieber per Email interviewt werden will und ich …

04.10.14 >

Ein Beitrag zur Zeichnerin Julia Wertz, den vor ein paar Tagen hier im Blog veröffentlicht habe, hat für viel Ärger und kritische Kommentare gesorgt. Ich hatte Wertz um einen Gesprächstermin gebeten, um über sie zu schreiben. Sie antwortete mir, dass sie ungern persönlich über sich spricht und lieber per Email interviewt werden will und ich hatte daraufhin – ebenfalls per Mail – weiterhin versucht, sie von einem Treffen zu überzeugen und dann diesen Beitrag darüber geschrieben. Damit hätte ich sie bedrängt und das urfeministische Prinzip „Nein heisst Nein“ missachtet, schrieben KritikerInnen auf Twitter und anderswo im Netz.

Danke erst mal für die vielen kritischen Rückmeldungen. Ich hatte das Format des Blogs im Blick, für das ich Gesprächspartnerinnen zum Essen treffen wollte und dachte in dem Moment, es sei in Ordnung, Julia Wertz weitere Optionen für ein Treffen vorzuschlagen, mit denen sie sich wohler gefühlt hätte. Aber ich sehe jetzt, dass ich mich in meiner Einschätzung grob geirrt habe. Julia Wertz ist einfach sehr introvertiert und sie hat versucht, mir das in ihren Antworten freundlich zu erklären. Ich hätte ihren Wunsch respektieren und die von ihr gesteckten Grenzen achten sollen, statt zu versuchen, sie von etwas anderem zu überzeugen – und dann über sie zu schreiben.

Dafür habe ich mich bei ihr entschuldigt, wie sich das gehört. Ich möchte den Menschen, über die ich schreibe, im Anschluss guten Gewissens begegnen können und das hätte ich in diesem Fall sonst nicht gekonnt.

Was einige noch mehr aufgebracht hat als der ursprüngliche Beitrag war meine Reaktion darauf im Netz oder genauer: dass ich nicht sofort darauf reagiert habe, die Kommentare unter dem Beitrag gesperrt habe und mich auf keine Diskussion via Twitter einlassen wollte. Ich versuche mal zu erklären, woran das lag, auch wenn das nicht ganz einfach ist.

Ich schätze Kritik an meiner Arbeit und versuche sie mit so offenen Ohren wie möglich zu hören, einzuarbeiten, darauf zu reagieren. Das ist sehr viel schwieriger für mich geworden, seit sich in unseren aktivistischen Zirkeln eine „call out culture“ etabliert hat, die sehr schnell zu sehr hohen Wellen von Entrüstung und persönlichen Angriffen gegen diejenigen führt, die aus Ignoranz oder Achtlosigkeit Regeln missachtet, einen falschen Ausdruck verwendet, oder sich anderer „Vergehen schuldig“ machen.

Diese Dynamik verbreitet Angst innerhalb unserer eigenen Community, weil jede fürchten muss, für irgendeine unbeabsichtigte Ignoranz als nächste im Auge des Sturms zu landen und sozial geächtet zu werden. Zu unreflektiert, zu wenig radikal, keine „gute“ Feministin. Ich habe verfolgt wie sich das in der Vergangenheit in anderen Fällen hochgeschaukelt hat und das war der Grund weswegen ich die Kritik nicht in Echtzeit öffentlich auf Twitter und anderswo im Netz diskutieren wollte.

Das war alles andere als ideal und ja, es wäre besser gewesen, schneller öffentlich zu reagieren. Aber ich brauchte Zeit, um die Kritik zu verarbeiten und Zeit ist etwas, das die Twitter-Jury bekanntlich nicht grosszügig bewilligt. Und der Eindruck dort vor einem ganzen Tribunal vorsprechen zu müssen, das darüber entscheidet, ob ich – oder noch schlimmer: Missy, für das ich ja Mitverantwortung trage – also, ob wir noch würdig sind, uns feministisch nennen zu dürfen … nun ja.

Um ganz klar zu sein: Ich plädiere nicht für „geeinte Reihen“. Es ist gut, wenn wir uns gegenseitig auf unsere temporäre Ignoranz hinweisen – auch öffentlich. Es macht uns besser und schärft unsere Sicht. Aber wie wir das tun, sagt viel über uns aus.

Danke besonders an all die also, die wohlwollend geblieben sind – auch wenn sie das hier Mist fanden und mir so sagten.

  • Pingback: All She Can Eat: Keine Pizza mit Julia Wertz | Missy Magazine()

  • Pingback: Die schmerzhaften Debatten unter Feministinnen | Aus Liebe zur Freiheit()

  • lovisdh

    hallo missys, hallo chris köver,
    ich finde es nicht so toll, dass ihr den ursprünglichen artikel einfach so stehen lassen habt, ohne in irgend einer weise deutlich zu machen, dass und in welcher form es kritik daran gab (diesen nachtrag hier musste ich suchen). das signalisiert uns nämlich, dass ihr zu hundert prozent hinter dem artikel steht, so wie er da steht.
    ausserdem wäre es viel wichtiger gewesen, sich bei julia wertz zu entschuldigen als bei den leserinnen. denn julia wertz ist die person, deren wünsche ignoriert und die bedrängt wurde.

  • Chris

    Liebe Lovedish. Vielen Dank für deinen Kommentar. Ich kann deinen Unmut verstehen, dass der Beitrag nach wie vor online ist. Wir haben diskutiert ihn offline zu nehmen. Das Problem ist: was im Netz einmal online war, verschwindet nie mehr so wirklich. Daher haben wir uns dafür entschieden, den Beitrag online zu lassen, damit der ursprüngliche Aufhänger weiterhin klar ist, und mit einem Hinweis zu versehen: In der ersten Zeile steht jetzt: „An alle Neu-LeserInnen: Ich habe hier einen Nachtrag zu diesem Beitrag und den Reaktionen darauf geschrieben.“ Bei Julia Wertz haben wir uns natürlich auch entschuldigt – noch bevor dieser Post hier online ging.

  • lovisdh

    hallo missys, hallo chris

    vielleicht muss ich deutlichere worte verwenden: der artikel „All She Can Eat: Keine Pizza mit Julia Wertz“ ist die beschreibung einer grenzverletzung.
    wenn euer magazin die beschreibung einer grenzverletzung aus der sicht der täterin* stehenlässt, ist euer magazin solidarisch mit täterInnen*.

    von uneinsichtigen typen kennen wir die ausrede „ironisch gemeint“, wenn wir uns darüber aufregen, wenn unkritisch und gleichgültig bis verherrlichend über übergriffe geschrieben wird.

    ich kann hier „grenzverletzung“ und „übergriff“ verwenden, da julia wertz eindeutig über das verhalten und den text von chris köver wütend war, es als „missachtung ihrer sehr klaren wünsche“ bezeichnet und das auch deutlich gemacht hat: auf ihrer webseite beschreibt sie den vorfall aus ihrer sicht [laiInnen*haft übersetzt von mir; hinweis: „crazy“(verrückt) wird als schimpfwort benutzt, das ist able-istisch]:
    „about a journalist’s attempts to get me to meet up in person“ (über die versuche einer journalistin, mich zu einem persönlichen treffen zu überreden)
    „I politely declined“ (ich lehnte freundlich ab)
    „I offered an email interview instead“ (ich bot statt dessen ein email-interview an)
    „My offer was rebuffed“ (mein angebot wurde abgewiesen)
    „she continuously emailed me“…“pestering [me]“ (sie mailte mir andauernd… belästigte mich)
    „She showed up at a reading“ (sie tauchte bei einer meiner lesungen auf)
    „we talked briefly but I’d already told her I couldn’t talk long that night“ (wir redeten kurz, ich hatte ihr jedoch schon gesagt, dass ich an diesem abend nicht lange reden konnte)
    „she wrote a crazy article about basically stalking me and not taking no for an answer“ (sie schrieb einen crazy artikel darüber, wie sie mich im grunde stalkte und mein nein nicht akzeptierte)
    „she expressed confusion over how I could be unwilling to discuss my personal life with her, a stranger, yet appear very social and talkative at the reading“ (sie zeigte verwirrung angesichts der tatsache dass ich nicht mit einer fremden über mein privatleben diskutieren wollte, aber bei der lesung sozial kompetent und gesprächig erscheinen konnte)
    „The worst part was that she copy/pasted my emails verbatim without my permission“(der schlimmste teil war, dass sie ohne meine erlaubnis meine mails wörtlich in ihrem artikel veröffentlichte)
    „her disregard for my very clear requests“ (ihre missachtung meiner sehr klaren wünsche)

    es ist ja eigentlich nicht so, dass wir das nicht schon gewusst hätten – der artikel von chris köver beschreibt genau dies aus täterInnen*perspektive.

    wie mensch die widmung „to asshole“(für arschloch) nicht als anregung, das eigene verhalten zu reflektieren ansehen kann ist mir ein rätsel.

    also nochmal: eure weigerung, diesen artikel aus dem kontext der „normalen“ artikel zu entfernen und woandershin zu setzen – vorschlag: in eine neue sparte: „missy-fails – wir entschuldigen uns“,
    lässt das missy magazine leider unangenehm täterInnen-entschuldigend und übergriffe-verharmlosend dastehen.

    lovisdh (nicht lovedish)

  • Chris Köver

    Hallo lovisdh.

    Danke für deinen Vorschlag und dass du dir die Zeit nimmst mir und uns deine Kritik an dem Beitrag und unseren Umgang damit zu schreiben. Der Beitrag fällt für mich definitiv in die Kategorie „fail“. Falls das aus dem ursprünglichen Statement nicht deutlich genug hervorgeht, wiederhole ich es hier gerne noch mal: Das war ein Fail. In erster Linie mein Fail, weil mein Beitrag. Im größeren und indirekt auch der Fail von Missy, weil ich hier darüber schreibe und für Missy stehe. Dass Julia Wertz über den Text wütend war und sich durch mich bedrängt gefühlt hat, ist für mich ein sehr deutlicher Hinweis, dass es ein „Fail“ war.

    Deinen Vorschlag, das deutlicher zu kennzeichnen, finde ich gut und werde es mit den anderen diskutieren.

  • Liriana

    Liebe Missy Redaktion

    Ich stosse spät zu dieser Diskussion, schliesse mich aber Lovisdhs Forderung an, den ersten Artikel zumindest nicht unkommentiert so stehen zu lassen – das was jetzt dort steht, den Hinweis auf den zweiten Artikel, reicht nicht – Denn was dieser als witzig verkaufte Stalkerbericht genau in der Missy verloren hat ist mir schleierhaft und daran ändert auch dieser zweite Text nichts, da sich die Autorin auch mit keinem Wort entschuldigt und weder ihre übergriffige Handlung noch ihre selbstherrliche Inszenierung dessen in Frage stellt. Was sie aber dringend sollte. Und v.a. sollte sich Missy klar davon distanzieren.

    Liebe Grüsse, Liriana


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