Old is the New Gold

Die Modeindustrie hat den Glamour älterer Frauen für sich entdeckt. Aber wie befreiend ist das und für wen?

Von Sonja Eismann

Die Schauspielerin Charlotte Rampling lässt sich mit 63 nackt für Marc Jacobs fotografieren. Die Schriftstellerin Joan Didion, 80 Jahre alt, wirbt mit cooler schwarzer Sonnenbrille für Céline. Iris Apfel ist mit Mitte 90 vor allem eins: eine Fashion-Ikone. Ältere Frauen, bis vor Kurzem meist unsichtbar gemacht, sind die neuen Lieblinge der Mode­industrie. Was ist denn auf einmal in der sonst von Jugendlichkeit so besessenen Fashionbranche los?

Avancierte Stil-Ikone Iris Apfel, der eine ganze Dokumentation gewidmet wurde © Babylon
Avancierte Stil-Ikone Iris Apfel, der eine ganze Dokumentation gewidmet wurde © Babylon

„Kleidung spielt eine wichtige Rolle im Prozess des Sichtbarwerdens, des selbstbewussten Einnehmens von sozialem und kulturellem Raum“, schreibt die englische Soziologieprofessorin Julia Twigg in der Einleitung ihres Buchs „Fashion and Age“. In ihrer Untersuchung mit dem Untertitel „Dress, the Body and Later Life“, in der sie sich mit einem gegenderten Alterungsprozess und dessen Auswirkungen auf unser Modeverständnis beschäftigt, führt sie weiter aus: „Dies ist besonders signifikant im Alter, wenn Frauen feststellen, dass sie kulturell unsichtbar werden, nicht mehr gesehen oder wahrgenommen werden. Diese Erfahrung steht im Kontrast zu jener der Jugend, wenn Frauen sich und ihre Körper mitunter als hypersichtbar empfinden, auf erdrückende Weise definiert von einem omnipräsenten männlichen Blick.“ Die Herausforderung für ältere Frauen bestehe darin, schreibt Twigg, innerhalb dieses Blickregimes überhaupt gesehen zu werden.

Unzählige Autorinnen haben bereits auf die unterdrückerische Doppelmoral hingewiesen, die Männer irgendwann freundlich zu „Best Agers“ oder gar zu „Silver Foxes“ erklärt, Frauen aber, wie Susan Sontag 1979 in ihrem Essay „The Double Standard of Aging“ hervorhob, mit Widerwillen und Scham erfülle, weil Attraktivität, die stets mit Jugendlichkeit gleichgesetzt werde, in ihrem Leben so viel mehr zähle als in jenem der Männer.

Aktuelle Modeentwicklungen scheinen jedoch eine ganz andere Sprache zu sprechen. Seit der US-amerikanische Blogger Ari Seth Cohen 2010 damit begann, als Hommage an den Look seiner Oma für seinen Street ­Style Blog „Advanced Style“ ältere Stilvorbilder zu fotografieren, nahm auch eine breitere Öffentlichkeit Notiz davon, dass Älterwerden nicht automatisch bedeutet, sich hinter formlosen Outfits in gedeckten Farben zu verstecken. Fröhliche alte Damen mit unkaschierten Runzeln bevölkern nun nicht mehr nur Blogs, sondern auch die Seiten etablierter Modemagazine. Etwa die New Yorker Interior-Designerin Iris Apfel, deren knallbunt exzentrischer, oft ans Exotistische grenzender Modesammlung das Metropolitan Museum of Art eine Ausstellung widmete und die gerade auch zur Protagonistin des Dokumentarfilms „Iris“ von Albert Maysles wurde.

iris_finish27x40_halfsizeMissy Magazine verlost 3 x 2 Freikarten für die Deutschlandpremiere von „Iris“, die während der Mercedes Benz Fashion Week am 17. Januar im BABYLON Berlin stattfindet. Tickets gibt es hier. Wer am Gewinnspiel teilnehmen und die Dokumentation sehen will, schickt bis zum 14. Januar um 15 Uhr eine E-Mail mit dem Begriff „Iris“ an verlosung(at)missy-mag(punkt)de.

Vivienne Westwood, mit Mitte 70 selbst für einen nicht gerade alterszahmen Kleidungsstil bekannt, zeigte ihre Mode am 50-plus-Model Leslie Winer. Das britische Kaufhaus Selfridges staffierte Anfang des Jahres seine Schaufenster mit „Bright Old Things“, also Fotos von älteren Kreativen, aus. Ein britischer Sender produzierte die Doku „Fabulous Fashionistas“ über 80-jährige Mode­fans und die „Daily Mail“ betonte mit Bildvergleichen zwischen Schauspielerinnen wie Helen Mirren und Elizabeth Banks, dass heute Showroben an 60-jährigen mindestens genauso gut wie an 40-jährigen Frauen aussähen. Die Grenze zwischen alt und jung umschreibt Julia Twigg mit dem Begriff „Age Ordering“. Sie sei genauso identitätsprägend wie die Faktoren Gender oder Race, werde aber viel weniger thematisiert – und sie wird immer durchlässiger. Eine Studie hat beispielsweise gezeigt, dass Frauen über 50 sich heute im Schnitt 16 Jahre jünger fühlen, als es in ihrem Pass steht, sodass sich ältere Generationen mit ihren Fashionvorlieben altersmäßig deutlich nach unten orientieren. Was zu dem Befund passt, dass sich Mode heute, nach dem in den 1950ern beginnenden Siegeszug von globalen Jugendkulturen, Prêt-à-porter und später Fast Fashion, ganz klar an Jugendlichkeitsidealen ausrichtet und nicht mehr an der reifen, Couture tragenden Ehefrau des 19. Jahrhunderts.

Aber auch in die umgekehrte Richtung gibt es Beeinflussungen: So waberten Styling-Tipps zum silbrig gefärbten – oder mitunter auch echt grauen – „Granny Hair“ dieses Frühjahr durch die Mainstreampresse, im Internet finden sich zahllose Einträge und Fotos zu Begriffen wie „Spinster Style“ (also in etwa „Altjungfernstil“), und die Entwürfe der französischen Designerin Fanny Karst, die ihre manchmal am Stock gehenden Models unter dem Motto „Old Ladies Rebellion“ in lässigen Statementgewändern mit Aufschriften wie „Old is the New Gold“ über die Bühne flanieren lässt, sind auch für jüngere Frauen äußerst begehrenswert.

Immer wieder wird betont, dass in Zeiten demografischen Wandels und gesteigerter Lebenserwartung vor allem die Älteren über mehr Vermögen verfügten und deswegen gerade für Luxuslabels als Zielgruppe interessant wären – während die sehr jungen Frauen, an deren Körpern die Kollektionen nach wie vor meist zu sehen sind, als Gruppe kaum die hohen Preise für Designerware berappen könnten. Doch, abseits dieser dem Big Fashion Business inhärenten wirtschaftlichen Kalkulationen und dem Schielen auf den Freak-Faktor-Novelty-Effekt, muss man sich innerhalb all der Euphorie über die neue Altersdurchlässigkeit auch fragen: Welche Körper sind es eigentlich, die wir als selbstbewusste Alte vorgeführt bekommen, und welche Vorstellungen von Mode schwingen dabei mit?

Die Frauen, die wie die Pariser Stilikone Inès de la Fressange mit fast 60 noch modeln und für ihre zeitlose Eleganz bewundert werden, gehen meist mit den gängigen Vorstellungen von weiblicher Schönheit konform: Sie haben ebenmäßige Züge, sind schlank und weiß. Das Zelebrieren älterer Modeikonen entbindet Frauen also nicht vom Zwang, ihr körperliches Erscheinungsbild zu kontrollieren. Auch die stilistischen Optionen sind bei Weitem nicht so vielfältig, wie man zunächst glauben möchte: Die Begeisterung für den „avancierten Stil“ entzündet sich generell an nostalgischen Projektionen zu einem damenhaften Retrostyle (mit Spitzenhandschuhen und Hüten beispielsweise), an schriller Exzentrik, die dem Vorurteil, ältere Frauen hätten keinen Mut zur farbenfrohen Auffälligkeit, entgegentritt, oder an der vermeintlichen „Erwachsenheit“ classy-klassischer Looks.

Was aber ist mit den Frauen, die all die Anleitungen in Modemags und -blogs, wie man sich in welchem Lebensjahrzehnt zu kleiden habe, in den Wind schießen und sich altersmäßig völlig „inadäquat“ kleiden? Beispielsweise in enthüllender Kleidung, die die Alterungsprozesse des Körpers und vielleicht gar seine erotisierten Zonen sichtbar macht? Von diesen Frauen ist nie die Rede, weil stillschweigend davon ausgegangen wird, dass kein weibliches Wesen ab einem gewissen Alter Interesse daran haben könnte, sich in dieser Weise sichtbar zu machen. Oder was ist mit den älteren weiblichen Modefans, die, wie die „Guardian“-Modebloggerin mit dem passenden Namen „Invisible Woman“, durch den Alterungsprozess und Menopause hervorgerufene körperliche Veränderungen zur Kenntnis nehmen, aber keine schicken Klamotten finden, die dem Rechnung tragen würden? Auch wenn es Zeit wurde, dass das Bild der desexualisierten, an weltlichen Dingen wie Mode desinteressierten Omi als dominante Schablone für Frauen ab einem gewissen Alter abgeschafft wurde, gilt es doch noch, viele Einschränkungen aufzuschnüren. Denn nicht alle Frauen, die sich im Alter für Style interessieren, sind dünne weiße Damen mit einem Faible und vor allem dem Portemonnaie für teure Klamotten. Also her mit den dicken, krummen, queeren, Schwarzen, Secondhand-, DIY- oder Subkultur-Styles liebenden Fashion-Granarchists!

Dieser Text erschien zuerst in Missy 03/15. 


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