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Germany’s next Gynäkologie­patientin

In Zeiten der Selbstoptimierung und Low-Carb-Scheiße ist nicht die Wampe das Problem, sondern die Ärztin.

06.03.16 > Körper

Von Margarete Stokowski

Der Moment, in dem man halbnackt vom Untersuchungsstuhl der Frauenärztin klettert, ist nicht unbedingt der, in dem man blöde Kommentare hören will. Es war morgens um kurz nach acht, Routineuntersuchung. Meine Frauenärztin sah mich an, wie ich meinen Schlüpper wieder anzog, und fragte: „Sagen Sie mal, wie viel wiegen Sie eigentlich?“ Wusste ich nicht. Also wurde ich gemessen und gewogen und dann sagte meine Frauenärztin: „Ich habe heute leider kein Foto für dich.“ Nein, kleiner Scherz. Sie sagte: „Tja, Frau Stokowski, damit haben Sie ja schon leichtes Übergewicht, und das muss mit 27 ja auch nicht sein, ne?“

© Rina H. / photocase.de
© Rina H. / photocase.de

Ich hätte so viel sagen können. Ich hätte ihr erzählen können, dass ich kurz vor Abgabe meiner Masterarbeit stand. Dass ich den ganzen beschissenen Sommer am Schreibtisch verbracht hatte, und dass ich andere Probleme hatte als mein Gewicht. Ich hätte ihr auch erzählen können, dass ich solche Probleme tatsächlich mal hatte, früher. Vor zehn Jahren, als ich – wie ich jetzt ziemlich genau weiß – 25 Kilo weniger wog als jetzt, bei gleicher Größe. Damals waren 40 Kilo die Horror-Obergrenze, die ich nie erreichen wollte. Ich hätte meiner Frauenärztin auch den Spruch an den Kopf werfen können, den meine Freundin A. in solchen Fällen sagt: „Das ist meine Wampe, du Opfer.“ Ich hätte meine Klamotten gleich wieder ausziehen können und laut „I Am The Walrus“ von den Beatles singen können und dazu tanzen.

Stattdessen sagte ich nur „äh“, und die Frauenärztin gab mir einen Tipp: „Sie sollten einfach mal fünf Kilo abnehmen. Essen Sie weniger Weißbrot, weniger Fleisch.“ Ich esse fast nie Weißbrot, und Fleisch habe ich seit 13 Jahren nicht mehr gegessen. Aber vor allem: Mein Körper ist auch in einer Arztpraxis immer noch mein Körper. Solange ich gesund bin, steht es weder einer Frauenärztin – die inzwischen übrigens auch nicht mehr meine Frauenärztin ist – noch sonst irgendwem zu, mir Ernährungstipps zu geben, um die ich nie gebeten habe.

Es sagt viel aus über diese Frauenärztin – und unsere Zeit –, dass ihr gar nicht einfiel zu fragen, ob ich mit meinem Gewicht unzufrieden bin. Sie hätte fragen können, ob es mich stört, dass ich zugenommen habe. Nein, es stört mich nicht. Ich finde sogar, es fetzt. In einer Zeit, in der Selbstoptimierung und Low-Carb-Scheiße im Trend sind, bin ich froh über meine Wampe.

In einer Welt, in der ich auch schon mal ganz anders auf Schönheitsideale und Kommentare von außen reagiert habe, ist mein Körper eine Demo. Er passt zu mir, er soll so sein. Und ohne dass ich eine medizinische Ausbildung habe, weiß ich doch, dass Stress und mangelnde Selbstliebe sich auf die Gesundheit doch um einiges beschissener auswirken als Himbeertorte. Diättipps sind toll für Leute, die abnehmen wollen oder aus gesundheitlichen Gründen wirklich müssen. Und dann nach solchen Tipps fragen. Allen anderen Menschen muss man sie nicht geben. So einfach ist es.

  • Frenchguy

    Wenn mir eine Ärztin sagt, ich sei entweder zu dick oder zu dünn,dann ich würde es mir zu Herzen nehmen und nicht vor Empörung platzen. Gewicht hat nun einmal viel mit der Gesundheit zu tun.

  • dasnuf

    Hallo Frenchguy, ich bin Psychologin und gebe den Rat, an Empathievermögen und den mathematischen Fähigkeiten zu arbeiten. Ein Gewicht von 40 + 25 als zu dick zu empfinden, kann keine seriösen gesundheitlichen Bedenken als Hintergrund haben. Und jetzt bitte nicht vor Empörung platzen.

  • Max

    Hallo dasnuf,
    Ich finde es unangemessen Ferndiagnosen zu stellen, das erscheint mir unprofessionell.
    Um gesundheitliche Bedenken zu rechtfertigen, bräuchten wir genauere Zahlen.

  • Nadja

    Was fehlt denn an Infos? Steht doch im Artikel, dass die Verfasserin zehn Jahre vorher 25 kg weniger wog und 40 kg als zu viel empfand.
    Und wer dieses heutige Gewicht als zu viel empfindet, sollte dringend einen Arzt konsultieren.

  • Rilanja

    Dass das Gewicht etwas mit der Gesundheit zu tun hat, ist ein Mythos. Wichtiger als das Gewicht ist doch, wie fit ein Mensch ist. Es gibt dicke Menschen, die sehr viel fitter sind als dünne Menschen.
    Beides, Gesundheit und Fitness, sagen aber gar nichts darüber aus, ob sich ein Mensch auch wohlfühlt! Und ich meine das wäre das allerwichtigste – ganz subjektives Wohlfühlen, ohne sich die Maßstäbe anderer aufzwingen zu lassen. Auf den eigenen Körper hören. Der teilt einem dann schon mit, wann die Wampe zu groß ist.

  • Jessica

    es geht doch nicht darum, was hier disgnostisch Phase ist, es geht um das „wie“. Ob eine Frauenärztin ungefragt auch schon leichtes, erst starkes oder in keinem Fall ein mögliches Übergewicht kommentieren sollte, wenn das nicht der Vorstellungsgrund der Patientin war, ist die eine Frage, da scheiden sich vielleicht die medizinischen Geister. Aber in jedem Fall kann man das behutsamer ansprechen, sondieren, ob die Patienten dazu überhaupt beraten werden will, und, wenn man schon pauschale Ernährungstipps austeilt, vielleicht erst nachfragen, wie die aktuelle Ernährung ist. Bei Zeitmangel lieber die ganze Nummer einfach lassen. Sonst ist es nichts als grenzüberschreitend.

  • Maurice

    Ja genau, es ist supergesund, wenn du übergewichtig bist, aber dennoch fit! Das viszerale Fett, das deine Organe einengt spielt überhaupt keine Rolle!
    Ich finde diesen „Wohlfühlkult“ eindeutig schlimmer als den, Fitness- bzw. „Schönheitskult“. Aber jedem das seine. Solange alle Menschen, mit denen ich in Kontakt stehe lange und gesund leben können die anderen sich verrotten lassen.

  • Melina Mühli Pequena

    Ganz klar: Hier fehlt die Info, wie groß die Frau ist.
    Eine 1,55m kleine Frau hat nun mal mit 65 kg Übergewicht. Das ist zwar nicht dramatisch, aber auch nicht sonderlich gesund.
    Auch ein abgemagerter Mensch mag sich „wohlfühlen“. Das mag gut für seine Psyche sein, für den Körper eher weniger.
    Ich finde es richtig, dass ein Arzt so etwas anspricht. Aber natürlich kommt es auf das Wie an.

  • Rilanja

    Nun, da ich weiblichen Geschlechts bin, habe ich eher mit Hüftspeck als mit Bauchfett zu kämpfen. Und ich würde mal sagen so lange man nicht mit 300 Kilo ans Bett gefesselt ist und nur mit einem Kran aus der Wohnung gehoben werden kann, „verrottet“ man nicht vor sich hin. Eine erschreckend despektierliche Terminologie hast du dir da angeeignet, wenn du von Menschen sprichst.

  • Hubert Wombat

    #teamwampe <3

    Was für ne Dreckskackärztin.

  • 1. Ärztin war/ist kacke.
    2. Leider nicht die einzige. Ärzte sind auch nur Menschen mit Meinungen, die einfach so tun, als hätten sie Ahnung. Das können sie gut, und das ist mir und meiner Wampe, die ich nicht ganz so gerne habe wie Du Deine, auch schon sehr sehr oft passiert.

    3. Lowcarb ist nicht scheiße, sondern für manche Menschen (so wie mich) der einzige Weg aus Blutzucker-Berg-und-Talfahrten und der Weg zu Körperakzeptanz. Ja, da fühle ich mich persönlich angegriffen und mit oberflächlichen High Carb Vegans a la Freelee in einen Topf geworfen.

    4. Wo ist das Problem mit Selbstoptimierung? Sein bestes Selbst zu sein ist jetzt also auch nicht mehr okay?
    5. Ist nicht das, was Dich ärgert, und das zu Recht, der Versuch von Fremdoptimierung durch Fatshaming, das sich als medizinische Besorgnis zu verkleiden versucht.

    6. Du machst das pseudomedizinische Fatshaming nicht ungeschehen, indem Du andere runtermachst.

  • Ed DaHein

    Ist mir passiert, ich war noch keine 20!
    Der Gyn frug mich, ob ich als Sportstudentin denn nicht Angst habe, dass der Barren unter mir zusammen bricht.
    Außerdem bemerkte er, dass ich ja schon gar keine Gesichtszüge mehr hätte (vor lauter Fett).
    Ich hab mich so geschämt und bin nie wieder zu diesem Gyn gegangen.

  • Hanna Laun

    Oh ja, vor ein paar Jahren hab ich zu hören bekommen, dass ich eigentlich nur von Nüssen und Oliven leben sollte, weil ich Übergewicht habe. Mein BMI war völlig in Ordnung, Gewicht war nie mein Problem, sondern zu wenig Selbstbewusstsein. Und von allen unqualifizierten Blödsinnskommentaren war das doch einer, der herausstach. Schäm dich Frau Dr. MEINEMEINUNGISTGESETZ.

  • catsan

    Das ist ein gefährlicher Unsinn.
    Erstens: Die Gewebezusammensetzung wird hier vollkommen ignoriert.
    Zweitens: Würdest du das auch bei einem Mann sagen? Nein? Wieso nicht? Ach soooo, bei Männern sind das Muskeln und OK, bei Frauen ist das immer „Übergewicht“. Deswegen haben Frauen Angst davor, Muskeln zu kriegen beim Sport – die Zahl auf der Waage und die Sekkierei steigt.

    Drittens: Wassereinlagerungen werden komplett ignoriert – die sind zyklisch bedingt und kommen bei frauentypischen Mangelernährungen oft vor.
    Viertens: Wo sagt die Zahl aus, wo das Fett ist? Es ist ja hoffentlich bekannt, dass Fett im Körperinnern, um die Organe herum gefährlich ist und außen unter der Haut nicht. Warum wird das ignoriert?
    Fünftens: Gefährlich verfetten kann man auch mit zahlenmäßig Normal- und Untergewicht – weil es diesen Unterschied gibt, an den ich in viertens erinnere.
    Sechstens: Das wissen Gyns und Hausärzte meistens alles auch nicht, also wieso sollte es sollte Kommentare bei der GYN rechtfertigen ohne komplette Anamnese?

  • catsan

    Ich habe das Gefühl, Ärzt_Innen sind heutzutage wahnsinnig inkompetent, halten sich aber für kompetent, weil sie ja das Studium und den Turnusdienst geschafft haben.
    Das hier ist ein Beispiel dafür. Eine Meinung aussprechen ohne eine richtige Anamnese? Sie hat nicht einmal geschaut, was Unterhautfett ist, was Muskeln, wie hoch der Wasseranteil ist etc.? Dann sollte sie so rein medizinisch gesehen die Klappe halten müssen.

    Mir ist das übrigens auch mal passiert, als ich 65 kg hatte. Der Arzt war selbst ziemlich übergewichtig, ein Genussmensch halt.

  • Mar

    Um die Autorin hier ein bisschen zu verteidigen, ich glaube nicht, dass sie einzelne Menschen angreifen wollte, die Low Carb machen oder sich irgendwie selbst optimieren wollen. Sondern den gesellschaftlichen Diskurs dahinter, der allen, die nicht ihre Freizeit und Energie der ewigen Selbstoptimierung, ob nun mit Yoga, Meditation, diversen Diäten oder was auch immer opfern (neue Sachen, auf die du _unbedingt_ achten solltest, um _bewusst_ zu leben und dich zu ernähren, kommen ja eh ständig dazu), tendenziell ein schlechtes Gewissen einredet.

  • Jaaa, weiß ich ja.
    Mich buzzt das eben einfach an, weil ich als nicht so ganz gesunde Dicke gar nicht so wirklich die Wahl habe, man aber gerne „Low Carb“ im Netz als Synonym für „freundloses Leben ohne Nudeln und Brot“ benutzt – was mir dann wiederum suggeriert, mein Leben sei freudlos – und eben im Artikel zusätzlich noch Scheiße.
    Und ich bin ja grundsätzlich total dabei und der Meinung, dass auch Ärzte eben nicht das Recht haben, ungefragt Diättips auszuteilen, vor allem noch bei Gewicht, das im Rahmen ist.
    Ich find’s zwar auch nicht gut, wenn mir ein Arzt mit meinem Gewicht kommt (ist ja nicht so als würde ich das freiwillig mit mir rumschleppen), aber 40 Kilo zu viel sind halt was anderes als 20 Kilo zu viel.
    Und deswegen schrieb ich auch den Kommentar, denn der Blickwinkel von Normalgewichtigen, denen halt nach der Himbeertorte nur ein bisschen der Hosenbund kneift, ist ein völlig anderer als der eines massiv Übergewichtigen Menschen.
    Da fühl ich mich quasi doppelt angegriffen, von der blöden Ärztin, die Margarete ungefragte Diättips gibt, und Margarete, weil sie, mit Sicherheit unbedacht, meine Bemühungen, ein gesundes Leben zu führen, als oberflächliche Lifestyleoptimierungsscheiße abtut.
    Ich wurde übrigens auch schonmal von einer Ärztin gefatshamed. Und dann ge-lowcarb-shamed.
    Hab ich mal hier verwurstet.
    http://knitterfee.de/2015/10/13/ivficsi-und-die-sache-mit-dem-lchf/

  • Frenchguy

    Milchmädchenrechnung nennt man deine Rechnung vielleicht auf deutsch ? denn bei einem BMI verteilen sich die Kilos unter anderem auf die Größe. Da hier eine Ärztin von Übergewicht redet, wird die Dame wohl auch Übergewicht haben :-)

  • Frenchguy

    Being wem ist es denn ein Mythos? Zumindest nicht bei Ärzten oder der Statistik.

  • Frenchguy

    Bei dem Gewicht kann man schon eine Fettleber bekommen, das ist nicht unbedenklich! Wie soll ein Arzt denn helfen, wenn er so etwas nicht mehr sagen darf?


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