Wie wird Erinnern möglich?

Sylvia Köchl arbeitet in ihrem Buch die Geschichte der „Berufsverbrecherinnen“ im KZ Ravensbrück auf.

Von Vina Yun

Viel ist zu den unterschiedlichen Gruppen, die vom NS-Regime verfolgt, in KZs interniert und ermordet wurden, geforscht worden. Über die sogenannten „Berufsverbrecherinnen“ ist jedoch bislang kaum etwas bekannt. Ihnen widmet sich Sylvia Köchl, Politikwissenschaftlerin und Journalistin in Wien, in diesem Buch, dessen Titel dem „Gewohnheitsverbrechergesetz“  von 1941 entstammt. Er war gleichsam der Leitgedanke der Justizpolitik im Nationalsozialismus, dem eine „Volksgemeinschaft ohne Verbrecher*innen“ vorschwebte und der in diesem Zusammenhang die „vorbeugende Verbrechensbekämpfung“ etablierte.

© Wikimedia Commons/ho visto nina volare/CC BY-SA 2.0
© Wikimedia Commons/ho visto nina volare/CC BY-SA 2.0

Mittels neuartiger Methoden, die heute „Standard“ sind – Social Profiling, systematische Datenerfassungen und -sammlungen, moderne Spurenanalysen, Überwachung u. Ä. –, wurden damals bestimmte vorbestrafte Personen von der Kriminalpolizei als „Berufsverbrecherinnen“ erfasst, ausgeforscht und verhaftet. Detailliert erläutert Köchl die zentrale Rolle der nationalsozialistischen Rechtsprechung und Exekutive, die nunmehr verstärkt auf den „Willen“ und (angeblich vererbbaren) „Hang“ zum Verbrechen fokussierten anstatt auf tatsächlich verübte Straftaten und deren Umstände.

Die Auswirkungen dieser menschenverachtenden Hetze rekonstruiert Köchl am Beispiel der Lebensgeschichten von acht Frauen, die als „Berufsverbrecherinnen“ von Österreich nach Ravensbrück deportiert wurden, wo sich das größte Konzentrationslager für Frauen im „Deutschen Reich“  befand.

Köchl ist selbst seit den 1990ern in der Lagergemeinschaft Ravensbrück, einer Selbstorganisation von KZ-Überlebenden und ihren Unterstützerinnen, aktiv. „Kriminelle“ galten (wie auch „Asoziale“) als „innerer Feind“, den es auszurotten galt – in den Fällen, denen Köchl anhand von Gerichtsakten nachgeht, waren es Diebinnen und Abtreiberinnen, die im KZ mit dem „grünen Winkel“ gekennzeichnet wurden.

11267428_web Sylvia Köchl „,Das Bedürfnis nach gerechter Sühne‘. Wege von ,Berufsverbrecherinnen‘ in das Konzentrationslager Ravensbrück“
Mandelbaum Verlag, 340 S., 24,90 Euro

Dennoch: Bis heute sind „Berufsverbrecherinnen“ nicht offiziell als NS-Opfer anerkannt. Ein „Imageproblem“, wie Köchl konstatiert, wurden doch sämtliche KZ-Häftlinge von der NS-Propaganda als „Volksfeinde“ und „Verbrecher*innen“ diffamiert. Ihr Befund stellt den Umgang offizieller Gedenkpolitik und von KZ-Opfer-Organisationen mit jenen Leidtragenden, denen keinerlei symbolische oder materielle Entschädigung zuteilwurde, zur Diskussion: Wer gilt als politisches NS-Opfer, wer nicht? Und bei welchen Gruppen endet die Solidarität auch unter den Betroffenen? „,Das Bedürfnis nach gerechter Sühne‘“, das auf umfassenden Nachforschungen fußt, arbeitet nicht nur ein bisher unbeachtetes Kapitel der NS-Geschichte auf und schafft dafür kritisches Bewusstsein. Es dokumentiert auch – auf äußerst spannende Weise – den langjährigen Rechercheprozess selbst und beschreibt damit auch den gesellschaftlichen Kontext, der ein Nachforschen ermutigt oder behindert und so die Voraussetzungen dafür schafft, wie Erinnern möglich wird.

Diese Rezension ist zuerst in Missy Magazine 01/2017 erschienen.


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