Selbstbestimmung statt Superstardom

Der Soundtrack zu „Oh Yeah, She Performs“ ist da! In dem Dokumentarfilm begleitet die Wiener Radiomoderatorin und Regisseurin Mirjam Unger vier österreichische Musikerinnen. Lest hier den Text aus der aktuellen Missy.

18.12.12 > Film & Serien, Musik

In ihrem Dokumentarfilm „Oh Yeah, She Performs!“ begleitet die Wiener Radiomoderatorin und Regisseurin Mirjam Unger vier österreichische Musikerinnen und zeigt, wie selbstbestimmtes Musikmachen aussehen kann.

Foto: Mobilefilm

Nach einem Auftritt im slowakischen Košice zählt Vera Kropf mit zerlaufenem Make-up die Gage für ihre vierköpfige Band Luise Pop. Der Backstageraum sieht so aus, wie wohl alle Backstageräume in den Indie-Locations dieser Welt aussehen: düster, zugig, abgerockt. Die genaue Summe ist im Dunkel nicht zu erkennen, aber klar ist: Üppig ist was anderes. „So, da hängen wir jetzt noch ein paar Nullen dran!“, sagt Vera Kropf selbstironisch und steckt die Scheine ein.

Einige der Protagonistinnen des Films haben inzwischen einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt und können mit Musik ihren Lebensunterhalt bestreiten – Chanson-Elektronikerin Gustav komponiert mittlerweile für Theaterbühnen, Indie-Folkerin Clara Luzia spielt vor ausverkauften Hallen und House-Songwriterin Teresa Rotschopf sehen wir bei einem Gig in New York. Trotzdem sind ihre Lebensentwürfe weit weg von dem Glamour, der große weibliche Stars umgibt. Denn auch wenn Namen wie Rihanna, Adele, Katy Perry, Nicki Minaj, Taylor Swift oder Lana Del Rey sich heute in den oberen Etagen der Hitparaden drängeln, ist das noch lange kein Beleg dafür, dass an der Basis alles in Butter ist, wie gerne in schmetternden Zeitdiagnostiken à la „Die Zukunft des Pop ist weiblich!“ suggeriert wird. Fakt ist: Auch heute gilt als vorherrschendes Bild der Geschlechterverhältnisse im Pop noch das, was die Musikwissenschaftlerin Mavis Bayton in ihrem Aufsatz „Women and the Electric Guitar“ 1997 so formuliert hatte: „Male fans buy a guitar; female fans buy a poster“. Sich in feuchten Kellerräumen die Finger wundzuspielen, schweres Equipment herumzuzerren, sich schwitzend auf der Bühne zu verausgaben und dabei meist von männlichen Technikern umgeben zu sein, ist, um Bayton zu paraphrasieren, etwas, das in den Augen einer nach wie vor binär denkenden Öffentlichkeit die Männlichkeit von Jungs erhöht, die Femininität von Mädchen aber eher „gefährdet“. Was dazu führt, dass es nach wie vor viel selbstverständlicher für Jungs ist, mit ihren Kumpels eine Band gründen zu wollen, als für kleine Mädchen mit ihren Kumpelinnen, und dass es sich für Frauen, die ungeachtet all dessen ihren (Musik-)Stiefel durchziehen, manchmal ganz schön einsam anfühlen kann.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine ganze Armada an weiblichen Acts mit selbstbewussten bis widerständigen Images und Inhalten, die, wie im Fall von Beth Ditto, sogar bis ganz nach oben vordringen. „Es hat sich wirklich viel getan, seit ich jugendlich war“, räumt die 1970 geborene Regisseurin Mirjam Unger ein, die in Österreich als Moderatorin des Jugendsenders FM4 bekannt ist. „Heute kann sich z. B. meine 17-jährige Tochter an ganz anderen Role Models orientieren als wir damals. Für sie ist es eine ernsthafte Option, mit Freundinnen eine Band zu gründen.“ Das alte Problem der Vorbildhaftigkeit sei aber eben immer noch nicht restlos gelöst, was einer der Beweggründe für die zweifache Mutter war, diese Doku zu verwirklichen: „Der Film ist notwendig, weil es um die richtige Arbeit hinter den Images geht. Die weiblichen Stars in den Charts haben eine Riesencrew hinter sich, Stylisten, Produzenten, Marketingexperten, die in der ‚Shevolution‘ die Möglichkeit entdeckt haben, viel Geld zu verdienen. So sieht der Musikerinnenalltag im Normalfall nicht aus. Es geht nicht um den Traum, ein Superstar zu werden, sondern vor allem um Selbstermächtigung. Und um den Mut, mit den eigenen Ideen an die Öffentlichkeit zu gehen.“ Auch Vera Kropf, Sängerin und Gitarristin von Luise Pop, nervt das oberflächliche Gequatsche von den Frauen, die nun im Pop die Macht übernommen hätten: „Ich sehe das als einen Hype. Queer ist in. Frauen haben Exotenbonus. Im echten Leben sind es noch immer dieselben bärtigen Typen mit schwarzen T-Shirts und Dosenbier, die das 15-jährige Mädchen belächeln und ihre Songs als romantischen Blödsinn abwerten. Frauen in der Musik dürfen aber keine Modeerscheinung bleiben.“

So sehen wir in diesem Film, der die Situationen auf und hinter der Bühne für sich sprechen lässt, statt lange die Biografien hinter den Bildern aufzurollen, Clara Luzia dabei zu, wie sie die CDs ihres eigenen Labels sortiert und kleine Fan-Gadgets für einen Auftritt im Wiener Flex fertig macht. Wir beobachten Luise Pop, die, eingepfercht in ein großmütterlich eingerichtetes Häuschen, ein Wohnzimmer zum Proberaum umfunktionieren. Wir begleiten Gustav auf einer Zugfahrt nach München, bei der sie über ihr Konzept feministischer Mutterschaft spricht, und verfolgen Teresa Rotschopfs Weg vom singenden Model bei der Major-Band Bunnylake zur eigenständig textenden und komponierenden Performerin, die zwischen Probe und Auftritt mal eben Partner und frisch geschlüpftes Baby beknuddelt. Alles keine atemberaubenden Aha!-Momente, sondern eher kleine Mosaiksteine, die zusammengesetzt die ganzen Facetten von Musikschaffen zwischen Jugendzentren-Tourneen bis zu Kompositionen für bourgeoise Bühnen in ihrer manchmal drögen und manchmal beglückenden Alltäglichkeit darstellen – aus einer dezidiert weiblichen Sicht.

Damit der Film nicht nur diejenigen erreicht, die es eh schon wissen, hat Unger schon ab ovo auf die ganz Jungen gesetzt und kooperiert explizit mit Schulen: „Das Arge ist, dass es so wenige Bilder von autark musikmachenden Frauen hierzulande gibt. Zumindest in Österreich findest du vor den Nullerjahren so gut wie keine Frauen, die als Texterinnen, Komponistinnen, Performerinnen in Erscheinung treten. Der Film ist der Versuch, mit Bildern eine Diskussion unter jungen Menschen anzufachen. Es ist uns nicht bewusst, aber eine Band wie etwa die Lassie Singers in Deutschland ist geschichtlich gesehen ein unfassbar wichtiges Ereignis und wird im Nachhinein viel zu wenig gewürdigt – weil es eben eine ‚Frauenband‘ war.“

Für Clara Luzia, die einzig queere Künstlerin im Film, ist die Doku Teil eines noch viel größeren Projekts – und damit ein wichtiger Anfang: „Filme sind ein Weg, Empowerment zu betreiben. Ich sehe sie aber nur als Tropfen auf den heißen Stein. In der Erziehung, zu Hause, in den Kindergärten muss viel selbstverständlicher werden, dass Kinder unabhängig aller möglicher Faktoren wie Geschlecht, Herkunft, Ethnizität das Recht haben, sich auszuprobieren, zu artikulieren, ihren Raum zu beanspruchen.“ Wir freuen uns bereits auf Legionen rockender Kita-Zwerginnen.

Den Soundtrack zum Film gibt es jetzt im Handel: Mit Musik von Gustav, Clara Luzia, Luise Pop und Teresa Rotschopf. Die elf Songs wurden während der Dreharbeiten in Wien, New York, Hamburg, Oberretzbach, Kosice und beim Klangbadfestival Scheer aufgenommen. Zum Film selbst gibt es hier mehr.