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CTM Festival 2015: Verkörperlichte Technologie und Resonanz

Digitale Soundfrequenzen, Vibrationen und Phantome. Die CTM brachte bereichernde Tage für die ansonsten eher monotone Berliner Clubkultur.

26.02.15 > Musik

Von Christin Bolte
Die, die vom 23. Januar bis zum 1. Februar noch genug verfügbares Einkommen hatten, konnten sich beim Berliner CTM Festival, über die ganze Stadt verteilt zwischen abenteuerhafter Musik, soundbasierter Kunst und wunderbaren Talks, hin und her treiben lassen. Sogar vergleichsweise günstig, sagt sich die, die nicht in dieser Stadt lebt, wo alles so günstig ist, eben auch die Lohnkosten. CTM stand früher mal für Club Transmediale und ist bis heute noch musikalischer Ableger des im Haus der Kulturen der Welt (HKW) residierenden Medienkunstfestivals Transmediale, dessen diesjähriges Motto Capture All, alles mitzeichnen, im Zeichen von Big Data stand. Dem Ansammeln, speichern und auswerten von massenhaft Daten im super-duper corporate Internet. Facebook lässt grüßen.

Foto: Stefanie Kulisch

Leider waren die Arbeiten der eigentlichen Transmediale Ausstellung ohne genauere Hintergrundrecherche irgendwie schwer zugänglich oder seltsam unbeeindruckend. Ob das an der transmedialen Beschaffenheit der Werke oder ihren Präsentationskonzepten liegt, ist schwer zu sagen und vielleicht auch Sache der jeweiligen Erwartungshaltung. Komplexe, digitale Konzepte und Ideen in einer messeartigen Situiertheit zu vermitteln ist nicht leicht. Nur der mit grauem Gewebestoff bespannte Bauzaun, der die Arbeiten und Wege strukturierte, wirkte in seiner dystopischen Präsenz extrem beeindruckend. Und verwies klaustrophobisch auf eine nicht nur mögliche Bedrohung, sondern auf eine längst schon omnipräsente Tatsache. Alles ist da, unlöschbar, in unendlicher Geduld und Boshaftigkeit auf seine Gelegenheit lauernd. Wie Mark Fischer es so drastisch schön im aktuellem Spike Art Magazine formuliert.

Die CTM kontrastierte diese jetztzeit-analytische Masse an digitalen Zeig-hier-zeig-da-Displays, an bewegten und unbewegten Bildern, mit einem großen Ätsch. Und zoomte mit dem Thema Un-Tune tief ins facettenreiche Zusammenspiel von Körper, Technologie und Sound. Psychosomatisch wirksame Aspekte sinnlicher Stimuli und soundtechnologischer Entwicklungen auf der einen Seite. Die körperliche Bedingtheit des Mediums Sound selbst auf der anderen.

Im Saal des HAU2 setzt das Stereobild auf dieser Seite erst nach zehn Minuten ein. Der Sound wird klarer, höher, weniger warm und dabei sehr konkret. Der Wunsch steigt auf, dass dort Tanz wäre, wirklich Körper und Bewegung für alle möglich und erlaubt. Aber alle sitzen da, gucken und hören. Soweit das geht, mit den Stöpseln im Ohr. Rose Kalal und Mark O Pilkington sitzen inmitten der Bühne. Sonst gibt es keinerlei körperliche Bewegung im Raum. Nur die analogen Bassfrequenzen bringen den Körper eindringlich zum Vibrieren, in einem Bogen vom Solarplexus hin zum Bauch. Vor ihnen performte Marcus Schmickler, da ging der digitale Sound mit psychoakustischen Tricks gleich ins Gehirn, und der Bass war ein plumpes Wabern. Aber das hier, das ist Körper pur. Warum tanzt denn Keine?

Ja, das mit dem Tanz, das ist so eine Sache, und das erklärt die neurowissenschaftliche Musikforscherin Maria A.G. Witek später in ihrem Talk über Pleasure and Body-Movement in Music and the Cognitive Neuroscience of Groove ganz genau. Und zwar: für die perfekte Tanzwut, braucht das Gehirn einen irgendwie zu erahnenden, gleichbleibenden Beat mit einer Prise zusätzlicher, am besten polyrhythmischer Ungenauigkeiten. Deren vermeintliche Unvorhersehbarkeit (Komplexität) dann macht das ganze wieder derart interessant für die grauen Zellen, dass es im Belohnungszentrum groovt, die Füße zucken und voilá wir schleppen uns auf den Dancefloor. Drone hat keine Beats.

Roundtable im Bethanien (Foto: Udo Siegfriedt)

Die CTM-Talks moderierte und co-kuratierte die Soundkünstlerin Annie Goh. Es ging um die körperliche Wirkung von Tanzmusik, pre-historischen Chants oder um Fragen der Gender-Archäologie – und ob die ersten Trommelnden nicht doch Frauen waren oder warum es eine männliche Stimme braucht und nicht einfach eine tieffrequente, um diese oder jene Resonanzfrequenz hervorzubringen.

Eleni Ikoniadou (Foto: Stefanie Kulisch)

Keine externe Quelle braucht hingegen der in der Natur vorkommende Hum-Drone, ein tiefer durchgehender Basssound, der weltweit nur in wenigen Regionen als mysteriöser, quellenloser Unterton zuhören ist und für den Eleni Ikoniadou von der Kingston University Expertin ist. Weniger bei der Panelbesetzung als eher im Publikum war zu spüren, dass die Zeiten für den graubärtigen, glatzköpfigen Experten bald vorbei sein werden. Gab es doch auffällig häufig Rückmeldung, Ergänzung und Bedürfnis nach Fachsimpelei von verschiedensten, teils sehr jungen Frauen. Und einige der geladenen Herren gaben sich durchaus Mühe, Arbeiten von bedeutsamen Kolleginnen in ihren Beispielen anzuführen; von der leider verstorbenen Expertin für neurosonische Instrumente, Maryanne Amacher bis zur Chefpsychoakustikerin Diana Deutsch.

Foto: Stefanie Kulisch

Im MusicMakers Hacklab war die Arbeit am Sound weniger abstrakt und zumindest die Kategorie Gender relativ ausgeglichen. Experimentieren, basteln und voneinander lernen war hier das Paradigma. Gebaut wurden furiose Hardwareschnittstellen zu Softwareanwendungen, wie SuperCollider, MaxMsp, Arduino oder Ableton. Von Bio-Hacking, Yoga bis Elektroschocks – alles dabei.

Leslie Garcia, Peter Kirn sowie Native Instruments’ Mino Kodama kümmerten sich rührend um die Teilis, die am Ende des Festivals ihre Arbeiten im Hebbel am Ufer live präsentieren durften.

Theresa Schubert bastelte mit bioakustischen Wearable Sensoren eine fast fashiontaugliche Schnittstelle für ihren Bauch, dessen noch junges Innenleben als Trigger für kalte, düstere Basssounds fungierte. Aliisa Talja kreierte aus einem Kombuchapilz eine elegant, gruselige Maske als Soundschnittstelle. Diana Combo kombinierte Yoga und Atmung mit Sound. Die Digitalkünstlerin Helena Lingor programmierte und lötete einen bewegungssensitiven Handschuh als musikalisches Steuerungsinstrument (frei nach Imogen Heap). In diesem Kontext sorgten Anastasia Vtorova oder auch Machine Woman und Sinead Meany – mit Pedalsampler und Loopmachine und aus dem Laptop generierten Visuals – für einen fast klassischen, low-tech Abschluss.

Nur die Qualität des Programmes der Clubnächte hätte aus dieser Perspektive noch etwas mehr Raum nach oben gehabt, um wirklich adventurous zu sein. Und das nicht nur weil der Anteil an sich-nicht-als-weiblich-identifizierenden Acts am CTM Festival bei inzwischen nur noch 71 Prozent liegt (im Vergleich zu 87 Prozent vom Vorjahr), Ausstellung und Hacklab sei dank. Nachzuholen gibt es da für ein mit öffentlichen Mitteln gefördertes Festival immer noch viel. Jeder DJ hätte locker, ja auch bei gleicher oder besserer ästhetischer Qualifikation, von einer sich weiblich identifizierenden Person ausgetauscht werden können. (Ja, das ist ein Trick, um die Verteilung auszugleichen, ja den haben wir euch nun verraten.) Und auch die Inbetrachtziehung künstlerischer Positionen of Colour war in der kuratorischen Gesamtauswahl zu vermissen. Nun, die Auswahl von spannenden Frauen, wie der Expertin für Datensonifikation Kelly Snook oder der experimentellen Landschaftsarchitektin Rachel Armstrong für das MusicMakers Hacklab sowie die Präsentation von neuen Gesichtern im Berghain lassen Hoffnung aufschimmern.

Bei dieser CTM haben, aus popdiskursiver Perspektive interessanterweise genau Newcomerinnen, wie We Will Fail, Klara Lewis, Gazelle Twin oder die Berliner DJs Sarah Farina und Born in Flamez die großen Namen und weit gereisten Stars in die Ecke gespielt.

We Will Fail (Foto: Promo)

Im Berghain hören sich die Live-Acts von Klara Lewis und We Will Fail wie eine sehr bedacht ausgewählte, künstlerische Werkschau an. Bassige Sphären und stets fremdartige Sounds bewegen sich definiert durch die dunkle Halle. Bei We Will Fail wird alles immer wieder auf Anfang gesetzt. Die Tracks werden angespielt und wieder aufgelöst. Bevor der Körper sich dran gewöhnt hat. Irgendwo zwischen abstrakter Club After-Hour und skandinavischem Kriminalfilm lagern sich die scharfen, industrialverwandten Tracks unorthodox übereinander. Klar, schaufelnd, rhythmisch und wieder auseinanderfallend. Die Sounds sind kalt und organisch zugleich, wie unter unvorsichtigen Schritten auseinanderbrechende Hölzer in einem längst erfrorenen Wald.

Gazelle Twin antwortet auf diese zurückgenommene Produzentinnenschau mit einer gewaltigen Live-Performance zwischen harten, oldschool-electro Beats, gesangsartigem Fluchen und unbändigem Körpergefühl. Wie ein gefangenes Tier bewegt sie sich, unvorhersehbar und unkenntlich bis auf das Kapuzenpulloverblau, auf den wenigen paar Bühnenmetern. Ihr Bühnenpartner Kapuzenrot im Hintergrund. Keine Gesichter, nur Stimmeffekte und eine kleine Beatmachine, sonst nichts. Die Brutalität der Einfachheit nimmt jede mit. Insbesondere hier, wo sonst alles aus dem Laptop zu kommen scheint. Wie Klara Lewis, Gazelle Twin und We Will Fail genau arbeiten, das erzählen sie uns gleich weiter unten.

>>> Interviews mit den Künstlerinnen und Expertinnen We Will Fail, Klara Lewis, Gazelle Twin, Maria A.G. Witek und Annie Goh gibt es hier <<<

Bemerkenswert zu beobachten war an diesem Abend im Berghain auch, wie das Verständnis von Autorenschaft in der elektronischen Clubmusik sich tatsächlich verändert hat. Hype um eine künstlerische Person entsteht durch die Inszenierung des künstlerischen Selbst während der Live-Performance. Noch vor Jahren galt die Zusammenstellung von aus Samples (Schnipsel existierender Musik) und Beats gebastelten Tracks als Mixtape. Diese Arbeit war klar der DJ-Tätigkeit zugeordnet. Heute hingegen tragen die jungen Männer keine Mixtapes vor, es gibt auch keine MC, die im Vordergrund drüber rappt. Heute inszenieren sie sich gekonnt, an sich selbst glaubend als Künstler ihrer Live-Acts im Zentrum der Bühne ganz vorne, eigene Lichtshow inklusive. Und alle glauben mit. Vielleicht liegt genau hier ein Punkt, wo ein Genderdivide in der elektronischen Musik entsteht, eben weil genau die Performance so sehr die öffentliche Wahrnehmung bestimmt?

Das dem Geekism verpflichtete und für Experimente brennende Nerdherz würden sagen, 2015 hat die CTM ihr Mutterschiff Transmediale irgendwie überholt. Experimentell, spielerisch und in jedem Fall detailverliebt war bei der CTM irgendwie alles möglich, was sich mit der Wechselwirkung von Sound, Technologie und Köper befasst. Und damit war die CTM ein inspirierender Ausgangspunkt für ein neues Jahr zwischen Sound, Technologie und Musik.


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