Die neuen Gendertrender

Bend it: Die Modewelt hat trans und nicht-binäre Models für sich entdeckt. Aber wer wird dabei mitgenommen?

25.01.18 > Mode & Beauty

Von Sonja Eismann

Weiblich identifizierte Models führen Männerkleidung vor, männlich identifizierte Models zeigen Frauenkollektionen. Männermode wird rüschiger, Frauenmode tougher. Unisex- bzw. Agender-Entwürfe stoßen auf immer größeres Interesse in der Modebranche. Auf glossy High-Fashion-Anzeigen lächeln wunderschöne Menschen, die sowohl als feminin wie maskulin oder nichts davon gelesen werden können. Als androgyn beschriebene Models wie Tamy Glauser oder Rain Dove verweigern sich stereotypen Geschlechterrollen und werden von etablierten Häusern wie Louis Vuitton oder Vivienne Westwood gebucht. Topmodel Andreja Pejic durchlebt eine Transition, was die meisten Medien interessiert und respektvoll begleiten.

Tamy Glauser ist eins der bekanntesten androgynen Models © Goran Basic/NZZ

Es gibt Agenturen mit eigenen Abteilungen für nicht-binäre Models, wie My Friend Ned in Kapstadt, die sich Gedanken um die korrekte Adressierung ihrer Models machen, oder die New Yorker Agentur Trans Models, die nicht nur trans Personen, sondern auch all jene bei sich sehen möchte, die sich als gender non-conforming oder non-binary verstehen. Und sogar der „Playboy“, dessen härteste Währung bis dato das altbacken erotische Märchen von den zwei Geschlechtern war, zeigt – direkt nach dem Tod des Patriarchen Hugh Hefner – mit dem französischen Model Ines Rau zum ersten Mal eine trans Frau auf dem Cover. Während Donald Trump den Kleidungsbacklash herbeisehnt und möchte, dass Frauen, die für ihn arbeiten, sich „wie Frauen kleiden“ – was auch immer das konkret bedeuten mag –, weichen in der Fashionwelt alte Genderkategorien immer mehr auf.

Binäre Geschlechtergrenzen sind in der Mode, wie in der gesamten Gesellschaft, im weitesten Sinne ein Produkt der bürgerlichen Geschlechtertrennung. Verliefen doch die sozialen Trennlinien vor der Französischen Revolution auch modisch bekanntlich nicht primär zwischen den Geschlechtern, sondern zwischen den Klassen, sodass die Privilegierten sich, ungeachtet des Geschlechts, möglichst prunkig ausschmückten, während der Rest sich mehr oder weniger prosaisch gewanden musste. Doch auch nach dieser Neuordnung war das Überschreiten der Schranken der Zweiteilung immer wieder Teil des modischen Spiels – man denke nur an die femininen Männer der Hippies oder die maskulinen Frauen des Punk, um zwei willkürlich gewählte Beispiele aus dem Bereich westlicher Popkultur zu nennen.

Neu ist diese Begeisterung für die Auflösung der etablierten Geschlechterordnung also nicht. Gerade in den letzten Jahren hat die Fashionindustrie, stets auf der Suche nach neuen Kicks und Images, auch Reservoirs abseits cisnormativer Beautyideale angezapft. Mehr Diversität ist die Devise, wenn auch mithin nur zögerlich oder mit höchst fragwürdigem Freakfaktor.

Was für die einen ein aufregender neuer Trend ist, mit dem die eigene Weltoffenheit unter Beweis gestellt werden kann, bedeutet für die anderen jedoch Identität und Alltag. So setzte sich die „US Vogue“ mitten in die Nesseln, als sie im Juli dieses Jahres proklamierte, Model Gigi Hadid und ihr singender Boyfriend Zayn Malik seien „Teil einer neuen Generation, die Genderfluidität zelebriert“. Evidenz für diese mehr als steile These waren für die Zeitschrift Aussagen wie die von Hadid, sie bediene sich die ganze Zeit aus dem Kleiderschrank ihres Freundes. Oder die von Malik, er borge sich gerne mal ein Anna-Sui-T-Shirt seiner Partnerin, auch wenn es eigentlich für Mädchen gemacht worden sei und an ihm ziemlich eng aussehe.

Im darauf folgenden Shitstorm ärgerten sich viele, dass für die Illustration der – durchaus zutreffenden – Beobachtung, dass Gender für eine neue Generation junger Menschen in der Prioritätenliste ziemlich weit unten rangiert und deren Klamottenwahl diese Indifferenz widerspiegele, ausgerechnet ein Promi-Pärchen gewählt worden sei, das bis dahin mit eher konventionellen Genderbildern von sich reden gemacht hatte. Warum stattdessen nicht tatsächlich nicht-binäre Personen befragen? Molly Priddy, Autorin des Onlinemagazins „Autostraddle“ ätzte via Twitter: „Straightes cis Pärchen tauscht Klamotten, Vogue erklärt sie zu Genderfluiden. Das muss die Teen Vogue wohl wieder für Mama Vogue aufräumen.“

Dabei hatte die „Teen Vogue“ eben das einen Monat vorher, quasi ex ante, bereits gemacht. In einem Artikel über „Die Wichtigkeit von nicht-binären Models in der Modewelt“ beklagte Sian Ferguson die mangelnde Präsenz genau dieser Models in einer Umgebung, die sich beim Begriff „Androgynität“ gerne mit Bildern weißer, dünner, normschöner Models mit scharfen Wangenknochen zufriedengebe – und wies damit auch noch auf die mangelnde intersektionale Sensibilität innerhalb des Themas hin. Der androgyne Look sei derzeit zwar gefragt wie nie, werde aber oft mit sich selbst binär identifizierenden Models „aufgeführt“, was nicht unbedingt von einem tieferen Interesse an der gesellschaftlichen Dimension von nicht eindeutigen Geschlechter­identitäten zeuge. Auch die Medien, die beispielsweise über Models wie Tamy Glauser berichten, bemühen sich zu betonen, dass sie sich, trotz ihres früher stets kahl rasierten Schädels und ihres Tomboy-Styles, auf jeden Fall als Frau definiere. Andreja Pejic, die vor ihrer Transition als wunderschön gefeiert und im Hochzeitskleid als engelsgleiche Braut bestaunt wurde, kann heute nicht annähernd an die Erfolge von früher anknüpfen. Der Novelty- bzw. Schauwert der gefeierten Androgynität mag hoch sein, doch sobald die cisnormativen Grundfesten ins Wanken geraten könnten, wird schnell ein Rückzieher gemacht.

Die Nachhaltigkeit der momentanen Non-binary-Begeisterung muss in einem Kontext, in dem die überwältigende Mehrzahl der Designer*innen immer noch bleiern am Konzept der getrennten Frauen- und Männerkollektionen festhält und in dem die Kleidungsshoppingflächen weiterhin strikt nach Geschlecht segregiert sind, ohnehin infrage gestellt werden. Denn das mittlerweile omnipräsente Gendermarketing lehrt, dass Konsumen-t*innen sich mit ihrer Einteilung in explizit männlich oder weiblich gezielter angesprochen fühlen und ergo mehr Umsatz mit ihnen gemacht werden kann. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn alle nur noch Unisexklamotten einkaufen würden.

Davon unabhängig stellt sich jedoch auch die Frage, wer überhaupt gemeint ist, wenn Modehäuser und Medien Nicht-Binarität feiern. Denn die Bilder, die zu diesen Storys präsentiert werden, sind, wenn auch nicht immer so unpassend wie im „Vogue“-Artikel, meistens die einer überirdischen Schönheit. Der Subtext, der dabei stets mitläuft, ist der einer Amalgamierung sowohl höchster femininer wie auch maskuliner Perfektion, sodass am Ende eine Art optimierter Supermensch erscheint. Er flüstert uns zu: das Beste beider Welten, in einer Person vereint! Dass diese Form seltener und meist auch unkonventioneller Schönheit nun Bewunderung erfährt, ist für die Betroffenen mehr als befriedigend, zumal viele von ihnen unzählige Diskriminierungserfahrungen gemacht haben.

Es beweist, dass wir in der Lage sind, unseren Beauty­kanon abseits zementierter Mann/Frau-Schemata zu erweitern. Nur: Nicht alle non-binary oder trans Personen sind wunderschöne Models (und wollen es vermutlich auch gar nicht sein). Natürlich gehört es zum Wesen der Mode, Illusionen zu erzeugen und zu verkaufen, und den meisten Menschen ist dieser Umstand auch völlig bewusst. Doch wenn diese Bilder fast die einzigen sind, die von der Community in weiteren Zirkeln kursieren, wird für alle, die ihnen nicht entsprechen, neuer Druck aufgebaut.

Es ist illusorisch, von der Modeindustrie zu fordern, ihre eigenen Schönheitsstandards komplett zu unterminieren, denn im Kapitalismus müssen Sehnsüchte unstillbar sein, damit die Bedürfnisse nie komplett befriedigt werden können („ich möchte so aussehen wie die schöne Person auf dem Bild, und wenn ich mir Dinge kaufe, die diese schöne Person auf dem Bild hat, werde ich auch so schön sein, und wenn ich es dann doch nicht bin, muss ich noch mehr kaufen …“). Trotzdem sollten wir fordern, dass es auch Platz für die Looks von nicht-binären Leuten gibt, die vielleicht in sich das vereinen, was als das Schlechteste von männlich und weiblich gilt, oder die völlig unauffällig aussehen.

Auch wenn es erfreulich ist, dass die Modewelt Existenzweisen akzeptiert und positiv abbildet, die die alte cis Ordnung sprengen – wenn es ihr dabei auch wieder nur um die Kolonisierung des beständig Anderen geht –, kann es nicht sein, dass nicht-binäre und genderqueere Menschen neben allen anderen Grenzauflöser*innen nur um den Preis der Schönheit Anerkennung finden. Wir sollten der bildmächtigen Mode nicht die bildliche Definitionsmacht abtreten. Denn es muss auch noch von der Mehrheit als hässlich empfundene, widerständige Bilder des Anderen geben, um dem System ein bisschen Angst einzujagen.

Dieser Artikel erschien zuerst in Missy 06/17.

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