No, thank you

Unsere Kolumnistin fühlt derzeit Weltschmerz. Der Versuch einer Auseinandersetzung mit dieser seltsamen Zeit.

21.04.20 > Josephine Apraku
Profilfoto


Josephine Apraku ist neues Elternteil. Zusammen mit Jule Bönkost leitet sie das Institut für diskriminierungsfreie Bildung.

Von Josephine Apraku

Ganz ehrlich, ich weiß diesmal so gar nicht, worüber ich schreiben soll. Dieser Text fühlt sich schon mit seinen ersten Zeichen wie eine Therapiesitzung zu früh am Morgen an: Es sind grundsätzliche viele Emotionen zum Besprechen da, aber ich bin noch voll nicht auf der Höhe für das notwendige Maß an Selbstreflexion. Dabei finde ich Selbstreflexion richtig geil.

©Tine Fetz

Das Einzige, was mir einfällt, der Gedanke, der immer und immer wieder in meinem Kopf erscheint, unklar, wie eine zu helle Leuchtreklame in der Ferne, ist dieser: Was ist das für eine seltsame Zeit. Was ist das für eine seltsame Zeit. Was ist das für eine seltsame Zeit. Mein Hirn kommt bei allem, was gerade geschieht, nicht hinterher. Für so viel Information ist mein Hirn nämlich nicht gemacht, die aktuelle Situation ist der Lackmustest. Die Antwort meines Gehirns darauf kommt unerwartet auf Englisch: „No, thank you.“

Ich versuche es trotzdem: Obwohl ich den Begriff „Weltschmerz“ irgendwie abwertend finde, ist er der einzige, der beschreibt, wie ich mich gerade fühle. Als Freiberufliche bin ich von der aktuellen Situation, der Pandemie, finanziell betroffen. Aber ich stehe insgesamt vergleichsweise gut da. Meine Lebenshaltungskosten sind nicht besonders hoch und ich muss nicht alles allein stemmen. Klar, dass ich gerade die Kindergarteneingewöhnung hinter mir habe und nach knapp einer Woche arbeiten im Wellnessmodus alles ein vorerst jähes Ende findet, ist nicht optimal, kriegen wir aber auch irgendwie geregelt. Dass die Krabbelgruppen und Familiencafés nicht offen sind, macht das Leben fürs Kind isolierter, dafür weiß es, was in jeder Schublade und jedem Schrank in einer Höhe bis zu einem Meter in der Wohnung ist.

Die Trauer, die ich wie eine unsichtbare Person auf meinem Rücken trage und die ihren Griff etwas zu fest um meine Brust hält, gilt nicht unbedingt mir. Es ist eher die Sorge um die vielen, für die diese Situation, das Kontaktverbot, um ein vielfaches drastischer ist als für mich selbst: Alleinerziehende mit kleinen Kindern z. B., die von zu Hause aus arbeiten sollen – als ob! – oder einfach die ganze Zeit keine Pause bekommen. Meine Trauer gilt Geflüchteten, die auf ein solidarisches Europa hoffen. Sie gilt Menschen, die jetzt noch stärker häuslicher Gewalt ausgeliefert sind. Ich sorge mich um jene, die psychisch krank sind und deren Routine nun gebrochen ist, und jene, die Tagesstätten besuchen, um im Kontakt mit anderen zu sein. Denn es ist klar, dass die Gräben, die unsere Gesellschaft durchziehen, in diesen Zeiten tiefer und breiter werden.

Als Feministin brauche ich keine Studie, um zu wissen, dass die Auswirkungen dieser Pandemie Frauen mit/auf allen intersektionalen Achsen – wenn auch unterschiedlich – hart treffen wird. Die Gleichung für hetero Paare mit Kind z. B. ist ja, wenn wir beide einer Lohnarbeit nachgehen, muss unser Kind fremdbetreut werden – das fällt jetzt weg. Wenn ich abends in die hell erleuchteten Fenster meiner Wohngegend schaue, frage ich mich, wie viele Mütter mal eben nebenbei Essen machen oder nur schnell noch die Wäsche machen, während sie versuchen, zu arbeiten und die Kinder zu beschäftigen und bei ihren Schulaufgaben zu unterstützen. Die un- oder unterbezahlte Sorgearbeit, auch in den entsprechenden Berufen, die zu großen Teilen von Frauen getragen wird, ist in diesen Tagen mehr geworden, während gleichzeitig einige in Kurzarbeit sind oder ihr Lohn komplett ausfällt.

Es ist eine seltsame Zeit und sie wird ihre Spuren in uns und unserer Gesellschaft hinterlassen. Welche das sein werden? Ich weiß es nicht, aber mein Optimismus hält sich in Grenzen.


Beitragsnavigation